Pidecafé – ein ganzheitlicher Hilfsansatz

Murrhardter Weltladen hat mit vielen Gästen seinen 20. Geburtstag gefeiert und an die Etappen des gemeinsamen Weges erinnert

Die Aufnahme zeigt Produzenten in einer überdachten Trocknungsanlage. Susanne Sauer berichtete, wie man gemeinsam mit dortigen Technikern und Bauern lernte, die Kaffeebohnen für den deutschen Gaumen richtig aufzubereiten. Foto: S. Sauer

Von Ute Gruber

MURRHARDT.Hausherr Martin Keller von der Murrhardter Kreissparkassen-Filiale ist überwältigt, dass er im gemütlichen Veranstaltungsraum unter dem Dach auf fast volle Reihen schauen kann. Die Kreissparkasse hatte vor 20 Jahren das idealistische Wagnis Weltladen mit einem Kredit unterstützt – entgegen vieler Unkenrufe. Der Mut auch zahlreicher Spender hat sich gelohnt: Schon im ersten Monat überstieg der Wert der verkauften fairen Produkte deutlich die nötige Umsatzgrenze von damals 4000 D-Mark, um die laufenden Kosten zu decken, erinnert sich Inge Ziegenheim, „und das ist mit jahreszeitlichen Schwankungen bis heute so geblieben“. Die Frau der ersten Stunde ist extra zum Jubiläum angereist, ihre aufmunternden Worte zum damaligen Start liest Christine Lorenz-Gräser aus dem bunt eingebundenen, abgegriffenen Ladenbuch vor, mit dem die Mitarbeiter damals Informationen austauschten.

Kollektives Augenrollen hatte seinerzeit der christlich motivierte Initiativkreis „Eine Weltladen Murrhardt“ für seine Idee geerntet, haftete den Dritte-Welt-Läden damals doch das Image chaotisch alternativer Weltverbesserer an – die handgestrickte Inka-Mütze als politisches Statement. In der Tat war und ist die Aufrechterhaltung geregelter Öffnungszeiten laut Christine Lorenz-Gräser, die seit dem Jahr 2000 dabei ist, eine entscheidende Herausforderung: „Seit 20 Jahren schafft unser ehrenamtliches Team das ununterbrochen“ und ist darauf mit Recht „schon ein bisschen stolz“.

Von dem anfänglichen, noch übersichtlichen Sortiment aus fair gehandelten Lebensmitteln wie Kaffee, Tee und Schokolade sowie Kunsthandwerk – wobei fair vor allem bedeutet, dass die Produzenten einen zuverlässig gerechten Preis bekommen – fand ein Wandel statt hin zu einem breiteren Sortiment inklusive Fruchtriegel, Brotaufstrich und Kürbiskern-Pesto, zu Mode-Accessoires sowie jahreszeitlich passender Deko und vor allem modischer Kleidung. Dass diese sich heute bei Weitem nicht mehr auf handgestrickte Alpakapullover beschränkt, wurde bereits beim zehnjährigen Bestehen 2007 mit einer Modeschau bewiesen: die schicken, farbenfrohen Strickwaren aus Bolivien, die auch heute von der Hälfte der Anwesenden getragen werden, könnten ebenso aus einer angesagten Boutique stammen.

Nach zehn Jahren wurden die Räumlichkeiten in der Hauptstraße 55 zu eng, und man eröffnete in der Sonnengasse 1 – wiederum mit viel ehrenamtlichem Einsatz – ein professionell gestaltetes Ladengeschäft, wie es einem Fachhandel für faire Produkte entspricht. Wie in vielem wurde man dabei von den Backnangern unterstützt.

Kirstin Krack, die seit 2007 bis heute die Geschicke des Ladens lenkt, berichtet von jener für die Laien-Models aufregenden Modenschau und von vielen Aktionen – wie einem verregneten fairen Frühstück auf dem Marktplatz, einer Weinprobe, der Fotoausstellung zum peruanischen Kaffeeanbau von Pidecafé, von Vorträgen, Hausmessen und dem erfolgreichen Ferienprogramm „Kochen mit fairen Produkten“.

