Affären und Skandale

Wie Trump die Epstein-Akten nutzt

Die drei Millionen Dokumente aus dem Leben des Sexualstraftäters produzieren jede Menge Ablenkung. Donald Trump kann das nur Recht sein – für den Moment.

Wie Trump die Epstein-Akten nutzt

Noch sind nicht alle Aktenstücke zu dem Fall veröffentlicht.

Von Thomas Spang

Jeden Tag eine neue Schlagzeile. Mal über Bill Clinton, dann über Bill Gates und nun über Bill Burns. Letzterer ist der ehemalige CIA-Direktor Joe Bidens, dessen Name in den vom Justizministerium veröffentlichten Epstein-Dokumenten auftaucht. Ein toxisches Sammelsurium an Akten, Fotos und elektronischer Kommunikation, die Ermittler verschlagwortet und nummeriert haben. Abrufbar seit vergangenem Freitag i Internet für jeden Interessierten unter https://www.justice.gov/epstein.

Dort hätten die Akten laut Gesetz bereits im Dezember vollständig veröffentlicht werden müssen. Doch wie über so viele andere Dinge auch setzte sich das Justizministerium auf Weisung Donald Trumps hinweg. Was sich jetzt dort findet, ist etwa die Hälfte des Materials, das im Besitz der Justiz ist. Vieles davon haben die Beamten geschwärzt. Aus Sicht des Präsidenten war das genug, um jetzt zur Tagesordnung überzugehen.

Der Präsident bleibt äußerst dünnhäutig

„Nichts kam über mich heraus, außer dass es eine Verschwörung gegen mich war, buchstäblich, von Epstein und anderen Leuten”, erklärte Trump am Mittwoch. „Aber ich denke, es ist jetzt an der Zeit, dass das Land vielleicht zu etwas anderem übergeht, wie Gesundheitsversorgung oder etwas, das den Leuten wichtig ist.” Wie unangenehm Trump Nachfragen hierzu sind, zeigte am Dienstag seine Reaktion auf CNN-Chefreporterin Kaitlan Collins. Als Collins den Präsidenten im Oval Office auf die Opfer des sexuellen Missbrauchs ansprach, kritisierte der Präsident ihren ernsten Blick. „Wissen Sie, warum Sie nicht lächeln? Weil Sie wissen, dass Sie nicht die Wahrheit sagen.” Sie sei eine der schlechtesten Reporterinnen, die er kenne.

Der stellvertretende Chef des Justizministeriums, Todd Blanche, der Trump bei seinen Strafprozessen der Vergangenheit verteidigt hatte, möchte die unvollständigen Akten ebenfalls schließen. Er sieht weder Anlass, die übrigen Dokumente öffentlich zu machen, noch weitere Ermittlungen anzustellen oder Anklagen zu erheben. Als wären der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen und Sexhandel eine Bagatelle.

Verstörend wirkt der nachlässige Umgang mit den Identitäten der Opfer. Die Schwärzungen erweisen sich vielfach als fehlerhaft. Dutzende Namen bleiben lesbar, unverpixelte Nacktaufnahmen sind abrufbar. Aus Sicht der Opferanwälte hat das System die Betroffenen einmal mehr im Stich gelassen. Dass ihr Schutz keine Priorität genoss, sage alles über die Prioritäten der Behörden.

Trumps Verbündete im Kongress helfen ihrerseits, den Fokus vom amtierenden auf einen ehemaligen Präsidenten umzulenken. So versuchte der Republikaner James Comer seit Monaten, Bill und Hillary Clinton vor seinen Untersuchungsausschuss zu zitieren. Die Clintons haben sich nun bereit erklärt, auszusagen. Ein Sprecher teilte mit, der Ex-Präsident und seine Frau freuten sich darauf, „einen Präzedenzfall zu schaffen, der für alle gilt.”Doch davon ist beim Amtsinhaber nicht auszugehen. Zumal der republikanische Kongress Trump nicht vorladen wird.

Beschuldigte aus allen Ebenen und allen Lagern

Für effektive Ablenkung sorgen die Medien, die sich auf alle möglichen Promis mit Kontakten zu dem verurteilten Sexualstraftäter stürzen. Von Trump ehemaligem Strippenzieher Steve Bannon und dem linksradikalen Linguisten Noam Chomsky über die Tech-Titanen Peter Thiel, Elon Musk und Mark Zuckerberg bis hin zu Trump-Intimus Howard Lutnick, New-York-Giants-Besitzer Steve Tisch und Langlebigkeits-Guru Peter Attia. Nicht zu vergessen die ekelhaften Details über den ehemaligen Prinzen Andrew Mountbatten-Windsor und andere europäische Berühmtheiten in Epsteins Nähe.

Die schiere Masse an Material erschwert darüber hinaus jede systematische Analyse. Die Flut an Dokumenten, Bildern und Videos schafft ein willkommenes Umfeld für Fakes und Fälschungen, die sich offensichtlich unter die echten Akten mischen. Die Epstein-Akten erweisen sich als Minenfeld für Hobby-Ermittler, die nach Namen suchen, die dann im Zusammenhang mit möglichen Straftaten oder banalen Zufällen auftauchen. Seien es geschäftliche Mails, Einladungslisten oder kurze Telefonnotizen. So erschütternd das weite Netz ist, das Epstein spannen konnte, so irritierend bleibt der Umstand, dass sie alle ungeschoren davonkommen. Das Justizministerium hat nicht ein Verfahren gegen die vielen Dutzend Promis angestrebt. Bis auf Epsteins Vertraute Ghislaine Maxwell bleiben alle verschont.

Trump profitiert kurzfristig von der Dokumentenflut. Obwohl er, seine Frau und sein Mar-a-Lago-Club 38 000 Mal erwähnt werden, befindet er sich in hinreichend breiter Gesellschaft, dass andere ebenso viel Aufmerksamkeit bekommen. Dass alle mitgemacht haben im Buhlen um die Gunst Epstein war von Anfang seine Ausrede für die Beziehung zu dem verurteilten Sexualstraftäter, der sich 2019 in einer New Yorker Gefängniszelle das Leben nahm. Die Kehrseite der Medaille für Trump besteht darin, dass das Zurückhalten der restlichen Epstein-Akten den Druck nur wachsen lassen wird, sie zu veröffentlichen. Der böse Geist ist aus der Flasche, und selbst dem Meister der Ablenkung dürfte es schwer fallen, das Thema auf Dauer vergessen zu machen.