Die Stiftung Warentest hat alle in Deutschland zugelassenen Abnehmspritzen bewertet. Das Ergebnis: Nur zwei Wirkstoffe sind nach Angaben der Tester geeignet.
Laut Stiftung Warentest sind bei Abnehmspritzen nur zwei Wirkstoffe für nachhaltigen Gewichtsverlust geeignet.
Von Bettina Hartmann
Die Stiftung Warentest hat alle in Deutschland zugelassenen Medikamente zur Gewichtsabnahme getestet: insgesamt 17 Präparate in sämtlichen verfügbaren Dosierungen. Wobei: In den Medikamenten mit unterschiedlichen Namen kommen letztlich nur vier Wirkstoffe zum Einsatz. Zwei davon halten die Tester für geeignet, um Gewicht zu verlieren. Von den beiden anderen rät die Stiftung Warentest ab.
Klar ist: 16 Millionen Menschen in Deutschland gelten als stark übergewichtig – es besteht somit Handlungsbedarf. Denn zum einen ist starkes Übergewicht mit Folge- und Begleiterkrankungen verbunden, die nicht nur den Betroffenen, sondern auch das Gesundheitssystem belasten. Zum anderen leiden die Patienten teils unter massivem psychischem und physischem Druck. Für viele bringen Abnehmspritzen, die seit einigen Jahren auf dem Markt sind, den Wendepunkt. Doch nicht alle Präparate halten nach Angaben der Tester, was sie versprechen. „Zwei Wirkstoffe überzeugen in Kombination mit Lebensstilveränderung, das ist das Ergebnis unseres Tests“, sagt Claudia Michael, Gesundheitsexpertin bei der Stiftung Warentest.
Welche Abnehmprodukte wurden getestet?
Bewertet wurden 17 Präparate. Darunter drei rezeptpflichtige Abnehmspritzen sowie Orlistat-Kapseln in rezeptpflichtiger und rezeptfreier Form. Die Experten werteten dafür Metaanalysen, evidenzbasierte Leitlinien und Studien aus, zudem prüften sie Wirksamkeit, Risiken, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen. Den stärksten Effekt – und zwar in Kombination mit kalorienreduzierter Ernährung und mehr Bewegung – erzielt der Wirkstoff Tirzepatid, der unter dem Markennamen Mounjaro des Herstellers Eli Lilly als wöchentliche Spritze im Handel ist. Nach einem Jahr Therapie sei eine Gewichtsabnahme von 13 bis 19 Prozent zu erwarten, so Holger Brackemann, Bereichsleiter Untersuchungen bei Stiftung Warentest. Das sei ein Wert, der nach drei Jahren Therapie nahezu erhalten bleibe.
Ebenfalls geeignet: Der Wirkstoff Semaglutid, erhältlich als wöchentliche Spritze unter dem Markennamen Wegovy – der Hersteller ist Novo Nordisk. Nach einem Jahr könne man mit 9 bis 12 Prozent Gewichtsverlust rechnen, der nach zwei Jahren weitgehend stabil bleibt. Beide Wirkstoffe ahmen körpereigene Darmhormone nach, die der Körper nach dem Essen ausschüttet. Sie wirken zentral im Gehirn – und bremsen dort den Appetit. Zudem senken sie den Blutzuckerspiegel und verzögern die Magenentleerung, wodurch das Sättigungsgefühl verstärkt wird. Der Anwender denkt seltener ans Essen, isst weniger und nimmt dadurch ab.
Weniger geeignet: Liraglutid und Orlistat
Liraglutid in Saxenda und Orlistat (mehrere Arzneimittel) halten die Tester währenddessen für „wenig geeignet“ für die Gewichtsabnahme. Der Wirkstoff Liraglutid, erhältlich als tägliche Spritze unter dem Markennamen Saxenda (Hersteller: Novo Nordisk), erreicht nach einem Jahr lediglich 4 bis 5 Prozent Gewichtsverlust. Schwere Nebenwirkungen und Therapieabbrüche treten laut Brackemann häufiger auf als bei einem Placebo. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis bewertet die Stiftung Warentest somit als ungünstig.
Ebenfalls wenig geeignet: Orlistat – weder in der rezeptpflichtigen 120-mg-Variante (Hersteller zum Beispiel Xenical) noch in der rezeptfreien 60-mg-Variante (Hersteller zum Beispiel Orlistat Hexal, Orlistat-Ratiopharm). Der Fettblocker führt erst nach zwei Jahren zu einer Gewichtsabnahme von lediglich 2 bis 4 Prozent. „Die Nebenwirkungen sind dabei unter anderem Völlegefühl, Übelkeit udn Schwindel“, so Nicole Merbach, Ressortleiterin Ernährung und Gesundheit bei Stiftung Warentest. Vor allem am Anfang der Therapie komme es zu Nebenwirkungen.
Abnehmspritzen: Langzeitwirkungen unbekannt
Die Tester weisen ausdrücklich darauf hin, dass ein ärztliches Rezept und medizinische Begleitung für alle Spritzen Pflicht sind. „Zudem sind sie nicht geeignet, um kurz vor dem Sommer ein paar Kilo abzunehmen“, stell Brackemann klar. Zum Einsatz kommen sie in aller Regel bei Menschen mit einem Body Mass Index (BMI) ab 30, die zuvor schon mehrere Programme zum Abnehmen durchlaufen haben.
Die geeigneten Mittel seien ohnehin keine Selbstläufer. „Ich rate davon ab, sich allein auf die medikamentöse Therapie zu verlassen. Die begleitenden Lebensstiländerungen – mehr Bewegung und eine reduzierte Kalorienzufuhr – sind entscheidend, um langfristig erfolgreich zu sein“, sagt Michael. Zudem bauten die Medikamente nicht nur Fett, sondern auch Muskeln ab. „Krafttraining und eiweißreiche Ernährung helfen, dem entgegenzuwirken.“
Kosten für Abnehmspritzen trägt der Patient
Hinzu kommt: Beide als geeignet bewerteten Wirkstoffe seien erst seit wenigen Jahren auf dem Markt, so Michael. Langzeitwirkungen über mehr als zwei bis drei Jahre sind noch weitgehend unbekannt. Die Präparate müsse auch langfristig genommen werden. Denn nach dem Absetzen steigt das Gewicht häufig wieder an.
Die Kosten tragen Betroffene bisher überdies in vielen Fällen selbst: Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten die Mittel häufig nicht, da sie als Lifestyle-Präparate gelten. Je nach Wirkstoff und Dosierung kostet die Therapie zwischen 43 und 122 Euro pro Woche, also bis zu rund 500 Euro im Monat. Günstige Generika der Abnehmspritzen Mounjaro und Wegovy sind in der EU frühestens ab 2030 zu erwarten.