Zwei bisher vorwiegend bei Tieren vorkommende Viren könnten zu einer Gefahr für uns Menschen werden – und die nächste Pandemie auslösen, warnen Virologen.
Die nächste globale Pandemie kommt bestimmt. Fragt sich nur, wann, wo und wie schlimm.
Von Markus Brauer
Wann kommt die nächste Pandemie? Und woher? Eines ist sicher: Ein nächstes Mal wird es geben. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie schlecht die Menschheit auf globale Erkrankungen vorbereitet ist. Und die gesundheitliche Krisenvorsorge ist weltweit weiterhin mangelhaft, die Möglichkeit neuer, noch verheerenderer Pandemien hoch.
Spätestens seit der Corona-Pandemie ist klar, dass aus dem Tierreich stammende Viren – Zoonosen – eine akute Bedrohung für die Menschheit sind. Denn oft benötigen diese Erreger nur wenige Mutationen, um sich an unsere Zellen anzupassen und den Artsprung vom Tier zum Menschen zu vollziehen. Träger solcher potenziellen Zoonose-Viren sind vor allem Fledermäuse, Nagetiere und Vögel, aber auch Nutztiere wie Rinder und Schweine.
Forscher warnen vor noch aggressiveren Viren als Corona
Experten des UN-Umweltprogramms (UNEP) und des International Livestock Research Institute (ILRI) warnen davor, dass durch Ausbeutung der Tierwelt und Zerstörung von Ökosystemen immer öfter Tier-Krankheiten auf den Menschen übertragen werden könnten.
Stephan Ludwig, Direktor des Instituts für Molekulare Virologie an der Universität Münster, verweist auf den Fund von 15 Infizierten 1997 in Hongkong. Damals sei das Vogelgrippe-Virus H5N1 aufgetreten und sofort seien drei Millionen Hühner geschlachtet worden, um die Verbreitung zu stoppen. Zwar sei das Virus Jahre später erneut aufgetreten, aber die erste Aktion sei richtig gewesen.
Gefahr durch Zoonosen
Ludwig sieht durch die Globalisierung eine steigende Gefahr durch Zoonosen. „Wir können jetzt von einem größeren Risiko reden, denn die Verbreitung hat sich geändert.“ Zoonosen sind von Tier zu Mensch und von Mensch zu Tier übertragbare Infektionskrankheiten, die bei Wirbeltieren natürlicherweise vorkommen.
Zwei Viren auf dem Sprung
Jetzt haben Virologen zwei spezielle Viren identifiziert, die das Potenzial zum Pandemie-Erreger haben könnten: ein Influenzavirus und ein Coronavirus. „Unsere Analysen legen nahe, dass diese beiden Viren Atemwegserkrankungen beim Menschen verursachen können“, erklärt Koautor John Lednicky von der University of Florida.
„Wenn diese Viren die Fähigkeit entwickeln, leicht von Mensch zu Mensch zu springen, könnten sie eine neue Epidemie oder Pandemie auslösen, weil die meisten Menschen keinerlei Immunität gegen sie haben.“
Bisher sind beide potenziellen Pandemie-Auslöser jedoch weitgehend unerforscht. „Unser Wissen über die Epidemiologie und klinischen Symptome dieser Erreger sind auf eine sehr kleine Zahl von Studien begrenzt“, berichtet das Team um Lednicky und Erstautor Gregory C. Gray von der University of Texas in Galveston. „Aber schon diese wenigen Daten zu diesen neuartigen und erst vor Kurzem entdeckten Viren deuten darauf hin, dass sie eine große Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellen können.“
Influenza-D-Virus: Variante der Vogelgrippe
Bei dem ersten Virus handelt es sich um Influenza D, eine erst 2011 entdeckte Variante der Grippeviren. Ähnlich wie die Erreger der Vogelgrippe und unserer saisonalen Grippe besitzen diese Viren ein aus mehreren Einzelstücken bestehendes RNA-Erbgut, das sich leicht durch Mutation, Rekombination und Austausch von Genstücken mit anderen Viren verändern kann.
Ursprünglich in Schweinen entdeckt, wurde Influenza D inzwischen auch in Rinderherden, Geflügel und zahlreichen anderen Säugetieren nachgewiesen.
Das Bedenkliche jedoch: Inzwischen wurden Antikörper gegen Influenza D auch bei Menschen nachgewiesen. „Schon 2016 haben wir bei Untersuchungen auf Rinderfarmen in Florida festgestellt, dass gut 97 Prozent der dort Arbeitenden Antikörper gegen Influenza D besaßen“, schreiben Gray und seine Kollegen im Fachjournal „Emerging Infectious Diseases“. 2023 zeigte sich Ähnliches in Milchviehbetrieben in Colorado. Dort verursachten diese Infektionen aber noch keine oder kaum Symptome.
