Ist der entscheidende Treffer gegen Ecuador ein Torwartfehler gewesen? Den 40-Jährigen erfasst eine komplizierte Debatte.
Von Carlos Ubina
East Rutherford - Letztlich ist es eine Frage der Reaktionszeit gewesen – und da war Gonzalo Plata schlichtweg schneller. Mit der Fußspitze kam der Ecuadorianer an den Ball, ehe Manuel Neuer zugreifen konnte. Eine unglückliche Szene für den deutschen Nationaltorhüter, zweifellos. Da es ein verlängerter Eckball war, viel Betrieb vor ihm im Strafraum herrschte und auch Jonathan Tah nicht da stand, wo der Innenverteidiger noch hätte etwas ausrichten können. Dennoch verbindet sich mit dem Gegentor aus der 77. Minute zum 1:2-Endstand nun bei der Fußball-WM eine Diskussion, die vor allem Neuer erfasst. Der 40-Jährige musste sich nach der ernüchternden Niederlage in East Rutherford der Kritik stellen, ob es sich um einen Torwartfehler gehandelt habe.
Für Neuer ist die Sachlage klar. „Nee, auf gar keinen Fall“, parierte der Schlussmann mit einer Entschlossenheit, die er zuvor hatte vermissen lassen. Technisch (fangbereite Arme) und strategisch (Stellungsspiel) ist Neuer überzeugt, in dieser Situation alles richtig gemacht zu haben. Gegenbeweise müsste ihm wohl schon der Torwarttrainer Andreas Kronberger in einzelnen Videosequenzen vorführen. „Ich muss auf das schauen, was vor mir passiert, wo der Ball ist und was mit ihm passiert.“ Wenn er anfange, „im Fünfer auf Brustwarzenhöhe die Bälle herumzupatschen“, dann wäre es möglicherweise ein Eigentor geworden.
So viel zum Kurzplädoyer in eigener Sache. Doch hätte ein energisches Herauskommen statt dem Abwarten nicht das Unheil verhindert? Auch das glaubt Neuer nicht. Weil es sich um eine Verkettung von Aktionen gehandelt hat, die am Ende eben ihn alt aussehen lässt. „Es ist extrem schwierig zu reagieren“, sagte Julian Nagelsmann, „der Ball wird am kurzen Pfosten verlängert, der Spieler kommt dann aus seinem Rücken.“ Der Bundestrainer verteilte die Verantwortung lieber gleichmäßig auf seine Defensivspieler: „Das war eine undankbare Situation, das müssen wir anders verteidigen.“
Kein Widerspruch, zumal Nagelsmann seine Nummer eins stärken muss. Ohnehin würde man die Situation wohl anders beurteilen, wenn nicht Neuer zwischen den Pfosten gestanden hätte. Aber er bleibt der Torhüter, dem im Kreis der Nationalmannschaft eine besondere Aura nachgesagt wird. Sie soll den eigenen Mitspielern Sicherheit vermitteln sowie den gegnerischen Stürmern Respekt einflössen. Neuers Erscheinung soll sie den Bruchteil einer Sekunde zögern lassen, der entscheidend sein kann. Nur: bisher ist das nicht vorgekommen.
Rein statistisch hat Neuer mehr Gegentore hinnehmen müssen (4), als Bälle gehalten (3). Wie bereits gegen Curaçao (7:1) und die Elfenbeinküste (2:1) saß gegen Ecuador der erste Schuss auf seinen Kasten. Diesmal traf Nilson Angulo aus 22 Metern – durch die Beine von Aleksandar Pavlovic und damit unhaltbar (9.). Zumindest muss man das aus Sicht eines Keepers konstatieren, der nicht Neuer heißt. Die Sachebene wurde hier schon länger verlassen. So gehört es zur Bewertung seiner Arbeitsleistung, dass normale Paraden gerne in die Kategorie Weltklasse gehievt werden. Im Gegenzug bedeutet es aber auch, dass beim Nationaltorhüter Gegentore bis ins Feinste seziert werden.
Trotz aller Debatten über haltbare Bälle bleibt jedoch festzuhalten, dass die WM bisher noch kein Torwartturnier aus deutscher Sicht ist. Es hat kein Gruppenspiel gegeben, in dem Neuer den entscheidenden Faktor dargestellt hat. Das hat natürlich seine guten Seiten. Dennoch kann einen das Gefühl beschleichen, ob es die kurzfristige Absetzung von Oliver Baumann mit all ihren Begleiterscheinungen überhaupt gebraucht hat. Noch hat sich die spektakuläre Rückholaktion Neuers nicht bezahlt gemacht. Kann ja noch kommen mit den K.-o.-Spielen.