Am 3. Mai ist Tag der Pressefreiheit. Ein Grund zum Feiern – und zum Nachdenken: Was passiert, wenn wir nicht mehr lesen, sondern die Welt nur im Vorbeiwischen streifen?
Am 3. Mai ist Tag der Pressefreiheit.
Von Anne Guhlich
Wir leben in einer Zeit, in der wir alles vermessen können. Schritte, Schlaf, Sauerstoffsättigung – vieles, was früher Gefühlssache war, lässt sich heute in Zahlen fassen. Das kann hilfreich sein, manchmal sogar beruhigend. Und doch bleibt ein Rest, der sich jeder Statistik entzieht: die Leichtigkeit eines zufriedenen Moments, eine Nacht mit Freunden, die jede Schlaf-Statistik ruiniert und uns dennoch glücklich macht.
Zahlen wissen viel, aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte. Sie ordnen, vergleichen, bewerten – doch sie kennen kein Lebensgefühl.
Im Journalismus ist es ganz ähnlich. Auch hier gibt es inzwischen präzise Messwerte: Klicks, Verweildauer, Reichweite. Sie geben Auskunft darüber, wie Texte genutzt werden. Es kann vorkommen, dass nach einer tagelangen investigativen Recherche, nach harten Verhandlungen mit unseren Juristen über jedes Wort, das wir aus rechtlicher Sicht verwenden dürfen, eine ernüchternde Analyse des Leserzuspruchs steht. Das kann schmerzen – nicht aus Eitelkeit, sondern weil guter Journalismus Zeit braucht. Zeit zum Entstehen. Und Zeit, um gelesen zu werden.
Die Qualität eines Textes lässt sich nicht nur in Zahlen bemessen
Doch so wenig eine Fitnessuhr das Lebensgefühl eines Menschen vollständig erfassen kann, so wenig lässt sich die Qualität eines Textes in reine Zahlen übersetzen.
Und dennoch: Ganz ohne Zahlen geht es nicht. Richtig verstanden, sind sie keine Gegner, sondern Dienstleister. Sie geben Hinweise, keine Urteile. Sie zeigen Tendenzen, keine Wahrheiten.
Wenn heute oft behauptet wird, Redaktionen richteten sich „nur noch nach Klickzahlen“, schwingt darin ein Unbehagen mit – als wären diese Zahlen etwas Fremdes, etwas Entmenschlichtes und Unredliches. Dabei lohnt ein Perspektivwechsel: Klicks sind nichts Abstraktes. Sie sind Entscheidungen. Und hinter jeder dieser Entscheidungen steht ein Mensch.
Im Durchschnitt verbringen die Deutschen heute nur neun Minuten am Tag mit der Lektüre von Nachrichten. Wenige Minuten, um die Welt zu erfassen, Zusammenhänge zu verstehen, sich eine fundierte Meinung zu bilden, eine aktive Rolle in einer Demokratie zu spielen.
Der Tag der Pressefreiheit ist ein Impuls für uns alle
Träger von Fitnessuhren wissen, dass sie ermahnt werden, wenn sie zu viel Zeit im Sitzen verbracht haben, wenn sie ihren Körper vernachlässigen. Aber wer ermahnt uns, wenn wir unseren Intellekt vernachlässigen? Wer bemerkt, wenn wir unsere staatsbürgerliche Verantwortung schleifen lassen, die gebietet, dass wir uns informieren, um auf dieser Basis vernünftige Entscheidungen treffen zu können? Das können wir nur in Eigenverantwortung tun. Und wir sorgen damit nicht nur für uns. Mit jeder Entscheidung, welchem Angebot und welchem Inhalt wir unsere Aufmerksamkeit schenken, gestalten wir die Welt um uns herum mit.
Vielleicht ist der Tag der Pressefreiheit deshalb auch ein Impuls für uns alle. Während viele von uns regelmäßig neue Routinen für ihre körperliche Gesundheit einführen, ließe sich doch noch eine kleine Gewohnheit hinzufügen: ein wenig mehr Zeit für das, was uns informiert und verbindet.
Die Klicks sind die Leserinnen und Leser
Wie wäre es mit einer halben Stunde Nachrichten am Tag? Mit dem bewussten Lesen statt dem flüchtigen Scrollen? Mit Neugier statt Eile? Mit der Freude, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben.
Denn guter Journalismus entsteht nicht im luftleeren Raum. Er lebt von denen, die ihn machen – und von denen, die sich die Zeit nehmen, ihn zu lesen. Vielleicht beginnt genau dort etwas, das sich nicht messen lässt: ein Gefühl von echter Aufmerksamkeit und Nähe – sei es die Konzentration beim Lesen oder das leise Verbundensein mit einer Geschichte, die viele betrifft. Die „Klicks“ - sind keine anonymen Bots. Die Klicks das sind Sie, liebe Leserin und lieber Leser! Wer heute anspruchsvolle Lektüre nachfragt, wird morgen mehr davon erhalten.
Besonderes Abo-Angebot für unsere Leserinnen und Leser
Pressefreiheit Der Internationale Tag der Pressefreiheit wird jährlich am 3. Mai gefeiert, um die Bedeutung von freiem Journalismus für die Demokratie zu würdigen. Weltweit stehen seriöse Medien unter Druck – politisch, wirtschaftlich, technologisch. Autokratische Regime unterdrücken die Meinungsfreiheit, in Sozialen Medien werden ungeprüft Falschnachrichten, Hass und Hetze verbreitet. Aber wenn Ideologie wichtiger wird als Fakten, stirbt die Demokratie. Umso wichtiger wird in Zukunft fundierter Journalismus, der von verantwortungsbewussten, gut ausgebildeten, der Wahrheit und der Demokratie verpflichteten Menschen produziert wird – und nicht von Maschinen.
Abo-Angebot Aus diesem Grund feiern wir vom 27. April bis zum 3. Mai die „Woche der Pressefreiheit“ und veröffentlichen jeden Tag Texte, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Unterstützen Sie uns, unterstützen Sie Meinungsfreiheit und Demokratie, unterstützen Sie gut gemachten Journalismus.