Wollnashörner starben am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 14.000 Jahren aus. Aber warum? Im Magen eines Wolfswelpen gefundenes Gewebe gibt Aufschluss darüber. Und es zeigt sich: Sie wurden nicht vom Menschen ausgerottet.
Bereits vorhandenes rekonstruiertes Wollnashorn aus dem Permafrost: Forscher wollen die Ursache für sein Aussterben gefunden haben.
Von Markus Brauer/dpa
Sie gehörten zu den Tieren der Eiszeit: Wollnashörner (Coelodonta antiquitatis) lebten einst in den eisigen Steppen Europas und Asiens. Knochenfunde belegen, dass die Pflanzenfresser auch in Deutschland zu finden waren.
Ikonen der eiszeitlichen Megafauna
Wollnashörner gehörten wie auch die Wollhaarmammuts oder Höhlenlöwen zur eiszeitlichen Megafauna. Ihr dichtes Fell sorgte für Wärme und schützte sie damit vor der Kälte. Ihre Schulterhöhe wird auf zwei Meter geschätzt.
Die Tiere waren Experten nach etwa 1700 Kilogramm schwer und hatten zwei beeindruckende Hörner auf ihrem Nasenrücken.
Eine kuriose Entdeckung aus Sibirien liefert nun Hinweise, warum Wollnashörner am Ende der letzten Eiszeit ausstarben. Im Magen eines Wolfswelpen haben schwedische Wissenschaftler Gewebe eines Wollnashorns gefunden und dessen DNA entschlüsselt.
Eher nicht vom Menschen ausgerottet?
Die Analyse der mehr als 14.000 Jahre alten Überreste spricht – entgegen bisherigen Theorien – eher dafür, dass Wollnashörner nicht vom Menschen ausgerottet wurden, sondern relativ schnell ausstarben – vermutlich durch Klimaveränderungen.
Der hervorragend erhaltene Wolfswelpe wurde nahe der Ortschaft Tumat im Nordosten von Sibirien im Permafrost gefunden. Im Magen des Tiers stieß das Forschungsteam überraschend auf ein kleines Gewebefragment, das DNA-Analysen zufolge von einem Wollnashorn (Coelodonta antiquitatis) stammt.
Eine Datierung per Radiokarbonmethode ergab, dass dieses Tier vor 14.400 Jahren lebte - kurz vor dem Aussterben der Art vor vermutlich etwa 14.000 Jahren.
Sequenzierung des gesamten Genoms
Dem Team um Camilo Chacón-Duque von der Universität Stockholm gelang es, das Erbgut des Nashorns zu sequenzieren, wie es im Fachmagazin „Genome Biology and Evolution“ berichtet.
„Die Sequenzierung des gesamten Genoms eines Tiers aus der Eiszeit, das im Magen eines anderen Tiers gefunden wurde, ist bisher noch nie gelungen“, erklärt der Paläogenetiker. Erst die Kombination von mehr als 20 Extrakten aus verschiedenen Abschnitten des Gewebefragments ermöglichte demnach die Erbgut-Sequenzierung.
Keine Hinweise auf Inzucht
Um einzelne Genabschnitte ihren Positionen im Gesamtgenom zuordnen zu können, verglichen die Wissenschaftler sie mit dem Erbgut des nächsten noch lebenden Verwandten, dem Sumatra-Nashorn (Dicerorhinus sumatrensis). Die Abstammungslinien der beiden Arten trennten sich vermutlich vor etwa 9,3 Millionen Jahren.
Chacón-Duque und Kollegen verglichen Ausschnitte aus dem Erbgut des vor 14.400 Jahren gestorbenen Wollnashorns auch mit den Genomen von Artgenossen, die vor 18.400 Jahren und 48.500 Jahren lebten. „Unsere Analysen zeigten ein überraschend stabiles genetisches Muster ohne Veränderung des Inzuchtgrades über Zehntausende von Jahren vor dem Aussterben der Wollnashörner“, erläutert Co-Autorin Edana Lord.
