Bürokratie selbst in Notlagen

Warum ein Lufthansa-Airbus leer von Abu Dhabi nach München fliegt

Zehntausende Deutsche sitzen in der Golfregion fest, doch ein Airbus A380 der Lufthansa fliegt ohne Passagiere von Abu Dhabi nach München. Laut der Fluggesellschaft hat das rechtliche Gründe. Warum selbst in akuten Notlagen Bürokratie das Wichtigste ist.

Warum ein Lufthansa-Airbus leer von Abu Dhabi nach München fliegt

Der Airbus A380 ist das größte Passagierflugzeug der Welt und bietet je nach Konfiguration Platz für 450 bis über 600 Passagiere auf zwei durchgängigen Decks. An Bord des am Montag (2. März) von Abu Dhabi nach München gestarteten A380 der Lufthansa waren aber lediglich die beiden Piloten.

Von Markus Brauer

Es war einmal . . . in einem Land der Dichter und Denker, der Krieger und Poeten . . . So könnte ein epischer Abgesang auf Deutschland beginnen.

Made in Germany: Das Land, das vor nicht allzu langer Zeit in aller Welt für Fleiß und Ordnung, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, Effizienz und technologischen Fortschritt stand, droht zu einer internationalen Lachnummer zu werden. Das Einzige, was hierzulande offenbar expandiert, ist die Bürokratie.

Wadephul: „Das werden wir nicht machen können“

Jüngstes Beispiel für diese unrühmliche Transformation: Die (gar nicht lustige) Posse um die in der Golfregion gestrandeten Touristen. Der Deutsche Reiseverband beziffert die Zahl der betroffenen deutschen Reisenden auf rund 30.000. Die Zahl bezieht sich auf Reisende mit deutschen Veranstaltern, die sich derzeit in der Region aufhalten oder Flüge über die Drehkreuze in der Region haben.

Und was sagt der zuständige Minister zu einer möglichen Evakuierung deutscher Staatsbürger aus dem Krisengebiet? Stand 2. März: „Das werden wir nicht machen können, denn die Lufträume sind insgesamt geschlossen. Wann eine Ausreise für die Betroffenen wieder möglich sein wird, ist derzeit nicht absehbar“, so Bundesaußenminister Johann Wadephul.

Geht nicht, gibt’s nicht?

Und plötzlich, nur einen Tag später, geht es jetzt doch. Maschinen, offenbar der Lufthansa, sollen nach Maskat im Oman und in die saudische Hauptstadt Riad geschickt werden. Die Lufträume seien dort noch offen. „Sicherheit geht bei der Entsendung allerdings vor“, stellt der CDU-Politiker klar. Vorrang hätten „vulnerable Gruppen“. Es gehe dabei zunächst um Kinder, Kranke und Schwangere, so Wadephul.

Das Auswärtige Amt will nun neben den Charterflugzeugen Krisen-Unterstützungsteams nach Maskat, Doha und Dubai schicken. Weitere Teams sollen die Lage an den Grenzübergängen erkunden, wie Wadephul bekannt gibt. Eine militärische Evakuierung schließt der Minister aber erneut aus. Er verweist dabei auf die geschlossenen Lufträume. In entlarvender Offenheit erklärt Wadephul: „Wir haben auch keine entsprechenden militärischen Mittel.“

Andere machen's vor, wie's richtig geht

Was dieses Rumgeeiere soll, kann wohl nur der Außenminister selbst erklären. Und während Deutschland zögert, fliegt Italien seine Landsleute bereits aus. Ein Charterflug mit 127 Italienern an Bord ist von der omanischen Hauptstadt Maskat in Richtung Heimat gestartet, wie das Außenministerium in Rom mitteilt.

Die Menschen saßen demnach im Oman fest oder waren zuvor mit Unterstützung der italienischen Behörden aus Dubai dorthin gebracht worden. Das Außenministerium teilt weiter mit, Botschaften und Konsulate in der Golfregion arbeiteten daran, weitere Landsleute zu noch erreichbaren Flughäfen zu bringen.

Airbus fliegt startet ohne Passsagiere

Zaudern, Zögern, Zeit verplempern: Das scheint die Strategie der Bundesregierung zu sein. Den Vogel abgeschossen aber hat ein Airbus A380 der Lufthansa, der am Montag (2. März) trotz Zehntausender festsitzender Reisender ohne Passagiere von Abu Dhabi nach München geflogen ist.

