Im Iran kommt die Gewalt nicht zur Ruhe. In Deutschland versucht eine Gruppe von iranischen Ärzten, den Menschen vor Ort zu helfen – mit ungewöhnlichen Mitteln.
Dieses am 09. Januar aufgenommene und am 13. Januar via AP zur Verfügung gestellte Foto soll Iraner bei einem Protest gegen die Regierung in Teheran zeigen.
Von Regine Warth
Das Bild zeigt Schusswunden im Oberschenkel eines jungen Mannes. Dort, wo sich die Schrotkugeln in das Gewebe gebohrt haben, ist die Haut schwärzlich und blutig verfärbt. Dazu der Hilferuf der Familie: „Was sollen wir tun?“ Das Foto ist über eine verschlüsselte Satellitenverbindung an Parisa Fathi und ihre Mitstreiter verschickt worden – direkt aus dem Iran. Es sind Botschaften von Landsleuten, die sich in den vergangenen Wochen gegen das Regime aufgelehnt haben und dabei kaltblütig niedergeschossen worden sind.
Parisa Fathi versucht zu helfen, wo sie kann. Sie gehört dem Netzwerk ParsiMed an – einer Organisation von iranischstämmigen Ärzten, Psychologen und Apothekern, die den Menschen aus ihrem Heimatland zur Seite stehen wollen. „Unser Verein basiert auf drei Säulen“, sagt sie. „Wir leisten nicht nur humanitäre Hilfe, sondern auch Aufklärungsarbeit über die Demokratisierungsprozesse im Iran. Wir setzen uns mit Instituten vor Ort in Verbindung, um einen Austausch zu ermöglichen.“ Gleichzeitig soll die deutsche Gesellschaft über die Probleme im Iran informiert werden.
Deutsche Ärzte zeigen per Video wie man Wunden säubert
Obwohl die großen Proteste von Anfang Januar abgeebbt sind, erreichen immer noch viele medizinische Anfragen die Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. „Viele verletzte Demonstranten wenden sich an uns, weil sie sich nicht mehr in Krankenhäuser trauen“, sagt Fathi. Sie hätten Angst, dass sie in den Notaufnahmen von politischen Sicherheitskräften verhaftet oder gar getötet werden.
So zeigen Fathi und ihre Kollegen in Videobotschaften, wie man einfache Wunden säubert oder Schrotkugeln aus dem Gewebe entfernt – auch dem jungen Mann mit der Schussverletzung im Oberschenkel, den seine Familie zuhause versteckt hält. Die Kamera auf den Verletzten gerichtet hört sich die Schwester des Mannes die Anweisungen der Ärzte in Deutschland an, um diese Schritt für Schritt zu befolgen: Jetzt die Wunde öffnen, dann säubern, desinfizieren und verbinden.
Die Ärztin aus dem Iran ist mit der Heimat sehr verbunden
Parisa Fathi ist keine Aktivistin im eigentlichen Sinne. Die 58-Jährige ist Augenärztin in Bremen, sie kam 1988 aus dem Iran nach Deutschland. Die Verbundenheit mit den Menschen in ihrer Heimat, die von den fundamentalistischen Machthabern drangsaliert werden, ist geblieben. Schon 2009 ging sie in Deutschland aus Solidarität mit der grünen Bewegung im Iran und gemeinsam mit Hunderten ihrer Landsleute auf die Straße. Ende 2022 kam es zu einer Neuauflage mit der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung, ausgelöst durch den gewaltsamen Tod der jungen Jina Masha Amini durch staatliche Sittenwächter.
„Jetzt ist es wieder soweit, dass das iranische Volk Unterstützung braucht“, sagt Fathi. Dieses Mal mehr denn je. „Es begann mit der größer werdenden Protestwelle im Dezember“, sagt sie. „Die Menschen sind auf die Straße gegangen, weil sie auf die miserablen wirtschaftlichen Bedingungen aufmerksam machen wollten.“ Sogar in den Basaren, wo normalerweise die konservative Schicht des Landes verkehrt, regte sich Widerstand. Doch bald richtete sich der Unmut mehr und mehr gegen die Gesamtsituation im Land. Höhepunkt war dann die blutige Niederschlagung der Massenproteste am 8. und am 9. Januar.
Verletzte werden aus Krankenhäusern verschleppt
Zwar wurde von dem Regime eine Internetsperre über das ganze Land verhängt, dennoch fanden Bilder und Videomaterial über Messengerdienste den Weg ins Ausland – und zu ParsiMed: „Die sind mit Kriegswaffen wie Maschinengewehren gegen die Demonstranten vorgegangen“, sagt Parisa Fathi. Es gibt auch Berichte, wonach Scharfschützen von Dächern gezielt Protestierende erschossen haben – oder wonach Basare in Brand gesteckt worden sind und alle Menschen, die vor den Flammen nach draußen flohen, auf der Straße von Kugeln getroffen wurden. Selbst vor Krankenhäusern und Kliniken machen die Schergen offenbar nicht Halt: „Es kursieren Bilder und Videos, wie verletzte Demonstranten direkt aus Krankenbetten gezerrt und verschleppt worden sind“, sagt Fathi.
