Im Netz der nackten Tatsachen

Vor allem bei Jungen: Suchthafter Porno-Konsum nimmt zu

Oft aus Langeweile und Frust: Für viele Jugendliche gehören Pornos früh zum Alltag dazu. Manche entwickeln ein Suchtverhalten. Ein Experte benennt Warnsignale und erklärt, was die Forschung derzeit untersucht.

Vor allem bei Jungen: Suchthafter Porno-Konsum nimmt zu

Viele Betroffene berichten, dass es so angefangen habe: „Dass sie immer, wenn sie nichts mit sich anzufangen wussten, alleine waren, Frust hatten, Pornos konsumiert haben. Und das so zur Gewohnheit wird, dass man Situationen, wo man zum Beispiel gelangweilt ist, überhaupt nicht mehr aushalten kann.“

Von Markus Brauer/KNA/dpa

„Schule war blöd, Hausaufgaben machen ist noch blöder. In so einer Situation gibt es für 13 Jahre alte Jungen nach Worten eines Psychologen nichts Spannenderes als Pornografie. „Da kann man sich drin verlieren und alles nach hinten schieben“, sagt Rudolf Stark. Etwa 50 bis 80 Prozent der Jungen fingen in diesem Alter damit an, gelegentlich Pornos zu schauen.

Bei vielen trete das Thema in den Hintergrund, wenn sie reale Beziehungen anfingen, erklärt Stark, der an der Universität Gießen eine Studie zur Behandlung der Pornografie-Nutzungsstörung (PNS) leitet. Sie gilt als häufigste Unterform der „Störung mit zwanghaftem Sexualverhalten“.

Belastete Beziehungen als Symptom

Gefährdet sei, wer Pornografie lange, auch während einer festen Beziehung konsumiere und zur Regulation von Gefühlen nutze, erklärt Stark. „Sehr häufig gehen Ängste oder Depressionen mit PNS einher, teils auch andere Süchte.“

Viele Betroffene berichten, dass es so angefangen habe: „Dass sie immer, wenn sie nichts mit sich anzufangen wussten, alleine waren, Frust hatten, Pornos konsumiert haben. Und das so zur Gewohnheit wird, dass man Situationen, wo man zum Beispiel gelangweilt ist, überhaupt nicht mehr aushalten kann.“

Unkritischer Porno-Konsum?

Durch die Digitalisierung gebe es eine Steigerung, die allerdings nicht so deutlich ausfalle, wie man vor 20 Jahren – mit dem Aufkommen des mobilen Internets – befürchtet habe, so Stark.

Viele Fragen der Forschung seien noch unbeantwortet, beispielsweise auch die nach einer wirksamen Therapie. Es gebe keine Belege dafür, dass nur Abstinenz wirklich helfe, wie etwa bei Alkoholsucht. „Beim Alkohol kann man zudem sagen, das braucht kein Mensch. Aber Sexualität gehört zu unserem Leben dazu. Deshalb kann eine wichtige Frage lauten: Wie kann ein Konsum aussehen, der unkritisch ist?“

PNS auch bei Erwachsenen verbreitet

„Rund drei Prozent der volljährigen Männer in Deutschland haben eine Pornografie-Nutzungsstörung“, erläutert Rudolf Stark. Etwa ein Prozent der Frauen sei von Pornosucht betroffen. „Studien zeigen, dass Frauen deutlich weniger Pornografie konsumieren. Damit ist für sie auch die Gefahr geringer, in eine Suchtspirale einzumünden.“

Dass Betroffene professionelle Hilfe bekommen können, sei noch nicht selbstverständlich, betont Stark. Er forscht seit mehr als 15 Jahren zu Pornografie-Konsum. „Bis jetzt ist die Versorgung sehr schlecht. Da die Störung erst vor kurzem offiziell anerkannt wurde, sind viele Psychotherapeuten darauf noch nicht gut vorbereitet.“

PornLoS: Therapie der zwanghaft-sexuellen Impulskontroll-Störung

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verabschiedete im Mai 2019 die internationale Klassifikation von Erkrankungen (ICD-11), in der zwanghafte sexuelle Störungen als Impulskontrollstörungen aufgenommen sind. Der Klassifizierungskatalog ICD-11 wird derzeit auch in Deutschland eingeführt.

„Das war ein wahnsinnig wichtiger Schritt“, unterstreicht Stark. Die offizielle Anerkennung als Sucht fehle noch. Doch die Klassifikation biete eine Grundlage für gezieltere Forschung und damit auch die Voraussetzung für bessere Therapiemöglichkeiten.

