Der Eiskanal von Cortina d’Ampezzo ist erst einmal keine Gold-Rinne mehr für das deutsche Rodel-Team. Der Jubel über Silber und Bronze bei den Doppelsitzern war dennoch riesengroß.
Magdalena Matschina, Dajana Eitberger, Tobias Wendl und Tobias Arlt jubelt über ihre Medaillen.
Von Dirk Preiß
Der Tatort hat seinen Sendeplatz ja am Sonntagabend. Aber das, was da im Eiskanal von Cortina d’Ampezzo geboten wurde, hatte auch am Mittwochabend Krimi-Potenzial – und war viel spannender also so manche Folge des TV-Klassikers. Die Täter unter anderem: die deutschen Doppelsitzer-Teams.
Tobias Wendl und Tobias Arlt sind es ja gewohnt, ganz oben zu stehen. 100 Weltcupsiege haben die beiden Bayern schon eingefahren. Bei Olympischen Spielen sind sie seit 2014 ungeschlagen, haben sechsmal Gold geholt. Plötzlich aber dann fanden sie sich in einer total ungewohnten Situation wieder.
Nach dem ersten von zwei Läufen lag das Duo nur auf Platz fünf – und musste im zweiten Durchgang erst einmal schauen, überhaupt die Führung zu übernehmen. „Wir hatten eine ganz schwere Woche hinter uns“, erzählte Tobias Wendl später, „wir haben einiges versucht, sind auf der Bahn aber einfach nicht auf die nötige Geschwindigkeit gekommen.“ Noch in der Nacht vor dem Rennen hatten sie am Schlitten dann noch einmal etwas verändert, „wir sind nicht mal fertig geworden“, erzählte Wendl – weshalb am Morgen noch weitergearbeitet wurde.
Vor dem finalen Durchgang ging es dennoch lediglich darum, noch einmal Druck auszuüben auf die vor ihnen Platzierten. Zum Beispiel die deutschen Konkurrenten Toni Eggert und Florian Müller. Allerdings: Die Zeitabstände waren derart knapp, dass Verschiebungen unter den Top-5 nicht ausgeschlossen waren. Das US-Team Marcus Mueller/Ansel Haugsjaa führte drei Tausendstelsekunden vor den Österreichern Thomas Steu und Wolfgang Kindl. Die Lokalmatadoren Emanuel Rieder und Simon Kainzwaldner folgten weitere 14 Tausendstelsekunden danach. Neun Hundertstelsekunden fehlten dann Toni Eggert/Florian Müller auf die Spitze, sie lagen wiederum nur vier Tausendstelsekunden vor Tobias Wendl/Tobias Arlt. Dann begann der Rodel-Krimi.
Bronze glänzt wie Gold
Wendl/Arlt legten vor, gingen in Führung und schienen zufrieden mit ihrer Fahrt – und als sie von der nationalen Konkurrenz nicht überholt wurden, war ihre Freude erstmals riesengroß. Denn damit war klar: Am Donnerstagabend werden sie in der Teamstaffel fahren – und damit noch eine Chance auf eine Medaille haben. Die Italiener und die Österreicher waren dann aber schneller als das Duo vom Königsee. Die Entscheidung über eine Medaille fiel mit dem Lauf der überraschend führenden Amerikaner. Und die patzten. Im Zielbereich überschlugen sich dann die Ereignisse. Deutsche, Österreicher (Platz zwei) und die neuen Olympiasieger aus Italien lagen sich jubelnd in den Armen. „Wir gönnen es denen“, versicherte Tobias Wendl – und als er dann später auf seine erste olympische Bronzemedaille schaute, meinte er: „Die ist fast mehr wert als eine goldene.“ Eben wegen der Vorgeschichte in den Tagen von Cortina. Die auch für das deutsche Damenduo ein emotionale Tortur war.
Zumindest berichtete davon Dajana Eitberger. „Es war gefühlt der schlimmste Tag“, sagte die 35-Jährige, „ich habe seit 7 Uhr im Zehn-Minuten-Takt nur geheult.“ Der Grund: Trotz ihrer Erfahrung spürte sie einen riesengroßen Druck. Erstmals wurden bei Olympia Doppelsitzer-Medaillen bei den Frauen vergeben, der deutsche Verband durfte nur einen Startplatz besetzen, schon die interne Qualifikation war knallhart und eng gewesen. „Wir standen massiv unter Druck. Wenn nur ein Schlitten am Start ist, ist die Erwartungshaltung extrem hoch“, sagte Dajana Eitberger, „wir müssen einfach abliefern.“ Das taten sie und Magdalena Matschina (21) dann auch. Sie verteidigten im zweiten Lauf rund zwei Hundertstelsekunden Vorsprung auf die Österreicherinnen Selina Egle und Lara Kipp und gewannen die Silbermedaille – die für Dajana Eitberger eine besondere Bedeutung hat.
2018 wurde sie in Pyeongchang ebenfalls Zweite – im Einsitzer. Dann wurde sie Mutter eines Sohnes und wechselte in den größeren Schlitten. Um nun wieder erfolgreich zu sein. „Was in den letzten acht Jahren passiert ist, ist unglaublich. Wenn man diese Zeitreise im Kopf noch einmal durchgeht, ist das einfach irre“, sagte sie. Gold holten die Italienerinnen Andrea Vötter und Marion Oberhofer – was belegt: Die Gastgeber haben im Rodeln ihren Heimvorteil auf der neu erbauten Bahn eiskalt genutzt.
An diesem Donnerstag treten dann zwei Einzel-Olympiasieger (Max Langenhan, Julia Taubitz) gemeinsam mit dem Silber- und dem Bronze-Duo aus Deutschland gegen die beiden Doppelsitzer-Goldteams mit einem Bronzemedaillengewinner (Dominik Fischnaller) und einer Viertplatzierten (Verena Hofer) an.
Eines ist sicher: Spannung ist garantiert.