Die Mitnahme von Passagieren war nach Angaben der Fluggesellschaft wegen fehlenden Kabinenpersonals nicht möglich. An Bord der Maschine waren demnach lediglich die beiden Piloten.

Nicht aureichend Flugbegleiter vor Ort

Für die Mitnahme von Fluggästen wäre laut Lufthansa aus Sicherheitsgründen eine mindestens 17-köpfige Kabinencrew erforderlich gewesen. Diese war demnach in Abu Dhabi nicht vor Ort und konnte wegen der kriegsbedingten Einschränkungen auch nicht eingeflogen werden.

„Ohne Flugbegleiter ist eine Passagierbeförderung rechtlich und sicherheitstechnisch ausgeschlossen“, hatte die Lufthansa nach dem Start in Abu Dhabi mitgeteilt. Zudem seien auch die Erreichbarkeit des Flughafens in Abu Dhabi für viele Fluggäste sowie der Check-In, die Sicherheitskontrolle und das Boarding dort nicht gewährleistet gewesen.

Der Airbus A380 ist das größte im Interkontinentalverkehr eingesetzte Passagierflugzeug. Die betroffene Maschine war nach Lufthansa-Angaben seit dem 6. November zur Wartung in Abu Dhabi und wurde nun wieder nach Deutschland überführt.

In Deutschland sind Regeln halt Regeln. Daran führen weder Notlagen noch Kriege – wahrscheinlich auch kein Weltuntergang – vorbei. Ein Tipp: Wenn jetzt doch Evakuierungsflüge starten sollten, dann aber bitte nur mit doppelt besetzten Kabinenpersonal und Bordverpflegung für mindestens 1 Woche.

Grüne: „Unvorbereitet, überfordert, erschütternd“

Die Grünen im Bundestag treffen es auf den Punkt: „Was wir derzeit im Nahen Osten erleben, ist eine Eskalation, die sich seit Wochen als mögliches Szenario abgezeichnet hat“, empört sich die Grünen-Außenexpertin Luise Amtsber. „Dass die Bundesregierung in dieser nun akuten Gefährdungslage dennoch unvorbereitet ist und überfordert wirkt, ist erschütternd.“

Der Schutz der eigenen Bürger gehöre zu den Pflichten einer Bundesregierung, ergänzt Amtsberg. „Erst an Tag drei nach Ausbruch des Krieges anzukündigen, einzelne vulnerable Personengruppen aus der Region evakuieren zu wollen, reicht nicht aus.“

Linke: „Bundesregierung schürt Verunsicherung“

Kritik kommt auch von der Linksfraktion. Deren außenpolitische Sprecherin, Cansu Özdemir wirft der Koalition mangelhafte Krisenkommunikation vor. „Mit der aktuellen Äußerung von Außenminister Wadephul, zunächst nur ältere Menschen, Kinder, Kranke und Schwangere evakuieren zu wollen, schürt die Bundesregierung weitere Verunsicherung.“

In dieser Situation komme es darauf an, besonnen und umsichtig zu agieren. „Dies versäumt die Regierung.“ Es müssten schnellstmöglich Pläne vorgelegt werden, wie eine Evakuierung für alle rund 30.000 Menschen erfolgen könne.

Tui: Taten statt Ausreden

Während die zuständigen staatlichen Organe ihre ganze Überforderung offenbaren, setzen Unternehmen auf Taten. Der Reisekonzern Tui will nach Möglichkeit noch am heutigen Dienstag damit beginnen, im Nahen Osten festsitzende deutsche Touristen nach Deutschland zu holen.

„Wir hoffen, dass wir heute mit der Rückholaktion beginnen können“, erklärt Tui-Chef Sebastian Ebel. Demnach befinden sich etwa 10.000 Tui-Kunden in der Golfregion.

Ebel zufolge sollen die ersten Flüge nach München gehen. Tui arbeite dabei mit den Airlines Emirates, Qatar Airways und Etihad Airways zusammen. Die eigene Airline Tuifly halte ebenfalls Maschinen bereit, um „sobald wir die Erlaubnis bekommen, dorthin zu fliegen und Kunden möglichst zügig abzuholen“.

„Bei 10.000 Kunden, die wir dort haben, ist das sicherlich etwas, was einige Tage dauern wird“, sagt Ebel weiter. Voraussetzung sei, dass sichere Luftkorridore zur Verfügung stünden.

Fazit: Es geht doch, wenn man nur will. Man braucht nur das richtige Führungspersonal im Cockpit. Aber das ist eine andere Geschichte . . . (mit dpa/AFP-Agenturmaterial)