Nirgends sind die Grünen erfolgreicher als in Baden-Württemberg. Dennoch sieht Ricarda Lang den Özdemir-Weg nicht als Königsweg für die Partei.
Für Ricarda Lang (links) war Cem Özdemir der richtige Kandidat für Baden-Württemberg – anderswo aber womöglich nicht.
Von Sascha Maier
Die Grünen sind im Aufwind: Wahl in Baden-Württemberg gewonnen, Münchner-OB-Wahl auch, selbst in Rheinland-Pfalz ein gutes Ergebnis erzielt. Die Grünen-Politikerin und Ex-Parteichefin Ricarda Lang hat in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ nun unter anderem darüber gesprochen, warum Cem Özdemir in Baden-Württemberg zwar der richtige Spitzenkandidat war, aber deswegen nicht zur Blaupause des grünen Spitzenkandidaten werden muss.
„Ich bin stolz auf meine Partei, dass wir nach der Wahl in Baden-Württemberg nicht in den von vielen vorhergesagten Richtungsstreit verfallen sind“, sagte Lang. „Jetzt müssen alle so werden wie Cem“, hätten die einen gerufen, die anderen hätten dies verneint.
Grüne sollen auch Andockstelle für progressive Wähler bleiben
Die Frage, ob die Grünen jetzt mit „hyperpragmatischen Kandidaten Mitte-Wähler“ gewinnen müsse, verneinte Lang jedoch. „In München wiederum war Dominik Krause genau der Richtige“, sagte sie. Entscheidend sei Authentizität. „Wir müssen uns personell und inhaltlich so breit aufstellen, dass auch konservative Wähler sagen: Bei den Grünen gibt es Leute, denen wir vertrauen“, so Lang – gleichzeitig sollten die Grünen aber immer auch eine Andockstelle für progressive Wähler bleiben.
Auf die Forderung der Parteichefin Franziska Brantner angesprochen, dass die Grünen das Erbe des Liberalismus antreten sollten, nachdem die FDP reihenweise aus den Parlamenten fliegt, reagierte die in Nürtingen aufgewachsene Politikerin zurückhaltend. Sie bezweifle, dass die FDP-Wähler, die zunächst gegen Merkels Asylpolitik und später gegen die Corona-Maßnahmen waren, nun Grüne wählen würden.
Andererseits räumte Lang ein, dass auch die Grünen gesellschaftspolitisch liberalen Grundsätzen folgten, etwa, wenn es um das Aufstiegsverprechen gehe. Allerdings hätten viele Menschen auch das Gefühl, „dass sich Leistung eben nicht lohnt.“ Dass die Gesellschaft insgesamt liberaler geworden sei, würde sich für viele bloß nicht wie eine Befreiung anfühlen, „sondern wie ein Verlust.“ Lang plädiert hierfür: „Deswegen brauchen wir nicht mehr liberalen Individualismus, sondern – andersherum – ein stärkeres Verständnis von Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit und Kollektivität.“
Kurz vor einem Halbmarathon
Damit widerspricht Lang einigen Politikwissenschaftlern, die den Wahlerfolg der Grünen in Baden-Württemberg analysiert hatten – und wonach die liberale Haltung der Realo-Grünen im Ländle für deren Erfolg mitverantwortlich sei. Michael Wehner von der Universität Freiburg betonte etwa, gerade die Grünen im Südwesten seien in gesellschaftspolitischen Position lupenrein liberal. „In Fragen der kulturellen Emanzipation hat die Partei viel von den Liberalen geerbt“, sagt Wehner. Die „Freiburger Thesen“, das Grundsatzprogramm der FDP aus dem Jahr 1971, habe auch die Grünen in Baden-Württemberg inspiriert.
Zum Ende des Interviews sprach Ricarda Lang auch noch über Persönliches und Zukunftspläne. Sie sagte, dass sie sich nach wie vor vorstellen könnte, wieder ein Spitzenamt in der Partei zu bekleiden – aber dafür noch nicht der richtige Zeitpunkt sei. Und dass sie das Laufen als Hobby für sich entdeckt habe – bald schaffe sie einen Halbmarathon.