Mercedes GLC im Test

Probefahrt im elektrischen Mercedes GLC: Starkes SUV – aber die KI halluziniert

Hohe Reichweite, gutes Fahrgefühl und schickes Design: Damit punktet der elektrische GLC im Test. Der virtuelle Sprachassistent hat allerdings Mühe mit der Navigation.

Probefahrt im elektrischen Mercedes GLC: Starkes SUV – aber die KI halluziniert

Wirtschaftsredakteurin Veronika Kanzler testet den neuen elektrischen Mercedes GLC.

Von Veronika Kanzler

„Hey, schönes Auto! Richtig gut geworden“, rufen zwei Männer, die am Hafen von Albufeira an der portugiesischen Algarve entlangschlendern. Vor ihnen steht der neue elektrische Mercedes-Benz GLC – das nächste Schicksalsmodell für den Stuttgarter Konzern. Der bisherige GLC mit Verbrennungsmotor ist seit Jahren das meistverkaufte Mercedes-Modell.

Zumindest optisch scheint der Elektro-SUV bei dieser – zugegeben völlig unwissenschaftlichen – Stichprobe gut anzukommen. Viel schlechter hätte es nach den harschen Kritiken an den rundgeschliffenen EQ-Modellen allerdings auch nicht laufen können.

Neuanfang für Mercedes: GLC EQ setzt auf Elektroplattform

„Back to the roots“ gilt allerdings nur für die äußere Optik. Technisch ist der GLC EQ ein Neuanfang: Er nutzt die neue Elektroplattform MB.EA. Das Auto ist also von Grund auf als Stromer konzipiert – ohne die typischen Kompromisse von Plattformen, die auch Verbrenner aufnehmen können. So gibt es erstmals zusätzlichen Stauraum unter der Motorhaube und mehr Platz im Innenraum. Die Software des E-Autos läuft über das hauseigene Betriebssystem MB.OS. 

Doch was heißt das im Alltag? Vor allem, dass der GLC intelligent auf seine Umgebung reagiert – wenn auch nicht immer fehlerfrei. MB.OS ist der zentrale Rechner, über den praktisch alles läuft: Navigation, Entertainment, Sprachsteuerung, Klima- und Lademanagement, die Assistenzsysteme und alle Updates, die Mercedes over the air – also über das Internet – auf das Auto schickt.

Bei der Testfahrt an der Algarve überrascht der GLC mit einer erstaunlichen Leichtigkeit. Trotz Größe und Gewicht wirkt er nicht behäbig – man vergisst fast, dass man in einem SUV sitzt. Verantwortlich dafür ist unter anderem die intelligente Fahrwerksregelung auf S‑Klasse‑Niveau: Sie nutzt Karten- und Fahrbahndaten, um Schlaglöcher und Bodenwellen frühzeitig zu erkennen und den Fahrer zu warnen. Allerdings funktioniert das nicht immer perfekt. Gelegentlich meldet sich das System altklug erst dann, wenn die Bodenwelle längst passiert ist.

Auf der dreistündigen Fahrt über Autobahnabschnitte, Bergstraßen und durch Küstenorte verbraucht der Stromer 18,5 kWh pro 100 Kilometer – relativ sparsam für ein Fahrzeug mit 2,5 Tonnen Gewicht, das auf der Testfahrt auch öfters mal stark beschleunigt worden ist. Ein Grund für die Effizienz liegt im Antriebsstrang: Mercedes verbaut im elektrischen GLC ein Zweiganggetriebe – bei Elektroautos selten, aber kein Novum. Auch der Porsche Taycan, Audis e‑tron GT und der Lotus Eletre R nutzen diese Technik. Der Vorteil: Das Zweiganggetriebe verhindert, dass der Verbrauch bei höheren Geschwindigkeiten in die Höhe schießt.

Technische Eckdaten des elektrischen Mercedes-Benz GLC

Der Innenraum wirkt für ein SUV auf Basis der C‑Klasse ausgesprochen hochwertig. Als erstes fällt der riesige Hyperscreen ins Auge: Der 99 Zentimeter breite Bildschirm zieht sich über das gesamte Cockpit und ist erstmals nicht mehr in drei separate Displays unterteilt – das kostet allerdings extra. Umso bemerkenswerter ist es, dass Mercedes trotz des neuen, durchdigitalisierten Auftritts auf einige haptische Kundenwünsche eingegangen ist. Am Lenkrad gibt es wieder Wippe und Walze, mit denen sich Tempomat und Lautstärke manuell steuern lassen. Gerade bei höherem Tempo ist das ein echter Gewinn – und ein Sicherheitsplus, weil man nicht lange danach suchen muss.

