Künstliche Intelligenz

Von der Waschmaschine zur Kriegswaffe

Künstliche Intelligenz spielt in militärischen Konflikten eine immer größere Rolle. Die Entwicklung ist rasant, die Regulierung hinkt hoffnungslos hinterher.

Von der Waschmaschine zur Kriegswaffe

Drohnen spielen im Krieg in der Ukraine eine entscheidende Rolle. Die Entwicklung der Waffen ist rasant und stützt sich immer mehr auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz.

Von Knut Krohn

Malte Göttsche bemüht einen übermächtigen Vergleich. „Wir erleben den Oppenheimer-Moment unserer Generation“, ist der Forscher vom Peace Research Institute Frankfurt (PRIF) überzeugt. Der Bau der Atombombe habe die Welt radikal verändert, einen ähnlichen Einfluss werde der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz auf unser Leben haben. Frappierend ist eine zweite geschichtliche Parallele. Wie bei der Entwicklung der Nuklearwaffen während des Zweiten Weltkrieges, ist auch dieses Mal wieder ein blutiger Konflikt ein maßgeblicher Treiber der Innovationen.

Veränderung im atemberaubenden Tempo

Die Geschwindigkeit, mit der sich das Geschehen auf dem Schlachtfeld in der Ukraine durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) verändert, sei atemberaubend, betonte Göttsche bei einer Veranstaltung in Brüssel zum Thema KI-Regulierung. Die weitere Entwicklung sei kaum vorherzusehen, allein eine Prognose, wie etwa Kampfdrohnen in Zukunft eingesetzt werden, sei kaum seriös abzugeben. Im Bereich Erkennung von möglichen Zielen und deren Bekämpfung habe die KI in kürzester Zeit unglaubliche Fortschritte gemacht. Ulf Ehlert, Leiter für Strategie und Policy bei der Nato, erklärte, dass inzwischen nicht mehr einzelne Drohnen, „sondern ganze Schwärme zum Einsatz kommen“. Dabei sei es möglich, einem Schwarm einen gemeinsamen Auftrag zu geben und jede einzelne Drohne suche sich am Ende selbst „ein lohnendes Ziel“ aus.

Hochleistungsfähige KI-Systeme entscheiden inzwischen aber nicht nur über Sieg oder Niederlage in direkten Konfrontationen auf dem Schlachtfeld. Bereits bei der Planung von militärischen Einsätzen nehmen sie einen immer größeren Raum ein, betonte Ehlert in Brüssel. Zu diesem Zweck werden riesige Datenmengen aus verschiedenen Quellen zusammengeführt und abgeglichen. Die KI ist etwa in der Lage, Aspekte eines Militäreinsatzes zu simulieren, um Schwachstellen aufzudecken und Vorschläge für Routen oder mitzuführende Waffen und Ausrüstung zu unterbreiten.

Radikaler Umbruch in der Kriegsführung

Für Malte Göttsche, der am Peace Research Institute Frankfurt nach Ursachen von Konflikten und deren Lösungen forscht, stellt sich angesichts dieses radikalen Umbruchs in der Kriegsführung die Frage, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Künstlicher Intelligenz gestaltet werden kann. „Traditionelle Modelle der Regulierung hinken der aktuellen Entwicklung hoffnungslos hinterher“, konstatierte der Wissenschaftler.

Die Europäische Union versuche, mit dem KI-Gesetz einen Rechtsrahmen für die Anwendung dieser Zukunftstechnik zu setzen, betonte SPD-Europaabgeordnete Tobias Cremer, musste allerdings einräumen, dass die Gesetzgebung den militärischen Bereich gar nicht abdecke. „Das steckt alles leider noch in den Kinderschuhen“, sagte der Verteidigungsfachmann, auch die Politik sei von dem Thema einfach überrollt worden.

Mehr als nur vage Verpflichtungen

Einige waren sich die Diskussionsteilnehmer in Brüssel, dass eine Regulierung über vage ethische Verpflichtungen hinausgehen müsse. Notwendig sei es, Institutionen, Regeln und Praktiken aufzubauen, die in der Lage sind, das disruptive Potenzial der KI unter Kontrolle zu bekommen. Ziel müsse es aber sein, nicht die Entwicklung der Systeme einzudämmen, sondern sie verantwortungsvoll zu steuern. Auf keinen Fall dürfe es allein den Rüstungsfirmen überlassen werden, die zukünftigen Grenzen für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Krisenfall zu definieren.

Und noch eine Veränderung zeichnet sich ab: die in Brüssel diskutierten Regulierungen für das Militär reichen weit in den zivilen Sektor hinein. Die Effektivität der im Krieg eingesetzten Künstlichen Intelligenz hängt etwa vom Zugang zu spezieller Halbleitertechnik ab, die in einer global fragmentierten und geopolitisch sensiblen Lieferkette hergestellt wird. Der Bereich der sogenannten Dual-Use-Güter, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können, wird also enorm ausgeweitet. Malte Göttsche betonte, auf diese Weise bekomme die europäische Chip-Produktion einen zentralen strategischen Wert im Bereich der Verteidigung.

Chips als kriegsentscheidendes Gut

Auch in diesem Fall gewährt der Krieg in der Ukraine einen Blick in die Zukunft. Russland benötigt zum Bau von Drohnen unzählige Microchips, die wegen der Sanktionen gegen Moskau allerdings immer wieder Mangelware sind. Auffallend war nach dem Überfall auf die Ukraine der rasant steigende Import von Waschmaschinen nach Russland. Die wurden dort auseinandergenommen und die Chips zum Bau von Drohnen benutzt. In der neuen Welt des Krieges ist also selbst eine Waschmaschine kein harmloses Haushaltsgerät mehr.