Der Hantavirus-Ausbruch auf der Hondius schreckt auf, doch auch in Baden-Württemberg kommt es mitunter zu Infektionen. Welche Stadt- und Landkreise besonders betroffen sind.
Hantavirus-Untersuchung im Labor (Montage/Symbolbild).
Von mic/red
Der Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff Hondius sorgt für Schlagzeilen: Drei Passagiere starben an dem Erreger, mehrere weitere Personen erkrankten schwer oder wurden positiv getestet. Die Quarantäne-Maßnahmen zum Schutz vor der gefährlichen Andenvariante reichen aktuell bis nach Baden-Württemberg.
Das Virus klingt nach fernen Kontinenten, ist aber auch in Deutschland längst heimisch – und gerade Baden-Württemberg gehört hierzulande zu den am stärksten betroffenen Regionen. Der große Reichtum an Wäldern hat in diesem Zusammenhang auch seine Nachteile.
Hantavirus-Risiko in BW
Besonders im Fokus stehen folgende Gebiete:
Der Grund für die regionale Häufung: In den gelisteten Gebieten gibt es viele Buchenwälder – und diese sind der bevorzugte Lebensraum der Rötelmaus, die als Hauptüberträger des in Deutschland dominierenden Puumala-Virus gilt.
Keine Mensch-zu-Mensch-Übertragung in Baden-Württemberg
Die Familie der Hantaviridae umfasst zahlreiche Arten, die je nach Typ unterschiedliche Erkrankungen verursachen: schwere Lungenerkrankungen, akutes Nierenversagen oder hämorrhagische Fiebererkrankungen. Die Viren sind weltweit verbreitet und treten auch in Mitteleuropa auf.
In Deutschland wird die Erkrankung vor allem durch das Puumala-Virus (PUUV) verursacht, das nicht von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Die infizierten Nager selbst erkranken nicht – sie scheiden das Virus jedoch lebenslang mit Speichel, Urin und Kot aus.
Hantavirus im Mäusekot
Die Übertragung auf den Menschen erfolgt überwiegend durch das Einatmen von virushaltigem Staub aus Nagerausscheidungen (Mäusekot) – etwa beim Putzen – seltener dagegen durch Bisse oder direkten Kontakt. Die Inkubationszeit beträgt je nach Virustyp zwischen 5 und 60 Tagen.
Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung ist bei den in Europa vorkommenden Virustypen nahezu ausgeschlossen – sie ist lediglich in Südamerika beziehungsweise auf dem Kreuzfahrtschiff Hondius beschrieben worden.
Puumala-Variante vs. Anden-Variante
In Europa und Asien stehen Nierenschäden im Vordergrund – das sogenannte hämorrhagische Fieber mit renalem Syndrom (HFRS). Die durch das Puumala-Virus ausgelöste Erkrankung wird auch als Nephropathia epidemica (NE) bezeichnet und verläuft vergleichsweise mild. Sie heilt meist folgenlos aus, kann in schweren Fällen jedoch eine Dialyse erforderlich machen.
Ganz anders das Bild auf dem amerikanischen Doppelkontinent: Dort verursachen Hantaviren vor allem das gefürchtete Hantavirus-assoziierte pulmonale Syndrom (HPS) – eine schwere Lungenentzündung mit Lungenödem, die abrupt eskalieren und zum akuten Lungenversagen führen kann.
Gefährliches Dobrava-Virus in Ost- und Norddeutschland
Während Puumala-Infektionen in Mitteleuropa in weniger als 1 Prozent der klinisch auffälligen Fälle tödlich verlaufen, liegt die Letalität beim Dobrava-Virus, das auf dem Balkan oder auch Ost- und Norddeutschland vertreten ist, bei bis zu 15 Prozent. Bei den amerikanischen Varianten wie dem Sin-Nombre-Virus oder dem Andes-Virus liegt die Sterblichkeit bei 30 bis 40 Prozent.
Warum gerade Baden-Württemberg?
Die Rötelmaus ernährt sich von Bucheckern. Nach ertragreichen Buchenmastjahren explodiert die Mäusepopulation – und mit ihr die Zahl der Hantavirus-Fälle im Folgejahr.
Die Schwankungen sind enorm: Während in ruhigen Jahren nur wenige dutzend Fälle gemeldet werden, kam es in Epidemiejahren wie 2012 oder 2021 zu über 1000 Erkrankungen allein in Baden-Württemberg.
Hantavirus-Zahlen in Stuttgart
Die Fallzahlen in der Landeshauptstadt zeigen ein starkes Auf und Ab. „Diese Schwankungen erklären sich durch sogenannte Buchenmastjahre“, erklärt das Gesundheitsamt. Bei dem Phänomen, das in der Regel alle drei bis sechs Jahre auftritt, produzieren die Bäume besonders viele Bucheckern. „Zu dieser Zeit ist dann die Zahl der Rötelmäuse aufgrund guter Nahrungsbedingungen deutlich erhöht.“
Todesfälle durch das Virus hat es in Stuttgart nach Angaben des Gesundheitsamts noch keine gegeben. In Einzelfällen hätten die Patienten auf Intensivstationen behandelt werden müssen – „und/oder sie waren dialysepflichtig aufgrund von Nierenversagen“.