Kernenergie

Sind Miniatomkraftwerke die Lösung?

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will in Bayern eine Pilotanlage für ein kleines Kernkraftwerk bauen. Gibt es eine Renaissance der Atomenergie?

Sind Miniatomkraftwerke die Lösung?

So sah es früher im Kernkraftwerk Neckarwestheim aus, das 2023 vom Netz ging.

Von Rainer Pörtner

Die Worte der EU-Kommissionspräsidentin waren klar wie selten. Es sei „ein strategischer Fehler“ gewesen, dass Europa aus der Stromerzeugung durch Kernenergie ausgestiegen sei und damit einer „zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken“ gekehrt habe. Dieser Fehler müsse jetzt schnell korrigiert werden, verkündete Ursula von der Leyen (CDU) vor einigen Tagen bei einem internationalen Gipfeltreffen zur Kernenergie im französischen Boulogne-Billancourt. In den letzten Jahren habe es weltweit eine Renaissance der Kernenergie gegeben. „Und Europa will an dieser Renaissance teilhaben.“

Gibt es diese Rückkehr zur Kernkraft wirklich?

Die Ausgangslage

Nach der Nuklear-Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 beschlossen mehrere Länder – darunter Deutschland – den Ausstieg aus der Atomenergie. Zurzeit sind 440 Kernreaktoren in 31 Ländern in Betrieb. Die Kapazitäten der weltweit betriebenen Atomkraftwerke liegt heute nach einigem Auf und Ab ungefähr auf demselben Niveau wie vor zehn Jahren. Zusammen erzeugen diese Kraftwerke rund neun Prozent des globalen Stroms.

Ein Ausbau der Kernenergie findet aktuell vor allem in Asien statt. Führend sind China und Indien. Weltweit sind 75 Reaktoren im Bau, 120 weitere Projekte sind in Planung.

In Europa treiben vor allem Frankreich, Großbritannien und eine ganze Reihe osteuropäische Länder neue Projekte voran. Die Franzosen haben in den kommenden Jahren sechs neue Reaktoren fest eingeplant, an einem bereits bestehenden Atomkraftwerk haben die Bauarbeiten begonnen. 15 der 27 EU-Staaten sind nach Angaben aus Paris inzwischen Mitglied eines Atomkraft-Bündnisses unter französischer Führung.

Gründe für mehr Kernenergie

In den letzten Jahren hat sich die Debatte über die Kernkraft deutlich verschoben: die Risiken werden weniger stark betont als die Chancen. Vor allem vier Gründe werden für den Bau weiterer AKWs angeführt.

Erstens gilt die Kernenergie im Kampf gegen den Klimawandel als wichtiger Baustein der Dekarbonisierung, da sie ohne CO2-Emissionen funktioniert. Zweitens laufen Atomkraftwerke anders als Wind- und Solaranlagen unabhängig von den Launen der Natur. Drittens haben die Kriege der jüngeren Zeit vielen Ländern deutlich gemacht, wie abhängig sie von Gas- und Ölimporten sind. Und viertens geht es um Industriepolitik; Staaten wie Frankreich wollen durch den Export von Reaktortechnik Geld verdienen und daheim Arbeitsplätze schaffen.

Angetrieben wird die Diskussion auch wegen des Booms der Künstlichen Intelligenz. Die KI-Firmen haben einen gigantischen Strombedarf, um ihre Rechenzentren zu betreiben. Der Softwarekonzern Microsoft will dafür sogar die Atomanlage Three Miles Island in Pennsylvania (USA) wieder in Gang setzen lassen, die im Jahr 1979 Schauplatz eines schweren Atomunfalls war.

Gründe gegen Kernenergie

Die Argumente gegen die Kernenergie sind heute dieselben wie früher, sie betreffen die Kosten, die Sicherheit und die Entsorgung. Neue Kernkraftwerke gehören zu den teuersten Energieprojekten. Bauzeiten von zehn bis fünfzehn Jahren sind üblich, starke Verzögerungen und hohe Kostensteigerungen auch.

Die Atomkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 hat gezeigt, welche verheerenden Folgen ein Atomunfall haben kann. Und bisher ungelöst ist fast überall die Frage: Wie kann Atommüll sicher entsorgt werden? In Deutschland wird allein die Suche nach einem möglichen Endlager noch Jahrzehnte dauern.

