Start frei für Deutschlands längste Fußgängerhängebrücke: Mutige erwartet ein atemberaubender Blick durch den Gitterboden auf Neckar und Gäubahn.
Ganz ordentlich rauf und runter geht es für die Fußgänger auf der Rottweiler Hängebrücke.
Von Eberhard Wein
Im Rücken streckt sich der Aufzugstestturm von TK Elevator mit Deutschlands höchster Aussichtsplattform in den milchigen Rottweiler Himmel. Voraus erhebt sich die Silhouette der ältesten Stadt in Baden-Württemberg. Und unter den Füßen schwankt das nächste Superlativ, bei dessen Begehung Hochhauskinder im Vorteil sein dürften. Es ist die längste Fußgängerhängebrücke im Südwesten, vielleicht sogar in ganz Deutschland. Am Wochenende des 24. bis 26. April wird sie eröffnet.
Über eine Strecke von 606 Metern geht es hoch, dann wieder runter, wie bei einem „S“. Vier Stahlseile – jedes so dick wie ein Fallrohr, aber natürlich nicht hohl – halten das 444 Tonnen schwere Bauwerk. 60 Meter tiefer mäandert der junge Neckar, daneben schlängelt sich die Gäubahn, bis sie in einem Tunnel verschwindet. All das sieht man durch den Gitterboden, wenn man denn hinschauen kann. Die Brücke liefert Nervenkitzel und grandiose Ausblicke für 13,50 Euro. Und sie ist ein Beispiel dafür, dass in Deutschland eben doch spektakuläre Großprojekte begonnen, durchgesetzt und irgendwann auch eingeweiht werden können.
Bürgerentscheid über den Brückenbau
Allerdings: es hat auch hier länger gedauert als geplant. Zehn Jahre sind vergangen, seit die ersten Ideen für die Brücke entstanden. Günter Eberhardt war mit seiner Firma damals noch damit beschäftigt, den Testturm in die Höhe wachsen zu lassen. Bewehrungsbau ist sein Metier. Touristische Hängebrücken sind eher sein Hobby. „Die Rottweiler Brücke war unsere erste in diesem Geschäftsfeld“, sagt der Unternehmer aus Hohentengen, der es vom Handwerker zum Chef einer in aller Welt tätigen Spezialfirma gebracht hat. Weil es in Rottweil nicht vorwärts ging, baute er zwischenzeitlich anderswo. Jetzt haben auch Bad Wildbad und Todtnau vielbesuchte Hängebrücken.
Zwölf Millionen Euro hat die Rottweiler Brücke gekostet. Das Bauwerk sei immer noch eine Scheußlichkeit, sagt Gundel Kammerer. Das Fachwerkhaus der 81-Jährigen steht gleich vorne an der Ecke zum Bockshof, wo die Hängebrücke an die Stadt anlandet. Sie gehörte zu den Anwohnern, die gegen das Projekt opponiert haben. Bei einem Bürgerentscheid entschieden sich vor neun Jahren dann aber 70 Prozent der Rottweiler für den Bau– für den Projektleiter Roland Haag übrigens eine bemerkenswerte Zahl. Bei der vorangegangenen Abstimmung im Gemeinderat hatte es exakt die gleiche Verteilung gegeben: 70 Prozent dafür, 30 dagegen. „Das zeigt, dass unsere repräsentative Demokratie gar nicht so schlecht funktioniert.“
Projektkosten von 1,4 Millionen Euro
Dass dennoch viele Jahre vergingen, ehe vor 13 Monaten mit den Bauarbeiten begonnen werden konnte, lag vor allem an dem anspruchsvollen Baugrund und den Einwänden von Denkmal- und Naturschutz. 14 Gutachten habe man vorlegen müssen, und weil sich die Pläne zwischenzeitlich änderten, musste auch ein zweites Bebauungsplanverfahren eingeleitet werden. Allein die Projektkosten erhöhten sich auf 1,4 Millionen Euro. Bei den beiden anderen Brücken war man mit je 300 000 Euro ausgekommen.
Ursprünglich sollte der Steg sogar 900 Meter lang und über eine Biegung direkt zum Testturm geführt werden. Dafür wären allerdings mehrere Pylone im Neckartal nötig gewesen, außerdem wäre der Steg über Wohnbebauung gelaufen. Jetzt genügt ein Pylon am Rand, auf der anderen Seite wurden die Stahlseile hingegen 28 Meter tief im Boden verankert. Dort mussten allerdings erst die Archäologen graben. Sie fanden mehrere Skelette. Bis ins 18. Jahrhundert hinein diente der Bockshof als Rottweiler Friedhof.
Eröffnungsfeier mit Salutschüssen
Auf der neuen Attraktion ruhen die Hoffnungen von Stadt, Wirten und Händlern. „So etwas kann jede Innenstadt brauchen, wir Händler stehen bereit“, sagt Markus Frank, Chef des örtlichen Intersport. Möglichst viele Besucher sollen künftig vom Testturm in die historische Innenstadt gelockt werden. „Wir rechnen mit bis zu 150 000 Besuchern auf der Brücke“, sagt Haag. Für fast 1500 Menschen und Windstärken bis 60 Stundenkilometer ist sie ausgelegt. Man werde aber wohl schon bei 450 Besuchern den Zugang sperren, um Gedränge zu vermeiden, sagt Haag. 50 Jahre werde die Brücke gewiss halten. Dass sie dann abgerissen werde, bezweifelt Haag allerdings. „Dann steht sie bestimmt unter Denkmalschutz.“
Die Eröffnungsfeier mit Mittelaltermarkt beginnt am Freitag um 17 Uhr mit Salutschüssen, die Brücke ist von Freitag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.