Der GLC bietet zudem einige Neuerungen gegenüber dem CLA, dem ersten Modell auf Basis von MB.OS. So prognostiziert das System anhand von Wetterdaten, dem Höhenprofil der Route und sogar anhand der Anhängelast, falls vorhanden, sehr genau, wie weit man mit der aktuellen Batterieladung kommt. Damit liefert der GLC erstmals präzise Reichweitenprognosen. Außerdem lässt sich die Batterie gezielt vorheizen. Das ist vor allem bei niedrigen Temperaturen sinnvoll, damit der Akku an der Ladesäule sofort mit maximaler Geschwindigkeit lädt.

Virtueller Assistent im GLC kämpft mit Navigation

Die Kommunikation mit dem virtuellen Assistenten läuft – wie schon beim CLA – nicht reibungslos. Zwar schlägt das System auf Anfrage Café-Stopps für eine Pause vor und verspricht, das gewünschte Café in die laufende Route einzufügen – doch tatsächlich passiert nichts. Stattdessen behauptet der Assistent hartnäckig, das Zwischenziel sei bereits gesetzt, obwohl die Navigation das Gegenteil zeigt. Erst nach mehreren Versuchen gelingt es, das Café wirklich als Zwischenziel einzutragen.

Mercedes kombiniert mehrere KI-Agenten: ChatGPT und Microsoft Bing sind integriert, um allgemeine Wissensfragen zu beantworten. Google Clouds Automotive AI Agent ist eine spezielle KI für die Autoindustrie und sollte sich bestens mit Navigationszielen auskennen. Doch auch diese Dreifaltigkeit der künstlichen Intelligenz verhindert nicht, dass das System gelegentlich halluziniert und die Fehlinformationen selbstbewusst als Fakt präsentiert. Immerhin: Witze erzählen klappt zuverlässig – auch wenn die Navigation zuvor versagt hat.

Luxus-SUV: Mercedes GLC erreicht fast Oberklassepreise

Den GLC gibt es in der Basisversion ab 71.000 Euro. Beim dem getesteten Auto handelt es sich um einen GLC 400 4Matic mit Hinterachslenkung, adaptiver Fahrwerksregelung, Lenk- und Spurassistent, hochauflösendem Scheinwerferlicht, Ledersitzen, Hyperscreen und speziellem Metallicklack. Mit diversen Extras kostet dieser GLC rund 104 000 Euro und kratzt für einen Mittelklasse-SUV gefährlich an Oberklassepreisen.

Zur gleichen Zeit bringt BMW seinen neuen iX3 auf den Markt, der direkte Wettbewerber des elektrischen GLC. Preislich liegen beide Modelle nah beieinander, der BMW kostet in der Basisvariante 70 900 Euro. Die Reichweite beträgt nach Angaben des bayerischen Herstellers 800 Kilometer und ist damit höher als der GLC mit 715 Kilometer. Schlussendlich dürfte es vor allem eine Frage des Geschmacks sein, welcher Ansatz besser ankommt: BMW setzt mit dem Design der „Neuen Klasse“ auf einen deutlich reduzierteren, bildschirmärmeren Stil, während Mercedes beim GLC auf Größe und Präsenz setzt.

BMW und Mercedes gehen designtechnisch unterschiedliche Wege

Gerade das Design dürfte eine entscheidende Rolle spielen. Der GLC wird für Mercedes zum Lackmustest: „Der neue elektrische GLC ist mehr als nur ein Auto, er ebnet den Weg für eine neue Ära ikonischen Designs“, sagte der frühere Chefdesigner Gorden Wagener nicht umsonst. Vieles spricht dafür, dass diese Gestaltung – außen wie innen – weitere Mercedes‑Modelle prägen wird.

Insofern ist es ein gutes Zeichen für den Stuttgarter Konzern, dass das bisher beliebteste Mercedes‑Modell auf den ersten Blick auch bei deutschen Touristen an der Algarve verfängt – ein kleiner, aber nicht irrelevanter Realitätscheck für den elektrischen Neustart bei dem margenstarken SUV-Modell.

Disclaimer: Die Testfahrt erfolgte auf Einladung von Mercedes-Benz.

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Blick in den Innenraum des elektrischen GLC.

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Das Panorama-Dach lässt segmentweise verdunkeln.

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Ansicht von der Seite: Sie zeigt den langen Radstand, der das Platzangebot im Inneren vergrößert.

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Die Rückansicht auf den Mercedes-GLC

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Auch die Passagiere in der zweiten Reihe sollen im neuen GLC viel Kopf- und Beinfreiheit haben.

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Wo beim Verbrenner der Motor sitzt, gibt es beim vollelektrischen GLC reichlich zusätzlichen Stauraum.