Landesgartenschau in Ellwangen

Wie aus der Flüchtlingsstadt ein Blumenparadies wurde

Erst ein pikanter politischer Deal hat der Stadt Ellwangen die Landesgartenschau eingebracht. Taugt das Konzept trotzdem?

Wie aus der Flüchtlingsstadt ein Blumenparadies wurde

Die Jagst kann wieder mäandern.

Von Eberhard Wein

Bunte Blumenkugeln baumeln über den Gassen von Ellwangen. Die 25.000-Einwohner-Stadt rüstet sich für die Landesgartenschau, die am 24. April öffnet. Auf dem Gelände hinter der Bahnlinie wird noch kräftig geschuftet. 40.000 Pflanzen müssen ausgebracht werden. Lange habe sich Ellwangen unter Wert verkauft, glaubt Oberbürgermeister Michael Dambacher (CDU). Das soll jetzt anders werden. Am Hemdkragen prangt das Symbol der Gartenschau. Noch nie habe er so viel Zusammenhalt in der Stadt erlebt. Mehr als 1000 Freiwillige wollen in den kommenden Monaten mithelfen.

Dass sich diese Chance bietet, ist das Ergebnis eines pikanten politischen Deals. Zehn Jahre lang war Ellwangen vor allem durch die Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge (Lea) bekannt. Bis zu 5000 Menschen drängten sich zur Hochzeit der Flüchtlingskrise 2015 auf dem Gelände der ehemaligen Reinhardt-Kaserne. Zuletzt waren es keine 200 mehr. Seit Jahresbeginn ist die Einrichtung Geschichte.

Grüne wollten Lea verlängern

Eigentlich sei das schade, findet Berthold Weiß. Der Lea-Leiter sitzt auch im Gemeinderat und führt dort die Grünen-Fraktion an. „Ich bin überzeugt, dass die Lea-Bewohner gerne an der Gartenschau mitgewirkt hätten.“ Doch sein Vorschlag, die Frist für die Lea noch einmal zu verlängern, fand im Gemeinderat wenig Anklang. Für die zentrale Flüchtlingserstaufnahme in Nordwürttemberg hat die Landesregierung nun leerstehende Bürogebäude in Stuttgart-Weilimdorf im Auge.

Für Oberbürgermeister Dambacher ist die Schließung ein Erfolg. „Ich bin mit dem Versprechen gewählt worden, die Lea zu schließen“, sagt er. Das habe er getan. Doch selbstverständlich war das nicht. Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) hatte 2018 in einem Brief an Dambachers Vorgänger die Gartenschau-Zusage unverhohlen mit einer Lea-Verlängerung verknüpft – zunächst bis 2022. Es handele sich um eine „Erwartungshaltung“, „die stärkste Form einer Bitte“, präzisierte das Ministerium später. Der Gemeinderat reagierte empört – und drehte den Spieß um: Erst nach erfolgreicher Bewerbung wollte man der Verlängerung zustimmen.

Der Minister bevorzugt Bad Mergentheim

Dass bei der Vergabe von Landesgartenschauen nicht nur fachliche, sondern auch politische Gründe eine Rolle spielen, ist bekannt. Hauk favorisierte damals wohl Bad Mergentheim aus der Nachbarschaft seines Wahlkreises. Die Lösung: eine Mehrfachvergabe. Bad Mergentheim bekommt 2034 seine Gartenschau.

Jetzt freut sich Ellwangen auf das Großereignis. Die Stadt investierte 46 Millionen Euro in die Umgestaltung des 26 Hektar großen Geländes, 23 Millionen davon kamen aus Bundes- und Landesmitteln. Ein Biergarten mit Abenteuerspielplatz und ein 14 Meter hoher Aussichtsturm mit „Todesrutsche“ für die Kinder bleiben der Stadt erhalten. Der Fest- und Parkplatz Schießwasen, einst eine riesige Asphaltwüste, wurde zu einem Park umgewandelt.

85 Millionen für die Zukunft

Insgesamt investierte die Stadt in fünf Jahren 85 Millionen Euro. Sie sanierte den städtischen Campingplatz, schuf ein neues Jugend- und Veranstaltungszentrum für 5,7 Millionen Euro und baute einen großen Fußgängersteg von der Stadt zum Park, der ein wenig wie das Raumschiff Enterprise aussieht. Ein privater Investor steuerte ein 100-Betten-Hotel bei. Dessen Rooftop-Bar bietet nun einen Blick über das Gelände und die Altstadt mit ihrer beeindruckenden Basilika.

Die wichtigste Errungenschaft des vom Berliner Büro „Relais Landschaftsarchitekten“ erdachten Konzepts: Die Jagst darf wieder mäandern. Jahrzehntelang war der Fluss an der Bahnlinie eingekastelt, nun ist er Teil einer neugeschaffenen Auenlandschaft, auf der Ponys und Wasserbüffel grasen. „Ellwangen kommt wieder an die Jagst“, lautete die passende Überschrift.

Für die Umgestaltung des ehemaligen Lea-Geländes auf der anderen Seite der Stadt fehlt nach so vielen Investitionen und wegen der Wirtschaftskrise derzeit das Geld. Dort soll ein Stadtteil für 2000 Neubürger entstehen. Zwei Drittel der Flächen hat sich die Stadt bereits gesichert, der Abriss der Panzerhallen läuft. Ob das Bundesverteidigungsministerium die Kaserne wegen der veränderten Sicherheitslage doch noch einmal braucht? Dambacher lässt sich davon nicht beirren.

Blumen im Kreuzgang, Gaia in der Stadtkirche

BesucherzahlenEllwangen (26 Hektar) hofft vom 24. April bis zum 4. Oktober auf 750.000 Besucher. In Wangen (46 Hektar) wurden 2024 sogar eine Millionen Besucher gezählt. Neuenburg (23 Hektar) fiel dagegen etwas ab. Dort wurden 2022 nur 325.000 Gäste gezählt. Ein Jahr zuvor waren es bei der wegen Corona verschobenen Gartenschau in Überlingen (elf Hektar) 700.000.

RekordeLandesgartenschauen in Nordwürttemberg sind immer besonders erfolgreich. So kamen 2018 nach Öhringen (30 Hektar) 1,3 Millionen und 2014 nach Schwäbisch Gmünd (30 Hektar) sogar zwei Millionen Gäste. Damit erreichte man die Größenordnung der baden-württembergischen Bundesgartenschauen von Mannheim 2023 (104 Hektar) mit 2,2 und Heilbronn 2019 (40 Hektar) mit 2,3 Millionen.

Eintritt Das Gelände ist täglich von 9 bis 20 Uhr geöffnet, Kassenschluss ist um 18 Uhr. Erwachsene zahlen 24,90 Euro, Kinder sind kostenlos. Im Ticket ist der gesamte Nahverkehr in Baden-Württemberg enthalten, außerdem der Eintritt in die Blumenschau im Kreuzgang der Basilika und zur Gaia-Ausstellung in der evangelischen Stadtkirche.