Die These, dass Atomstrom billiger als Strom aus anderen Quellen sei, ist mindestens bestreitbar. In einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme aus dem Jahr 2024 schnitt die Kernenergie am schlechtesten ab. Gefragt wurde nach den Stromerzeugungskosten verschiedener Kraftwerke. Demnach erzeugen Photovoltaik- oder Windanlagen den Strom deutlich günstiger als AKWs. Die Kosten der Atommüllentsorgung sind in dieser Kalkulation noch nicht einmal berücksichtigt.

Noch schwerer zu beziffern sind die gesellschaftlichen Kosten neuer Atomprojekte. Zumindest in der Bundesrepublik dürfte der Widerstand gegen den Bau eines neuen Kraftwerks sehr groß sein. Viele Staaten und Energieproduzenten setzen in Summe aller dieser Gründe eher auf erneuerbare Energien. Solar- und Windkraft wachsen zurzeit schneller als die Atomkraft.

Mini-Reaktoren als Lösung?

Ursula von der Leyen und viele andere Politiker verweisen auf den „Small Modular Reactor“ (SMR) als zukunftsträchtige Technologie. Das sind Kernreaktoren, die weniger als 300 Megawatt elektrische Leistung erzeugen. Zum Vergleich: die beiden Blöcke im abgeschalteten Atomkraftwerk Neckarwestheim erzeugten 800 beziehungsweise 1400 Megawatt.

SMRs gibt es in vielen unterschiedlichen technischen Designs. Sie versprechen vor allem geringere Investitionskosten und kürzere Bauzeiten. In Europa gibt es bisher Pläne für den Bau von 15 kleinen Kraftwerken, begonnen wurde noch kein Bau.

Die Sicherheits- und Entsorgungsprobleme der SMRs dürften eher größer als kleiner sein gegenüber herkömmlichen Atomkraftwerken. Der Schutz vieler kleiner Anlagen ist aufwendiger als der Schutz weniger großer. Die SMRs produzieren auch relativ mehr Atommüll als die großen Kraftwerke.

Zudem ist Strom aus diesen Kernkraftwerken keineswegs billig: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat ausgerechnet, dass es je nach Konzept zwischen 18 und 50 Cent kosten könnte, eine Kilowattstunde Strom in Leichtwasserkleinreaktoren zu erzeugen. Zum Vergleich: Ein Kilowatt aus Windenergieanlagen kostete 2024 zwischen 5 und 10 Cent.

Reaktionen in Deutschland

In der Bundesrepublik ging 2023 das letzte Atomkraftwerk vom Netz. FDP, AfD und die Unionsparteien sind für eine Umkehr – und hoffen dabei insbesondere auf die SMR-Reaktoren.

„Wir sollten hier auf Innovationen setzen“, sagt beispielsweise CSU-Generalsekretär Martin Huber. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erklärt, sein Land sei „bereit für ein Pilotprojekt“ mit einem Mini-Atomkraftwerk.

Dafür müsste allerdings die Gesetzeslage auf Bundesebene geändert werden. Für die schwarz-rote Bundesregierung, an der auch die CSU beteiligt ist, hat sich Friedrich Merz (CDU) aber auf ein Nein festgelegt: Der Atomausstieg sei „irreversibel“, sagte der Kanzler. „Ich bedauere das, aber es ist so.“

Zukunftsvision Kernfusion

Was bisher wenig Beachtung findet: Die Bundesrepublik Deutschland setzt vermehrt auf die Fusionstechnologie. Bei der Kernkraft werden Atomkerne gespalten, bei der Kernfusion geht es darum, Atomkerne zu verschmelzen. Die Kernfusion gilt in der Theorie als saubere und beinahe unerschöpfliche Energiequelle. Aber auch hierbei entsteht radioaktiver Abfall.

Die Bundesregierung hat den Ehrgeiz, dass der erste Fusionsreaktor der Welt in Deutschland gebaut wird. Dazu hat sie Fördermittel von deutlich über zwei Milliarden Euro eingeplant. Um das Jahr 2040, so die Hoffnung, könnte dann ein erster Prototyp in Betrieb sein.

Allerdings: Bisher ist es weltweit trotz intensiver Forschung nicht gelungen, Reaktoren so zu konstruieren, dass damit unter dem Strich Energie erzeugt werden kann.