Heute ist fairer Handel längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und gehört wie bio schon zum guten Ton. Jeder Supermarkt, der etwas auf sich hält, hat eine faire Ecke mit Gepa-Produkten. Von den Fair-Trade-Labeln der Discounter, die laut Gesetz nur zu 20 Prozent tatsächlich fair gehandelte Zutaten enthalten müssen, hebt sich die Ware des Weltladens deutlich ab: „Unsere Nahrungsmittel sind zu 100 Prozent Fair-Trade“, versichert Kirstin Krack. Wirtschaftliche Interessen sind für die Betreiber der Weltläden zweitrangig, dafür pflegt man den Kontakt zu den Erzeugern. So waren 2004 Gäste der Kooperative Pidecafé aus Peru zu Besuch in Murrhardt.

Nachdem man beim 15. Geburtstag mit einer Befragung den Fokus auf die hiesigen Kunden gerichtet hatte, sollten zum 20-jährigen Bestehen die Erzeuger im Mittelpunkt stehen. Und da sich „wie ein roter Faden oder auch ein aromatischer Duft das Projekt Pidecafé durch die Geschichte des Murrhardter Weltladens zieht“ (Christine Lorenz-Gräser), referiert an diesem Abend Susanne Sauer aus Bad Urach in einem anschaulichen Lichtbilder-Vortrag über den Kaffeeanbau im Hochland der peruanischen Anden. Das Trio Heathers Corner – Werner Schwarz, Barbara Jerusalem und Christina Bornhak – liefert mit Gitarre, Harfe und Flöte den stimmungsvollen, musikalischen Hintergrund dazu.

Susanne Sauer erzählt lebhaft, wie 1992 Dr. Rudolf Schwarz Kontakt zu den Campesinos (Bauern) aufnahm und ihnen half, den Kaffeeanbau mit Ertragsschnitt, Kompost, Baumschulen und Mischkultur zu verbessern, wie 1995 der erste Container Rohkaffee in Deutschland ankam – „und scheußlich schmeckte“. Wie man gemeinsam mit dortigen Technikern und Bauern lernte, die Kaffeebohnen für den deutschen Gaumen richtig aufzubereiten, nämlich durch Entpulpen, also das Schälen vor der Trocknung. Zusammen mit einer langsamen Röstung wurde inzwischen eine so hohe Qualität erreicht, dass der öko-faire Kaffee (Pidecafé) von den Murrhardter Weltladen-Kunden zum Lieblingsprodukt gekürt wurde.

Gemäß dem ganzheitlichen Auftrag des Projekts werden zugleich Gemüsegärten, Latrinen, Schulbibliotheken, Fischteiche angelegt; gut und günstig gemauerte Kochherde mit Ofenrohr ersetzen rußende Feuerstellen in der Wohnküche, schonen die Bronchien und sparen dazu noch zwei Drittel Brennholz. Der faire Preis für den Kaffee macht’s möglich. Viele Ideen kämen von den Leuten selber, deren überliefertes Wissen und Kreativität unter der Lethargie wirtschaftlicher Not nur verschüttet sei. Kompetente einheimische Frauen und Männer werden zu Promotoren gewählt, ausgebildet und beraten selber, denn „acht Jahre wird begleitet, dann muss es selber laufen“.

Ein Paradebeispiel ist Don Isidro, ein Mann der ersten Stunde, der schon in Murrhardt zu Besuch war: Seine sieben Kinder haben alle studiert und arbeiten inzwischen teilweise selbst für die Ko-operative.

Angeregt von den grandiosen Landschaftsaufnahmen – „Da gibt’s aber keine Straße, das muss man zu Fuß laufen!“ – hoffen die Murrhardter darauf, einmal selbst einen Gegenbesuch bei den peruanischen Projektpartnern verwirklichen zu können.