Noch vor wenigen Wochen drohte die Saison für Kai Havertz und den FC Arsenal in einer weiteren Enttäuschung zu enden. Drei Spiele genügten, um die Stimmung zu drehen. Feiern die Londoner zu früh?
Siegtorschütze Bukayo Saka sackte nach dem Abpfiff überglücklich zusammen.
Von Von Philip Dethlefs, dpa
London - Man hätte glauben können, der FC Arsenal habe bereits eine Trophäe gewonnen. Kai Havertz sprintete im Leibchen auf den Platz, um mit seinen Teamkollegen zu feiern. Siegtorschütze Bukayo Saka sackte zusammen, Spieler lagen sich in den Armen und Trainer Mikel Arteta tanzte auf dem Rasen. Das sonst eher nüchterne Emirates-Stadion verwandelte sich in eine Party-Arena.
Nach dem überraschend souveränen Erfolg gegen Atlético Madrid und dem Einzug ins Champions-League-Finale ist die Krisenstimmung bei Arsenal endgültig passé. Jetzt erscheint sogar das Double wieder greifbar. Spieler und Fans träumen vom ersten Meistertitel seit 22 Jahren und dem allerersten Triumph in der Königsklasse überhaupt. Im Endspiel wartet Titelverteidiger Paris Saint-Germain oder der deutsche Meister FC Bayern.
"Jetzt erreichen wir das Niveau eines Spitzenclubs, der dauerhaft um die größten Titel mitspielen will", sagte Trainer Arteta nach dem hochverdienten 1:0 gegen Diego Simeones schwaches Atlético euphorisch. "Darauf kommt es an, und wir müssen das dauerhaft aufrechterhalten."
Drastischer Stimmungswechsel in London
Die vergangenen Tage haben die wacklige Stimmung rund um das Team von Nationalspieler Havertz komplett gedreht. In den vergangenen Wochen herrschten im Umfeld des Clubs Frust und Zweifel, nachdem Arsenal im Meisterrennen wichtige Punkte liegen gelassen, FA Cup und Ligapokal verspielt und sich gegen Sporting Lissabon nur mit Mühe ins Halbfinale gezittert hatte. Nun ist der Glaube zurück.
Erst siegte Arsenal souverän mit 3:0 gegen Fulham. Dann patzte Titelkonkurrent Manchester City spektakulär beim FC Everton (3:3). Jetzt hat der Club die Meisterschaft wieder in der eigenen Hand. Die Gunners haben ein Spiel mehr absolviert, liegen allerdings fünf Punkte vor der Mannschaft von Trainer Pep Guardiola. Drei Siege fehlen Havertz und Co. zum Titel. Folgt am 30. Mai auch noch der Henkelpott?
Havertz weiß, wie es sich anfühlt. Er schoss den FC Chelsea 2021 unter dem damaligen Trainer Thomas Tuchel zum Champions-League-Sieg. Während die Blues dreimal im Finale standen und den Wettbewerb zweimal gewannen, fehlt er bei Arsenal noch im Trophäenschrank. Nur einmal zuvor standen die Gunners überhaupt im Finale. 2006 flog der damalige Arsenal-Torhüter Jens Lehmann früh vom Platz, das Endspiel gegen den FC Barcelona ging mit 1:2 verloren.
Feiern die Arsenal-Spieler zu früh?
20 Jahre später wurde der zweite Finaleinzug entsprechend ausgelassen gefeiert. "Ich finde die Feierlichkeiten etwas übertrieben. Feiert, wenn ihr gewonnen habt!", kritisierte TV-Experte Wayne Rooney bei Prime Video. "Sie haben es verdient, in dieser Position zu sein, aber gewonnen haben sie noch nicht." Arsenal-Verteidiger Declan Rice widersprach. "Wir haben jedes Recht, diesen Moment zu feiern", sagte er. "Ich glaube, man kann nicht unterschätzen, was wir in diesem Wettbewerb bisher erreicht haben."
Das Momentum ist zurück
In der Königsklasse sind sie als einziges Team noch ungeschlagen. Im Endspurt der Premier League haben die Londoner, die lange Zeit der haushohe Favorit auf die Meisterschaft waren, ihre Formkrise vorerst überwunden. Das Momentum ist zurück beim FC Arsenal, der nach drei Jahren in Folge als Vizemeister das Image des ewigen Zweiten ablegen will.
Doch in den letzten drei Wochen kann noch viel passieren, das hat der bisherige Saisonverlauf gezeigt. In der Premier League steht am Sonntag das Derby bei West Ham United an. Die Hammers stehen auf einem Abstiegsplatz und müssen unbedingt gewinnen, um die Chance auf den Klassenerhalt zu wahren. Ein Ausrutscher bei West Ham - und die Stimmung bei Arsenal könnte sofort wieder in die andere Richtung kippen.
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