Bei kleiner werdenden Populationen erhält der Nachwuchs mit höherer Wahrscheinlichkeit von beiden Elternteilen die gleiche Genvariante, weil die Eltern recht eng miteinander verwandt sind (Inzucht). Dies war im Erbgut des Wollnashorns jedoch nicht zu erkennen.
Bestände wohl eher recht plötzlich kollabiert
Deshalb gehen die Forscher davon aus, dass Wollnashörner in Nordostsibirien noch wenige Jahrhunderte vor dem vermuteten Aussterben eine genetisch intakte Population hatten, obwohl Menschen damals schon seit Jahrtausenden in der Region lebten. Die Bestände seien vermutlich nicht langsam dahingeschwunden, sondern wohl eher schnell kollabiert.
„Unsere Ergebnisse belegen, dass die Wollnashörner 15.000 Jahre nach der Ankunft der ersten Menschen in Nordostsibirien noch eine überlebensfähige Population bildeten“, resümiert Co-Autor Love Dalén. „Dies deutet darauf hin, dass nicht die Jagd durch den Menschen das Aussterben verursachte, sondern eher die Klimaerwärmung.“
Zweite Studie: Jagd und Klimawandel ließen Wollnashörner aussterben
Im Juni 2024 hatte bereits ein internationales Forscherteam um Hervé Bocherens vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (SHEP) an der Universität Tübingen die Ursachen für das Aussterben der Großwildtiere am Beispiel des Wollnashorns nach dem Ende der letzten Eiszeit vor 10 000 Jahren untersucht.
Sie stellten fest, dass sowohl Bejagung als auch klimatische Veränderungen zum Verschwinden der Steppenbewohner vor 10 000 Jahren führten.
Ihre Studie zeigt, dass die Bejagung durch den Menschen gemeinsam mit Temperaturveränderungen die Populationen der Tiere nachhaltig schwächte, wodurch sie nicht mehr in günstigere Lebensräume ausweichen konnten.
Ideal an eiszeitliche Temperaturen angepasst
Das Wollnashorn war über Zehntausende von Jahren ein ikonischer Vertreter der Steppenfauna Zentral- und Nordeurasiens, nachdem es sich vor etwa 2,5 Millionen Jahren im Tibetischen Hochland entwickelt hatte. Mit dicker Haut und langem, wolligem Fell war es an die kalten Temperaturen bestens angepasst und etwa so groß wie das heutige afrikanische Breitmaulnashorn.
Wollnashörner beweideten die niedrige Vegetation in trockenen, offenen Landschaften und nutzten wahrscheinlich ihr Vorderhorn, um Nahrung unter einer Schneedecke freizulegen. Fossilien zeigen, dass das Wollnashorn bis vor etwa 35.000 Jahren in ganz Nordeurasien verbreitet war.
Rückzug in suboptimale Lebensräume
Den Foschern zufolge könnten die Tiere bereits vor etwa 30 000 Jahren in eine Sackgasse geraten sein, als kühlere Temperaturen und eine niedrige, aber konstante Bejagung durch den Menschen die Wollnashörner nach Süden drängten.
Dort waren sie am Ende der letzten Eiszeit zu Beginn des Holozäns vor 11.000 Jahren in isolierten, suboptimalen Lebensräumen eingeschlossen. Die geschwächten Populationen waren zuletzt nicht mehr in der Lage, in für sie günstigere Lebensräume zu wandern.
In jeder Generation um zehn Prozent dezimiert
„Wir haben komplexe Computermodelle, Fossilien und fossile DNA genutzt, um die Metapopulationsdynamik der Wollnashörner über 52.000 Jahre kontinuierlich in bisher nicht gekannter Detailtiefe nachzuvollziehen“, schreibt Hervé Bocherens.
„Durch kühler werdende Temperaturen und die anhaltende Jagd – in einigen Gebieten Eurasiens lieferten Wildtiere bis zu 30 Prozent der Proteinzufuhr der damaligen Menschen – schrumpften die Populationen und ihr Verbreitungsgebiet.“ Im Schnitt seien die Population in jeder Generation um zehn Prozent dezimiert worden.