Mit vielen Angeboten am Girls’ Day und Boys’ Day wollen die Betriebe im Land das verfestigte Rollendenken junger Menschen aufbrechen. Die Wirtschaftsministerin fordert mehr Mut.
Ministerin Nicole Hoffmeister-Kraut mit der Sechstklässlerin Maria und dem Lapp-Azubi Sven Litterst beim Kupferdrahtbiegen.
Von Matthias Schiermeyer
Für die geschäftsführende Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist es einer von wenigen öffentlichen Auftritten zwischen Landtagswahl und Neubildung der Regierung – an sich ein Routinetermin. Doch gibt sich die CDU-Politikerin durchaus Mühe, den Girls’ Day als dessen Schirmfrau sinnvoll zu nutzen.
Hoffmeister-Kraut ist zu Gast beim Kabelhersteller Lapp am Standort Stuttgart-Vaihingen. Dort haben 16 Mädchen zwischen 11 und 15 Jahren die Gelegenheit, in die Berufsbilder der Fachinformatikerin, der Kauffrau für Digitalisierungsmanagement und der Mechatronikerin hineinzuschnuppern. Sie biegen Kupferdrähte, löten Platinen, drucken ihren eigenen Namen in 3D – und können mit der Ministerin in Kontakt kommen. Diese begibt sich zur Sechstklässlerin Maria und zur ebenso elfjährigen Malia, fragt nach persönlichen Interessen für die Zukunft und fordert die 16 Mädchen auf, offen, neugierig und mutig zu sein – nicht erst bei der Berufswahl, sondern möglichst schon bei den Praktikumswochen etwa. „Geht mal andere Wege!“, lautet ihre Devise.
Mehr junge Männer in Grundschulen
Denn das ist das Ziel des Girls’ Days: Klassische Rollenbilder sollen abgelöst, mehr junge Frauen für zukunftsrelevante Berufsfelder gewonnen und Geschlechterunterschiede reduziert werden. Mehr als die Hälfte aller Mädchen wählt einen der zehn populärsten Ausbildungsberufe wie Lehrerin oder Erzieherin – obwohl es in Baden-Württemberg 330 dieser Berufe gibt. „Wir erleben immer noch ein Klischeedenken, das sich bei jungen Menschen verfestigt hat“, sagt Ministerin Hoffmeister-Kraut, selbst Mutter von drei Töchtern. In der Folge seien Ingenieurinnen oder Fachinformatikerinnen in der Minderheit – während es für Grundschulen wünschenswert sei, wenn sich dort auch mehr männliche Lehrer engagieren würden, meint die Ministerin.
Insgesamt betrage der Frauenanteil im sozialen Bereich mehr als 80 Prozent. „Die traditionellen Denkmuster aufzubrechen“, mahnt Hoffmeister-Kraut. Diese seien auch ein Grund für die anhaltenden Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen von fast 20 Prozent.
Das größte Interesse haben die Betriebe: Nach einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) sind fünf der zehn Berufe mit dem größten Fachkräftemangel typische Frauenberufe, wo mehrheitlich Frauen beschäftigt sind. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) sieht im Girls’ Day, der mittlerweile um den Boys’ Day erweitert wurde, daher auch mehr als einen einmaligen Schnuppertag – „er ist eine echte Chance, frühzeitig mit potenziellen Nachwuchskräften in Kontakt zu kommen“, sagt Daniel Terzenbach, BA-Vorstand für die Regionen.
Allerdings gibt es den Girls’ Day schon seit 26 Jahren – und ein Erfolg lässt sich zumindest nicht messen. Anders die Landesinitiative „Frauen in MINT-Berufen“, womit Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik gemeint sind. Da gibt es mittlerweile 78 Bündnispartner. Der Anteil von Frauen in MINT-Berufen ist zwar gestiegen, dennoch sind sie mit knapp 18 Prozent noch deutlich unterrepräsentiert.
Mehr junge Frauen in MINT-Berufe
Landesweit wurden am Girls’ und Boys’ Day mehr als 2400 Angebote mit gut 20 000 Praktikumsplätzen gemacht. Insofern hat sich nicht nur die Industrie, sondern auch das Handwerk im Land mit an die 300 Angeboten für Schülerinnen und Schüler beteiligt. Insgesamt sind rund 140 000 Betriebe Teil des Handwerks im Südwesten. Nur punktuell finden sich gemischte Belegschaften – die Bandbreite reicht vom männlich dominierten Installateurszweig bis zur Frauendomäne Friseurin. „Es gibt kein spezielles Berufsbild nur für ein Geschlecht“, mahnt Rainer Reichhold, Präsident von Handwerk BW. „Vielfalt stärkt das Handwerk insgesamt.“
Laut dem IHK-Fachkräftemonitor in Baden-Württemberg bleiben in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften bis ins Jahr 2035 rund 2100 Stellen unbesetzt. Aus den Informatik-, Informations- und Kommunikationstechnologieberufen kommen noch etwa 6400 unbesetzte Stellen hinzu. Mädchen stärker für Naturwissenschaften und Informatik zu begeistern, ist daher auch ein großes Anliegen von Edith Strassacker, IHK-Vizepräsidentin und MINT-Botschafterin des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags.
In den gewerblich-technischen Ausbildungsberufen sei der erhoffte Trend zu mehr weiblichen Auszubildenden bisher nicht erkennbar. In den vergangenen zwölf Jahren habe sich vielmehr der Anteil junger Frauen bei neuen Ausbildungsverhältnissen konstant bei rund 13 Prozent eingependelt. Zum Ausbildungsjahr 2025 (Stand Ende Dezember) hätten 419 Frauen und 2788 Männer einen Ausbildungsvertrag in einem gewerblich-technischen Beruf abgeschlossen, so die IHK.