Das Verhältnis zwischen China und Russland ist speziell. Das funktioniert, weil Moskau seinen Stolz behält.
Am Tiananmen Platz rollt der Verkehr an russischen Fahnen vorbei.
Von Christian Gottschalk
Stuttgart - Man kennt das vielleicht aus dem erweiterten Familienkreis. Der Onkel, der hin und wieder zu Besuch kommt, wird mit frisch gebackenem Apfelkuchen und vielen lieben Worten begrüßt. Der Onkel, der wöchentlich mehrmals vorbeischaut, erhält weniger Aufmerksamkeit; stattdessen wartet auf ihn ein Zettel mit Dingen, die abgearbeitet werden müssen. So ähnlich ist das gerade auch in der internationalen Politik. Donald Trump in Peking, das war vor wenigen Tagen der Besucher, der umschmeichelt und verwöhnt wurde. Am Dienstag landete Wladimir Putin in der chinesischen Hauptstadt, je nach Zählweise zum 20. oder 25. Mal. Das bedeutet: weniger Fähnchen, mehr Arbeitsprogramm.
China und Russland haben ihre Beziehungen in den vergangenen Jahren immer wieder als Freundschaft ohne Grenzen bezeichnet. Das kommt sowohl Moskau als auch Peking entgegen, das ist medienwirksam, das klingt angenehm – es ist aber auch reichlich übertrieben. Ähnlich verhält es sich mit dem Wunschdenken der westlichen Welt, wenn immer wieder darauf verwiesen wird, wie brüchig diese Bruderschaft doch tatsächlich sei. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Zwischen den beiden Supermächten ist trotz vieler Ungleichheiten und Unterschiede etwas entstanden, das es so sonst kaum gibt auf der Welt.
Keines der Länder muss dem anderen folgen. Es besteht kein Bündnis, es bestehen keine Verpflichtungen. Es herrscht Einigkeit, dass der eine in seiner Sphäre machen kann, was er will, ohne Kritik des anderen befürchten zu müssen – schon gar nicht beim Thema Menschenrechte. Und es ist klar, wer Koch ist und wer Kellner. China ist Russlands größter Handelspartner, während russische Waren nur vier Prozent des chinesischen Außenhandels ausmachen. Einem Bericht von Bloomberg zufolge importiert Russland derzeit mehr als 90 Prozent seiner sanktionierten Technologie aus China. Zudem wäre ohne Huawei Telekommunikation in Russland nahezu undenkbar. Gleichwohl kehrt Peking seine wirtschaftliche Überlegenheit nicht heraus. Russland mag der Juniorpartner sein, aber es hat seinen Stolz. Und Peking ist darauf bedacht, dass dieser auch gewahrt bleibt.
Die Hoffnung, die zu Beginn des Ukraine-Krieges noch bestand, Peking könne auf seinen Partner einwirken, ist schon lange zerstoben. Auch die Hoffnung der USA, dass sich China im amerikanischen Sinne im Iran engagiert, wird sich nicht erfüllen. Die weltweiten Energieengpässe durch die gesperrte Straße von Hormus beglücken Peking nicht, doch sie sind noch lange kein Grund, die außenpolitische Haltung aufzugeben. Stattdessen wird eben im Energie-Bereich die Zusammenarbeit mit Russland vertieft. Nicht aus grenzenloser Freundschaft, sondern weil es das kleinere Übel ist.
Auch wenn Russland und China ablehnen, was sie als westliche Vormachtstellung betrachten, ist ihr Umgang damit unterschiedlich. China ist vorsichtiger und, anders als Russland, bemüht, auch die USA nicht unnötig vor den Kopf zu stoßen. China will den Dialog mit Washington aufrechterhalten und unnötige Provokationen vermeiden – mit ein Grund für den pompösen Empfang des US-Präsidenten.
Hoch spannend – und keinesfalls sicher – ist das Verhalten Pekings für den Fall, dass Russland seine Aggression weiter gen Westen ausdehnen sollte. Peking hat kein Interesse daran, den globalen Handel in noch größere Schieflage geraten zu lassen. Vermutlich gälte aber auch dann: Chinas Unabhängigkeit vom Rest der Welt ist größer als die Unabhängigkeit des Restes der Welt von China. Darauf, dass Peking seinen Freund und Juniorpartner zur Zurückhaltung mahnt, sollte sich niemand verlassen.