Hilft die Produktion von Rüstungsgütern einem Land in der Automobilkrise? Darum geht es beim Podium „Zukunft der Region“ der Stuttgarter Zeitung, Roland Berger und L-Bank.
Ein Soldat baut ein Bodenradar auf, das bei Thales Deutschland in Ditzingen hergestellt wurde.
Von Alexander Ikrat
Alle wollen in die Rüstungsindustrie. Wirklich alle? Zumindest beschäftigt sich eine Großzahl an Unternehmen, die aktuell auf anderem, gleichwohl verwandten wirtschaftlichen Boden stehen, mit dieser Perspektive. Der Ditzinger Laserkonzern Trumpf brach bereits Ende Oktober 2025 mit seiner bisherigen Linie, sich nicht an Rüstungsprojekten zu beteiligen und kündigte an, in die Drohnenabwehr mit Laserwaffen einzusteigen. Die Konzernspitze des Technologiekonzerns Bosch hat sich kürzlich dazu bekannt, einen Beitrag zur Verteidigung zu leisten - ohne gleich zum Waffenhersteller zu werden. Ganz frisch haben nun Mercedes-Benz und das Münchner Drohnen-Start-Up Tytan Technologies eine Absichtserklärung unterzeichnet, künftig zusammenarbeiten zu wollen.
Letztgenannte leiden unter der aktuellen Automobilkrise, die zumindest bei Zulieferern wie Bosch bereits zu massivem Stellenabbau führt. Kein Wunder, dass viele Unternehmen prüfen, wie sie sich breiter aufstellen können - und dabei zwangsläufig auch zur Rüstungsindustrie schauen, die sich nicht erst seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine viel lieber Verteidigungsindustrie nennt.
Die von Ex-Kanzler Olaf Scholz so bezeichnete Zeitenwende hat den Blick auf die Verteidigung schlagartig verändert. Was in Friedenszeiten allmählich aus der Mode kam und fast schon überflüssig erschien, wurde plötzlich vermisst. Vor allem wurde glasklar: Deutschland wäre kaum mehr in der Lage, sich ohne Unterstützung des wankelmütigen Nato-Partners USA zu verteidigen.
Der Verteidigungsetat steigt 2026 auf 107 Milliarden Euro
Die Zeitenwende veranlasste den Bundestag, in rekordverdächtigem Tempo im Juni des ersten Kriegsjahres 2022 ein Sondervermögen für die Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro bereitzustellen. So ist der Verteidigungsetat von 50,9 Milliarden Euro erst auf 56,9 (2023), dann auf 67,4 (2024) und im vergangenen Jahr auf knapp 79 Milliarden Euro angestiegen. Für dieses Jahr sind sogar 108 Milliarden Euro eingeplant, nicht nur für Kampfausrüstung von mehr Soldatinnen und Soldaten, sondern auch für Schützenpanzer, Transportfahrzeuge, Drohnensysteme oder Satellitenkommunikation. Ein weiterer Vorteil: All das soll möglichst in Deutschland, zumindest aber in der EU hergestellt und gewartet werden können, um auf Nummer sicher zu gehen.
Von diesem Kuchen wollen nicht nur die großen Konzerne etwas abhaben, sondern auch ganz viele andere. Ein im Branchenjargon Systemhaus genannter Hersteller von kompletten Waffensystemen wie die Hensoldt AG mit ihrem größten Werk in Ulm arbeitet nach eigenen Angaben mit 5000 Zulieferern aus 49 Ländern zusammen. Auch kein Wunder, dass eine Veranstaltung einer IHK in einem Landkreis der Region Stuttgart zum Thema heute rasch mit 300 Anmeldungen ausgebucht ist, wo sich in Jahren, als die Rüstung noch verpönt war, gerade einmal sechs Firmen verloren. Ein anderer Indikator: Der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie hatte nach Angaben eines Sprechers im März 2022 noch 165 Mitgliedsunternehmen, im Januar 2025 schon 249 und zu Monatsbeginn im Juni 2026 sage und schreibe 601 Mitgliedsunternehmen.
