Strategisch in der Klemme

Im Grönland-Konflikt mit den USA können die Europäer nur ihre Wirtschaftskraft in den Ring werfen.

Von Eidos Import

Es fällt nicht schwer, den zugrunde liegenden Mechanismus zu erkennen. Donald Trump hat innenpolitische Probleme, und diese Probleme überspielt er mit außenpolitischen Taten. Dieses Vorgehen gehört immer schon zum Handwerkszeug für die US-Präsidentschaft, und zwar parteiübergreifend. Republikanische und demokratische Präsidenten haben nach diesem Muster gehandelt. Donald Trump ist in dieser Hinsicht also keine Ausnahme, sondern die Regel.

Was Trumps Handeln so bemerkenswert macht, ist die ihm eigene Radikalität, die Rücksichtslosigkeit und die historische Ignoranz, die er dabei demonstriert. Wenn man so will, bleibt er zumindest sich selbst treu. Innen wie außen: Trump bricht mit etablierten Konventionen, er zerstört bewährte Institutionen und es interessiert ihn nicht, was daraus folgt.

„Wir brauchen es“, lautet seine Begründung für eine Übernahme Grönlands durch die USA, viel tiefer wird es nicht. Klar, es gibt Bodenschätze, die ausgebeutet werden können. Mit der Aussicht auf eisfreie arktische Schifffahrtswege fällt Grönland zudem eine wachsende geostrategische Bedeutung zu. Doch sollte die enge Partnerschaft der USA mit Dänemark und mit Europa verbieten, sich die Insel einfach einzuverleiben, vom Völkerrecht ganz zu schweigen.

Dass sich große Militärmächte zur Durchsetzung ihrer Interessen über das Völkerrecht hinwegsetzen, auch das kam immer wieder vor. Zumindest die USA haben dabei jedoch bislang ihre Partner und Verbündeten verschont, weil die Allianzen letztlich doch wichtiger waren, vor allem längerfristig.

Natürlich haben die Europäer den USA militärisch nur wenig entgegenzusetzen. Die größte Militärmacht der Welt könnte Grönland ohne größere Probleme einnehmen und zum 51. Bundesstaat erklären. Nur würde dieser Schritt eben auch das Ende der Nato bedeuten, denn die Europäer können einen derartigen Verstoß gegen die Regeln des Bündnisses nicht hinnehmen.

Welches Land würde in diesem Fall noch ernsthaft darauf setzen, dass die Vereinigten Staaten zur Hilfe eilen, sollte es überfallen werden? Vielmehr müsste der betroffene Staat befürchten, dass die USA mit dem Angreifer gemeinsame Sache macht, wenn dabei ein paar Rohstoffvorkommen herausspringen oder die innenpolitische Lage in Washington gerade ein bisschen unbequem für den Präsidenten ist.

Europa steckt zwar in einer strategischen Klemme, denn ohne die USA hätte es nicht genügend Abschreckungspotenzial gegen Russland zur Verfügung. Deshalb kann es durchaus sein, dass der Zusammenbruch des Bündnisses nicht unmittelbar erfolgt, sondern erst einmal schleichend – zum Nachteil beider Seiten.

Denn auch für die USA kommt der Schritt nicht ohne Kosten. Sie würden die politische Unterstützung der Europäer verlieren, die zur US-amerikanischen Machtausübung wichtig ist. Das mag Trump und seine Anhänger aktuell wenig schmerzen, doch in der Zukunft könnte die USA auf die Europäer angewiesen sein, für was auch immer. Spätestens dann wird die Rechnung fällig.

Der jetzt wegen Grönland entstehende Zollkonflikt ist deshalb unausweichlich und womöglich die einzige Chance, das Ende der Nato noch zu verhindern. Europa kann und darf sich das Vorgehen Trumps nicht gefallen lassen, und Trump muss erkennen, dass sein Vorgehen auch für ihn selbst mit (kurzfristigen) Kosten in Form von hohen Gegenzöllen verbunden sein wird. Europa kann nur seine wirtschaftliche Macht in die Waagschale werfen. Das ist enorm kostspielig, wird zu Pleiten, hoher Arbeitslosigkeit und Wohlstandsverlust führen. Besser wäre es, der Konflikt könnte vermieden werden.