Die UN-Sonderberichterstatterin für den Iran, Mai Sato, bestätigt, dass Verletzte aus Kliniken verschleppt worden seien. Manchen Patienten, die auf einer Intensivstation lagen, habe man gleich mit einem Kopfschuss hingerichtet. Ärzte und Pflegekräfte wurden an ihrer Arbeit gehindert. „Die Miliz hat in den Kliniken in Isfahan Operationssäle besetzt und Ärzte sowie Krankenpfleger festgenommen“, sagt Parisa Fathi. Ein Chirurg berichtete, dass er während einer Operation Schüsse aus benachbarten Klinikräumen gehört hätte.
Ärzte, die Demonstranten helfen, sind selbst in Lebensgefahr
Dennoch versuchen Ärzte, den Verletzten zu helfen, berichtet Fathi. Sie schleusen sie über Hintertüren ein, behandeln sie, ohne ihre Daten zu erfassen, stehend auf dem Flur. „Wir haben Berichte von Ärzten, die Schüsse in den Bauchraum offiziell als Appendektomie – also als Blinddarm-OP – bezeichnet haben, um bei den Patienten die zahlreichen Schrotkugeln aus dem Bauchraum entfernen zu können“, sagt Fathi.
Dabei setzen die Helfer auch ihr eigenes Leben aufs Spiel. Das Mullah-Regime will es nicht zulassen, dass verletzte Protestierende versorgt werden und überleben. Das bestätigen inzwischen auch Medien aus dem Iran: So wird über die Internetseite „Iran-international“ über die Inhaftierung von Medizinern im Zusammenhang mit den jüngsten Massenprotesten berichtet. In einem Artikel einer den Revolutionsgarden nahestehenden Zeitung vermeldete die zentrale iranische Ärzteorganisation, die mit der deutschen Ärztekammer vergleichbar ist, dass 33 Ärzte bei den jüngsten Protesten festgenommen worden seien. Bislang seien elf von ihnen wieder freigelassen worden, 22 Personen befinden sich also weiter in der Gewalt der Revolutionswächter. Die tatsächliche Zahl der Inhaftierten dürfte weitaus höher liegen.
Botschaften aus dem Iran werden verschlüsselt
In Deutschland sind sich die Mitglieder von ParsiMed der Gefahr bewusst. Ihre Hilfe erfolgt über verborgene Umwege. Über das Satelliten-Netzwerk werden Adressen von Ärzten weitergegeben, an die sich Verletzte wenden können, ohne Angst vor Verrat zu haben. Auf diese Weise erreicht die Organisation immer wieder Hilferufe von Familien, die sich nicht mehr in Krankenhäuser trauen oder denen auch das Geld fehlt, sich ärztlich behandeln zu lassen.
Bei entzündeten Verletzungen wird versucht, über das Netzwerk Antibiotika oder andere Medikamente aufzutreiben. Doch das wird immer schwieriger. Die Vergabe von Medikamenten oder medizinischen Geräten ist unter der Kontrolle der Revolutionsgarden. „Vielfach wird versucht, auf dem Schwarzmarkt zu handeln, was die Preise hochtreibt“, sagt Fathi. Ein Großteil der Menschen kann sich die Kosten dann nicht leisten. Das pharmazeutische Team von ParsiMed prüft daher fortlaufend, wie Medikamente beschafft werden können, etwa über Reisende, die sie in den Iran mitnehmen.
In den Kliniken fehlen Blutkonserven
Ein weiteres Problem sind Blutkonserven: „Wir haben vor allem kurz nach der Niederschlagung der Proteste Meldungen aus Krankenhäusern bekommen, dass ihnen die Patienten unter den Händen verbluten, weil es an Blutspenden fehlt“, sagt Fathi. Nun nutzt ParsiMed seine Kontakte, um Blutspende-Aufrufe zu verbreiten.
Im Iran hat der Alltag nur scheinbar wieder die Oberhand. „Das ist Fassade“, ist sich Parisa Fathi sicher. „Was in den letzten Wochen passiert ist, werden die Menschen nicht vergessen.“ Die jüngsten Berichte aus dem Heimatland bestätigen ihre Befürchtungen: Bei Gedenkfeiern am Dienstag im Nordosten des Landes skandierten Menschen regierungskritische Parolen: „Ein Mensch wurde getötet, Tausende stehen hinter ihm.“ Im Westen hielten Trauernde Blumen und Fotos hoch und riefen „Tod für Chamenei“ und „Lang lebe der Schah“. Ein weiteres Video aus derselben Stadt zeigt, wie Menschen panisch davonlaufen, während Schüsse zu hören sind.
Es brauche mehr politischen Druck aus Europa, um das angeschlagene Regime zu Fall zu bringen, fordert ParsiMed. Zudem eine größere Aufmerksamkeit seitens der deutschen Gesellschaft: „Die Menschen im Iran kämpfen gerade für die Rechte, die wir hier tagtäglich selbstverständlich nutzen“, sagt Fathi. Dafür brauche es mehr Aufmerksamkeit, auch in den Medien. Parisa Fathi und ihre Mitstreiter würden gerne mehr helfen – allerdings gerne auf direktem Wege, ohne Nachrichten über verschlüsselte Verbindungen zu schicken.