Trotz globaler Erwärmung erleben die USA einen schweren Wintersturm und extreme Kälte. Auch bei uns in Deutschland war es in den letzten Wochen schneereich und kalt. Was steckt dahinter?
Diese Grafik zeigt den Grund für den Wintersturm und Kälteeinbruch in den USA: Der Polarwirbel (blau) und der Jetstream (hellblau) sind weit nach Süden hin ausgebeult. Die weiße Linie zeigt die Frostgrenze am 26. Januar 2026.
Von Markus Brauer
Schneemassen und Glätte wirbeln seit Tagen in Deutschland das Leben durcheinander. Züge stehen still, es kommt zu Unfällen auf den Straßen, vielerorts sind das öffentliche Leben und vor allem der Verkehr beeinträchtigt. Eine Weile soll es noch so kalt bleiben. Aber ist das überhaupt ungewöhnlich? Und widerspricht es dem Trend des Klimawandels, wie in sozialen Medien gemutmaßt wird?
Kälte ist objktiv messbar
„Die ersten Januartage waren deutlich kälter als das, was wir im klimatologischen Mittel erwarten würden. Das ist also keine subjektive Wahrnehmung, sondern entspricht auch den Messungen“, sagt Andreas Walter, Klima-Experte beim Deutschen Wetterdienst (DWD).
Die Ursache für diese winterlichen Kälteeinbrüche liegt rund 50 Kilometer über unseren Köpfen – in der Stratosphäre. Dort sorgt eine Störung des Polarwirbels dafür, dass arktische Luft weiter nach Süden gelangen kann als normal. Aber wie entsteht diese Anomalie? Und wie beeinflusst sie unser Wetter?
Wieso ist es gerade eigentlich so kalt?
„Das ist die berühmt-berüchtigte Polarfront. Je nachdem, wo die zu liegen kommt, ist man auf der kälteren oder wärmeren Seite“, erklärt Walter.
Der Meteorologe Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ergänzt: „Eisige Winterwetterbedingungen werden in Deutschland typischerweise durch großräumige Luftmassentransporte aus nördlichen bis nordöstlichen Richtungen ausgelöst.“ Es sei dann der gemäßigte Wettereinfluss vom Nordatlantik blockiert.
„Auch in einem 2 Grad wärmeren Klima bestehen weiterhin große Temperaturkontraste zwischen den Polarregionen und den Subtropen. Bei Westwindwetterlagen verbleibt die extreme Kälte im Norden und die Wärme im Süden.“ Bei Störungen könnten sich blockierende Hochs festsetzen und einen Kaltluftvorstoß nach Süden auslösen, der sich nur allmählich abbaue. So sei auch die aktuelle Kältewelle entstanden.
Immer wärmer? Klimawandel in der Theorie
Der Klimawandel heizt die Atmosphäre immer weiter auf und macht dadurch auch die Winter milder. So die gängige Theorie. Tatsächlich zeigen Messdaten, dass Kältetage und Schnee bei uns in den letzten Jahrzehnten seltener geworden sind.
Umso erstaunlicher scheint es, dass Nordamerika und Europa trotzdem immer wieder extreme Wintereinbrüche und Kälteperioden erleben, zuletzt im Winter 2019, im Frühjahr 2021 und auch wieder in diesem Jahr.
Ein Grund für extreme Winterkälte ist der Polarwirbel, eine starke Ringströmung rund um den Nordpol. Sie entsteht durch ein weitgehend stationäres Tiefdrucksystem über der Arktis und die Luftmassengrenze zu wärmeren, gemäßigten Regionen.
Dadurch bilden sich schnelle Windbänder in der oberen und unteren Atmosphäre aus. Dieser polare Vortex ist im Winter besonders ausgeprägt und schließt die arktischen Luftmassen ein.
Wenn der Polarwirbel schwächelt
Doch manchmal schwächt sich der Polarwirbel ab und gerät aus den Fugen. Die sonst nahe am Pol liegende Ringströmung bildet dann Bögen aus, die bis weit in die gemäßigten Breiten reichen können.