Das ist auch das Ziel des Projekts „PornLoS“, das Stark seit Juli 2023 an der Gießener Universität leitet. Der Titel steht für: Pornografie-Nutzungsstörung effektiv behandeln – Leben ohne Suchtdruck.

„Wir wollen neue Ansätze erproben und Schlüsse für weitere Behandlungsmethoden ziehen“, erklärt der Projektleiter. „Dafür schulen wir derzeit noch Therapeuten und suchen Teilnehmer.“ Mit Beginn des nächsten Jahres werden dann rund 300 Patienten in die Studie aufgenommen.

Der Beginn: Belohnungsreize und Suchtverhalten

Die Münchner Paar- und Sexualtherapeutin Heike Melzer erklärt, wie sich Pornosucht entwickeln kann: „Meist fängt es ganz harmlos an.“ Viele, die später ein problematisches Verhalten zeigen, fliehen laut Melzer vor negativen Gefühlen, um sich von den Pornos gezielt einen Belohnungsreiz abzuholen, wann immer sie ihn brauchen.

Am Anfang fühle sich die Belohnung auch noch sehr gut an, berichtet Melzer. „Doch mit der Zeit entwickelt man eine Toleranz. Dann muss der Süchtige mehr machen, mehr Zeit investieren.“

Im Endstadium komme es zum Kontrollverlust, so die Therapeutin. Einer ihrer Patienten sei durch kostenpflichtige Live-Sex-Streams, die er während seiner Arbeitszeit schaute, an finanzielle Grenzen geraten. Ein anderer schaue 40 Stunden pro Woche pornografische Inhalte. Heike Melzer: „Da bleibt nicht mehr viel Zeit für Freunde, Hobbys und Beruf.“ Das Aufhören gelinge nicht, die Scham sei groß.

Der Verlauf: Kontrollverlust, Abstumpfung, Isolation

Nach einiger Zeit mit hohem Konsum würden die Pornoschauer zudem abstumpfen. Der Grund dafür sei an erster Stelle im Kopf zu finden: „Dopamin ist die Währung unseres Belohnungssystem im Gehirn“ erläutert die Therapeutin.

Je häufiger sich jemand einen „Kick“ verschaffe, desto schneller schwinde der Wert. Die Belohnung falle immer kleiner aus – wie beispielsweise bei der Nikotinsucht. „Das heißt, wir brauchen immer stärkere Reize“, folgert Heike Melzer. Das beeinflusse die körpereigene Regulation des sogenannten Glückshormons. „Dadurch gerät man in eine Disbalance, die man nur schwer wieder rückgängig machen kann.“

Die Erfahrung hat auch Niklas gemacht. „Die Inhalte, die ich geschaut habe, wurden härter, teils auch gewaltsamer.“ Auch die Beziehung zu seiner Freundin litt darunter. „Sie wusste davon, aber nicht in dem Ausmaß“, sagt er. Die Probleme seien jedoch kaum zu verstecken gewesen. Ihn schränkten eine Erektionsstörung und Unlust ein. Letztendlich trennten sie sich.

Die Folgen: sexuelle Funktionsstörungen

Ein hoher Porno-Konsum führt laut Melzer häufig zu sexuellen Funktionsstörungen - nicht nur bei Männern. „Wer fünfmal am Tag Pornos schaut und sich dabei einen Vibrator auf die Vulva hält, der reagiert nicht mehr auf einen unmotorisierten Penis.“

Betroffene in Beziehungen entwickeln laut Melzer häufig eine partnerbezogene Lustlosigkeit. „Sie wirken auf den Partner, als hätten sie kein Interesse an Sex, als wären sie asexuell“, erklärt Melzer. „Dabei sind sie vielmehr hypersexuell und verstecken es aus Scham.“

Die Hilfe: langwierige Psycho- und Suchttherapie

Wer vermutet, dass sein Partner betroffen sein könnte, sollte sich informieren und die Sorgen teilen, empfiehlt die Therapeutin. Es sei üblich, dass der Partner zunächst alles abstreite. „Patienten mit süchtigen und zwanghaften Verhaltensweise verschleiern oftmals ihr Verhalten, spalten es ab und greifen die Person an, die es anspricht“, sagt sie. Auch für Angehörige von Pornosüchtigen gebe es Selbsthilfegruppen. Den Betroffenen rate sie, sich professionelle Hilfe zu suchen.

„Die Therapie hat mir enorm geholfen“, betont Niklas. Sein Porno-Konsum sei stark zurückgegangen, das Studium hat er abgeschlossen. Doch mit der Unlust kämpfe er weiterhin. Mit den Folgen der Sucht klarzukommen, seit stetige Arbeit.