Nils Schmid agiert im Zentrum des Geschehens
Wenige Wirtschaftsthemen sind derzeit so spannend wie die - je nach Schreibweise - Defense oder Defence. Noch weniger sind so geheimnisumwittert wie sie, vielen Sicherheitsauflagen und Geheimhaltungsvorschriften geschuldet. Deshalb widmen sich die Stuttgarter Zeitung, die Unternehmensberatung Roland Berger und die L-Bank auf dem nächsten Podium „Die Zukunft der Region“ dem Thema unter der Überschrift „Wirtschaftsfaktor Verteidigung - Was Baden-Württemberg für die Sicherheit tut“. Moderiert wird die Diskussionsrunde von Joachim Dorfs, dem Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung.
Im Zentrum des politischen Geschehens agiert Nils Schmid. Der SPD-Bundestagsangeordnete des Wahlkreises Nürtingen ist seit dem vergangenen Jahr als Parlamentarischer Staatssekretär so etwas wie die rechte Hand von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius. Der 52-Jährige weiß, was Unternehmen leisten müssen, um im Verteidigungssektor arbeiten zu können, der noch strengere Auflagen und Normen als die restliche Industrie erfüllen muss. Als früherer Finanz- und Wirtschaftsminister von Baden-Württemberg kennt Schmid auch die Firmen im Land und kann Perspektiven für die Zukunft aufzeigen.
Viele Firmen suchen den Weg in die Verteidigungsindustrie
Mit den Firmen vor allem rund um die Landeshauptstadt kennt sich die Hauptgeschäftsführerin der IHK Region Stuttgart, Susanne Herre, aus. An die IHK wenden sich Unternehmen zum Beispiel aus Zuliefer- und Anlagenbaubranche, denen Aufträge aus der Autoindustrie fehlen und die nach dem Weg zur Verteidigungsindustrie fragen. Einen Blick auf und in viele Firmen, die sich mit Transformation beschäftigen, hat auch Stefan Schaible, Global Managing Partner der Unternehmensberatung Roland Berger.
In der Rüstung seit jeher beheimatet ist der französische Technologiekonzern Thales, eines der Systemhäuser, das zum Beispiel Raketen in die Ukraine liefert. Die Deutschland-Tochter mit Sitz in Ditzingen gleich an der Grenze zu Stuttgart stellt hier unter anderem Radarsysteme zur Abwehr von Drohnen her, die ebenfalls in der Ukraine im Einsatz sind. Gerade am Donnerstag hat Thales die Bestellung von 60 Gefechtsfeldradaren kurzer Reichweite für die Bundeswehr bekannt gegeben. Ruffner kommt selbst aus der Autoindustrie und weiß, was diese ihm heute liefern kann. Sein Personalbedarf wächst stetig, der Auftragseingang war Ende 2025 doppelt so hoch wie der Umsatz von 2024 in Höhe von 600 Millionen Euro. Zahlen, die viele Unternehmen in der Automobilkrise interessieren dürften.
So können unsere Leserinnen und Leser teilnehmen
GesprächsreiheDie Stuttgarter Zeitung veranstaltet gemeinsam mit der L-Bank und der Unternehmensberatung Roland Berger seit vielen Jahren Gespräche zur „Zukunft der Region“.
VeranstaltungsortDie aktuelle Podiumsdiskussion zum Thema „Wirtschaftsfaktor Verteidigung – Was Baden-Württemberg für die Sicherheit tut“ findet am Montag, den 29. Juni, in der Rotunde der L-Bank in Stuttgart statt. Die Adresse lautet Börsenplatz 1 in Stuttgart-Mitte. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr.
AnmeldungDie Leserinnen und Leser, die vor Ort dabei sein wollen, können sich ab sofort online unter www.zeitung-erleben.de/Verteidigung anmelden. Pro Anmeldung sind maximal zwei Personen zugelassen. Es gibt Plätze für insgesamt 300 Zuhörerinnen und Zuhörer.