„Diese Störung des polaren Vortex entsteht typischerweise durch einen Anstieg der Temperaturen und des Luftdrucks in der arktischen Stratosphäre – ein sogenanntes stratosphärisches Wärmeereignis“, erklärt Matthew Barlow von der University of Massachusetts.
Ein solches Wärmeereignis ist auch zurzeit über dem Nordpol messbar, wie Barlow berichtet. Durch diese Anomalie verringert sich der Kontrast zwischen den arktischen Luftmassen und den umgebenden Regionen.
Dies nimmt dem Polarwirbel seine Energie und erlaubt es der Ringströmung gleichzeitig, sich in einem weiten Bogen nach Süden auszubreiten – über fast die gesamte USA. Diese „Beule“ transportiert arktische Kaltluft weit nach Süden und erklärt die extremen Tieftemperaturen selbst in den südlichen US-Bundessstaaten.
Jetstream als Sturmtreiber
Der schwere Sturm und die starken Schneefälle über den USA werden durch eine weitere atmosphärische Anomalie verstärkt. Die südliche Ausbreitung des Polarwirbels wirkt auch auf den in geringerer Höhe liegenden Jetstream. Dieses in zehn Kilometer Höhe liegende Windband zieht sich zwischen dem 40. Und 50. Breitengrad einmal um den Globus. Seine Bögen und Wellen sind für die gemäßigten Breiten wetterbestimmend.
„Unter bestimmten Bedingungen kann eine Rückkopplung mit dem Polarwirbel die Energie im Jetstream erhöhen und seine Nord-Süd-Bögen verstärken“, erklärt Barlow. Genau dies war auch im Januar 2026 über Nordamerika der Fall.
Dadurch entstand eine Verbindung zu den warmen, feuchten Luftmassen über dem Golf von Mexiko. Diese lieferten wiederum den Treibstoff für die enormen Schneemassen des aktuellen Wintersturms über Nordamerika.
Ist der Klimawandel schuld?
Ob die globale Erwärmung an dem aktuellen Wintersturm und Kälteeinbruch schuld ist, lässt sich nicht eindeutig belegen. Simulationen haben aber bereits vor einigen Jahren gezeigt, dass eine wärmere Arktis und schmelzendes Meereis den Polarwirbel schwächen und ausufern lassen.
Insgesamt werden dadurch die Winter zwar milder und Kälteperioden seltener. Wenn dann aber doch Kälteeinbrüche eintreten, fallen sie extremer aus undreichen weiter nach Süden als früher. Auch wenn es paradox erscheint, ist die aktuelle Winterkälte daher kein Widerspruch zum Klimawandel.
Widerspricht die extreme Kälte dem Klimawandel?
Nein. „So ein kalter Monat wie der bisherige Januar widerspricht überhaupt nicht dem Fakt des Klimawandels“, betont auch Experte Walter. „Die Erwärmung geht nicht immer monoton nur nach oben. Es wird auch immer wieder Ausschläge nach unten und nach oben geben.“ Dieser Januar sei bisher ein Ausschlag nach unten, auch wenn zum Gesamtmonat noch keine Aussagen möglich seien.
Der Klimaforscher Mojib Latif vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel hält fest: „Insgesamt ist es weltweit immer noch viel zu warm.“ Der Dezember sei extrem warm gewesen, 2025 werde wohl als das zweit- oder drittwärmste Jahr in die Statistik eingehen.
Kältephasen werden weniger
„Globale Erwärmung bedeutet nicht, dass es keine Frosttemperaturen mehr gibt“, erläutert Latif. Aber: „Solche Phasen werden seltener.“ In der langfristigen Entwicklung zeige sich, wie sehr sich die Zahl der Frosttage schon über die Jahrzehnte verringert habe.
Latif erklärt: „Wir müssen auch mit stärkeren Schneefällen rechnen. Schneefälle werden seltener, können aber heftiger ausfallen in einer erwärmten Welt.“ Da die Ozeane viel zu warm seien, verdunste viel Wasser, das sich in der erwärmten Atmosphäre sammle. Je wärmer die Luft, desto mehr Feuchtigkeit könne sie aufnehmen. Insgesamt gebe es aber immer weniger Schnee. (mit dpa-Agenturmaterial)