In China bereits verbreitet
Anders sieht es in Asien aus: In China haben Forscher eine Variante von Influenza D entdeckt, die Atemwegssymptome erzeugt und die bereits von Mensch zu Mensch übertragbar ist.
„Sie haben zudem die Vermehrung in menschlichen Epithelzellen nachgewiesen, die Übertragung auf Mäuse und Hunde und auch die Ansteckung von Frettchen durch Aerosole“, berichten Gray und sein Team. Genetische Analysen zeigten eine Mutation im Polymerase P3-Gen dieses Influenza-D-Virus, der es infektiöser macht.
Canine Coronavirus: pandemisches
Potenzial Der zweite potenziell gefährliche Erreger ist das Canine Coronavirus (CCoV). Dieses Alphacoronavirus gehört zu einer Schwestergruppe der Betacoronaviren, die bei uns Menschen Atemwegserkrankungen verursachen und zu denen auch SARS-CoV-2 zählt.
Bisher galt das Canine Coronavirus nur als Auslöser für Darminfekte bei Hunden. Doch Gray und Lednicky haben auf Hawaii und in Asien einen neuen Stamm dieses Erregers entdeckt, CCoV-HuPn-2018, der Menschen infiziert und Fieber und Atemwegssymptome verursacht.
„Kürzlich haben wir CCoV-HuPN-2018 auch bei 18 von 200 Patienten mit Lungenentzündung nachgewiesen, die in Hanoi im Krankenhaus behandelt wurden“, berichten die Forscher. Auch in Thailand, Malaysia und dem US-Bundesstaat Arkansas gab es Fälle.
„Das deutet darauf hin, dass dieses Virus bereits geografisch weit verbreitet ist“, warnen die Experten. Laboranalysen legen zudem nahe, dass sich dieses Hunde-Coronavirus schnell weiterentwickelt.
Bedrohliche Viren unter dem Radar
Nach Ansicht der Virologen ist es dringend nötig, diese Erreger genauer zu überwachen und zu erforschen. Denn bisher verlaufe ihre Ausbreitung weitgehend unter dem Radar.
„Unseres Wissens nach existieren bisher keine serologischen Tests für den klinischen Nachweis von Influenza D oder CCoV-HuPN-2018 bei Mensch oder Tier“, schreiben Gray und seine Kollegen. „Unser Wissen über die Epidemiologie und Symptome dieser Viren sind daher extrem begrenzt.“
Dennoch lege das bisher Bekannte nahe, dass diese Erreger zu einer Bedrohung werden könnten, mahnen die Virologen. „Wenn wir nicht erneut von einem Virus überrascht werden wollen, das sich plötzlich unter Menschen ausbreitet und Epidemien auslöst, sollten wir dringend eine bessere Überwachung und neue Gegenmaßnahmen gegen diese und ähnliche Viren entwickeln.“
Was würde bei einer neuen Pandemie geschehen?
Laut einer Analyse der unabhängigen Beobachtungsstelle Gesundheits-Krisenvorsorge (Global Preparedness Monitoring Board, GPMB) ist die Welt nur unzureichend auf neue Pandemien vorbereitet. Im Zuge der Corona-Pandemie sei einiges getan worden, hält die GPMB fest. Aber manche Länder hätten ihre Vorkehrungen, um auf ähnliche Krisen schnell reagieren zu können, wieder zurückgefahren und in anderen Staaten gebe es kaum Fortschritte.
Forderung nach globalem Frühwarnsystem
Forscher fordern schon seit langem ein globales Frühwarnsystem für Viren aus dem Tierreich. Eine frühzeitige Entdeckung könnte in Zukunft ähnliche Pandemien verhindern, erklärt Virologe Stephan Ludwig. Wichtig sei eine Überwachung von sogenannten Schlüsselevents wie Lebend- oder Wildtiermärkten in Asien.
„Wenn bei Routine-Untersuchungen auf Lebendtiermärkten vermehrt Infektionen gefunden werden, muss sofort die Bremse reingehauen werden, um die schnelle Verbreitung zu stoppen“, betont Ludwig. Ein Frühwarnsystem könnte von der Weltgesundheitsorganisation oder den Vereinten Nationen eingerichtet werden. (mit dpa/AFP-Agenturmaterial)