Kriminalstatistik

Wie reagiere ich bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch?

Die Zahl der Fälle von Sexualstraftaten gegen Kinder bleibt in Deutschland weiterhin hoch. Wie Erwachsene sexuellen Missbrauch erkennen können und damit umgehen sollten.

Wie reagiere ich bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch?

Veränderungen von Kindern und Jugendlichen sollten ernstgenommen werden.

Von Jelena Maier/dpa

Sexuelle Übergriffe, Ausbeutung Minderjähriger, Missbrauchsdarstellungen im Netz - die Zahl sexueller Gewalttaten gegen Kinder und Jugendliche liegt in Deutschland weiterhin auf einem besorgniserregend hohen Niveau. Darauf haben Bundesinnenministerium, Bundeskriminalamt und die Missbrauchsbeauftragte des Bundes bei der Präsentation eines jährlichen Lagebildes hingewiesen.

Kindesmissbrauch in Deutschland

In Deutschland bearbeitete die Polizei im vergangenen Jahr laut Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS), auf deren Basis das Lagebild erstellt wurde, 16.354 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern. Pro Ermittlungsfall können auch mehrere Kinder betroffen sein.

Die Polizei zählte gut 18.000 Opfer im Zusammenhang mit sexuellem Kindesmissbrauch – ein unverändert hohes Niveau im Vergleich zum Vorjahr (16.375 Fälle, 18.497 Opfer).

Laut den Zahlen des BKA-Lagebildes ist es 2024 in Nordrhein-Westfalen zu den meisten Fällen von Kindesmissbrauch gekommen. Insgesamt 4426 sind registriert worden.

Dahinter folgen Bayern mit insgesamt 2031 Fällen und Baden-Württemberg mit 1719 Fällen. In Baden-Württemberg ist es somit zu 15,3 Fällen pro 100.000 Einwohnern gekommen.

Die Statistik spiegelt nur das sogenannte „Hellfeld“ wider: Erfasst werden lediglich die Fälle, die angezeigt und polizeilich bekannt wurden. Die tatsächliche Zahl liegt vermutlich deutlich höher, da viele Betroffene aus Scham, Angst oder anderen Gründen keine Anzeige erstatten.

Was tut die Regierung gegen Kindesmissbrauch?

Ein großer Teil der Straftaten findet im Internet statt, erklärte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bei der Vorstellung des Lagebildes. Um Täter gezielter ermitteln zu können, sollen Telekommunikationsanbieter künftig verpflichtet werden, IP-Adressen für einen Zeitraum von drei Monaten zu speichern.

Union und SPD haben das im Koalitionsvertrag vereinbart. Einen entsprechenden Gesetzentwurf will Dobrindt gemeinsam mit dem Justizministerium nun in den nächsten Wochen aufsetzen, wie er ankündigte.

Welche Anzeichen für sexuellen Missbrauch gibt es?

Anzeichen für Missbrauch sind nicht immer eindeutig:

Sie können sich unter anderem durch Konzentrationsprobleme, plötzlichen Problemen in der Schule oder wiederkehrende körperliche Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen äußern.

Auch Essstörungen oder sexualisiertes Verhalten können Hinweise sein. Insbesondere dann, wenn dieses Verhalten nicht dem Entwicklungsstand des Kindes oder Jugendlichen entspricht und/oder die persönlichen Grenzen anderer verletzt.

„Jede dieser Auffälligkeiten kann auch andere Ursachen haben. Wichtig ist, dass Erwachsene Veränderungen von Kindern und Jugendlichen ernst nehmen und sie darauf ansprechen“, rät das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch. Dabei sollte man das Kind nicht drängen und keine Fragen stellen, auf die man nur mit Ja oder Nein antworten kann, etwa „Hat dir die Person wehgetan?“.

So reagiert man bei Verdacht richtig

Besser seien offene Fragen wie: „Was habt ihr zusammen gemacht?“, heißt es seitens den Experten weiter. Aber auch dann gilt: kein Druck! Denn fühlt sich das Kind bedrängt, könne es passieren, dass es ganz dicht macht oder in eine bestimmte Richtung antwortet. Man dürfe nicht vergessen, dass meist ja schon der Täter oder die Täterin großen Druck aufbaut, dass das Kind nichts erzählen dürfe. 

„Erklären Sie, dass es manchmal Geheimnisse gibt, die sich schlecht anfühlen und dass man über solche Geheimnisse sprechen darf“, empfiehlt das von der Unabhängigen Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen geförderte Hilfe-Portal als Gesprächs-Taktik. Dabei raten die Experten, dennoch nicht voreingenommen, sondern auch offen für andere Erklärungen für die gemachten Beobachtungen oder merkwürdigen Gefühle zu sein. 

Nicht nach Details fragen

Wichtig ist außerdem: „Wenn das Kind über Missbrauch berichtet, fragen Sie nicht nach Details. Denn eine richtige Befragung muss gelernt sein und sollte Fachleuten überlassen werden“, heißt es im Portal weiter. „Machen Sie sich klar, dass Sie für das Kind da sein und nicht die Täter oder Täterinnen überführen wollen.“

Und: „Sagen Sie, dass Sie dem Kind glauben, und loben Sie es für seinen Mut. Machen Sie deutlich, dass Sie an seiner Seite stehen. Bewahren Sie Ruhe und handeln Sie nicht übereilt.“

Diese Hilfsangebote gibt es bei sexuellem Missbrauch

Wenn Angehörige oder Bekannte von sexuellem Missbrauch an einem Kind erfahren oder einen Verdacht haben, können sie sich vertraulich beraten lassen – zum Beispiel beim Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch unter der Telefonnummer 0800 22 55 530 oder bei spezialisierten Fachberatungsstellen.

Die Mitarbeitenden helfen Ihnen auch dabei, zu entscheiden, ob eine sofortige Anzeige bei der Polizei im individuellen Fall sinnvoll ist, heißt es von der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes. Auf dem Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch gibt es eine Datenbank für Stellen in der jeweiligen Nähe.