Szenen einer Ehe und andere Abenteuer

Das Interview: Peter Kupka blickt auf über 32 Jahre als Polizeipostenleiter in Murrhardt und eine spannende Berufszeit zurück

Für Peter Kupka war früh klar, dass er einmal zur Polizei gehen würde. Was ihn gereizt hat, war die große Bandbreite und Vielseitigkeit des Berufs. Die hat er als Leiter des Polizeipostens Murrhardt auch bekommen: Vom Fahrraddiebstahl über handfeste Auseinandersetzungen bis hin zu einer aufregenden Verfolgungsjagd und dem schwierigen Fall um einen jungen Intensivtäter war während seiner Berufszeit jede Menge geboten, könnte man salopp sagen. Vor seinem Ruhestand blickt er noch mal zurück.

Hat die vielen Facetten seines Berufs immer geschätzt: Polizeipostenleiter Peter Kupka. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

Wenn Sie heute mit all dem Wissen um den Alltag eines Polizeihauptkommissars noch mal entscheiden könnten, würden Sie vielleicht einen ganz anderen Beruf ergreifen?

Nein.

Das ist eindeutig. Warum?

Weil es ein sehr interessanter Beruf ist. Meine Vorstellungen und Wünsche haben sich erfüllt. Mir war wichtig, nicht nur am Schreibtisch zu sitzen. Als Polizeihauptkommissar hat man mit allen möglichen Leuten zu tun, dazu gehören schöne und schwierige Kontakte. Ausschlaggebend war die Abwechslung, die schätze ich heute noch.

Ich erinnere mich an eine Szene in einem ironisch angelegten Fernsehkrimi, in dem der Polizeipostenleiter auf dem Land von der Kollegin ein verrostetes Fahrrad übergeben bekommt, und er lakonisch feststellt, dass das sein größter Fall in einem bestimmten Jahr war. Wie oft begegnen Ihnen solche Vorstellungen? Und was sagen Sie dann?

Manchmal geh ich drauf ein, flachse mit, so nach dem Motto, wir kümmern uns hier auch um Hasendiebstähle. Aber es ist ganz anders. Die Zuständigkeit ist recht breit. Angefangen vom Fahrrad- oder Ladendiebstahl geht es über Körperverletzungen bis hin zu Wohnungseinbrüchen, die wir teilweise auch bearbeiten. In meinen Anfangsjahren gab es noch keinen städtischen Vollzugsdienst, da haben wir uns noch verstärkt um die Parksünder gekümmert. Und im Polizeidienst, das ist keine Murrhardter Besonderheit, da hat man sehr viele Sozialfunktionen, das heißt, die Leute suchen auch einfach Rat unterhalb der Schwelle polizeilicher Zuständigkeiten.

Was würden Sie sagen, war im Rückblick der Fall, der Ihnen am meisten zu schaffen gemacht und Sie am meisten gefordert hat?

Da fällt mir ein aufregender Fall ein, bei dem ich nur in der Situation stark gefordert war. Das war eine Verfolgungsfahrt. Es bestand der Verdacht, dass in dem Auto, dem wir in Murrhardt nachgesetzt haben, ein Mann saß, der im Ausland schon auf Polizisten geschossen hat, was auch so war. Wir haben ihn dann anhalten können, also genaugenommen hat er sich selbst angehalten, weil er nach verschiedenen Stationen gegen ein Geländer an der Murr gefahren ist. Wir konnten ihn festnehmen und die Kollegen dazurufen. Danach war ich vielleicht eine Stunde noch ziemlich aufgedreht, das hat sich dann aber wieder gelegt. Es gibt aber auch Fälle, die gehen einem vom Menschlichen her nahe, beispielsweise häusliche Gewalt oder wenn man Angehörigen eine Todesnachricht überbringen muss.

Das sind im Film die Situationen, in denen die Kollegen sich die Aufgabe gegenseitig zuschieben, nach dem Motto, wer macht’s. Aber hier mussten Sie das relativ oft übernehmen?

Ja, ich kann nicht sagen wie oft, aber ich hab mich auch nie davor gedrückt.

Ich hab mich natürlich auch gefragt, wie Sie den Fall mit dem jungen Intensivtäter erlebt haben, der Murrhardt in zwei Phasen relativ heftig umgetrieben hat. Hat Sie das belastet?

Das hat das ganze Team arbeitsmäßig belastet und von der Stimmung her. Zunächst hat uns schwer beschäftigt, zu sehen, es passieren laufend Straftaten. Später war klar, die Straftaten sind von jemand bestimmtem begangen worden, aber es war trotzdem kein Ende abzusehen, weil es aufgrund unserer rechtlichen Lage unheimlich schwierig ist, Intensivtäter, die noch im Kindesalter sind, unterzubringen.

Sprich eine Einrichtung zu finden, in der er betreut wird?

Ja, wo er sein kann und auch bleibt. Das ist ja gelöst worden, aber es hat gedauert, und bis dahin war es auch belastend. Man ist da nicht zufrieden als Polizist, ohne jetzt sagen zu wollen, jeder muss gleich eingesperrt werden. Aber man ist unzufrieden, weil man die Sisyphusarbeit macht und die Leute nicht verstanden haben, warum sich keine Änderung abzeichnet, obwohl die Lage vom Tatbestand her eindeutig ist. Auch die Politik hat das Problem erkannt. Innenminister Strobl hat sich im Zusammenhang mit einem Fall in Mannheim dazu geäußert, dass man hier Möglichkeiten schaffen sollte.

Wie oft mussten Sie Ihre Waffe ziehen und kam sie schon mal zum Einsatz?

Ich hab nie auf Personen schießen müssen und bin froh darüber. Bei der Verfolgungsfahrt, da hab ich die Waffe in der Hand gehabt, auf die Person gezielt und ihr auch angekündigt, dass sie sich entsprechend verhalten soll. Der Mann saß noch im Auto und wir wussten nicht, ob er eine Waffe bei sich hat und wie er reagiert. Er hat sich aber problemlos verhalten. Ansonsten hat man die Waffe aus Eigensicherungsgründen in der Hand, wenn man eine Durchsuchung macht, und es sein kann, dass der Täter noch im Gebäude und es dunkel und unübersichtlich ist. Man richtet sie aber nicht wie im Fernsehen nach vorne, sondern in Richtung Boden, es soll ja nichts passieren. In meiner Anfangszeit in den 1970ern hat die Terrorismusfahndung eine Rolle gespielt. Es fanden immer wieder Großkontrollen statt, da stand man mit der Maschinenpistole in der Hand am Straßenrand. In Fellbach beziehungsweise rund um Stuttgart. Ich fand das damals nicht sonderlich angenehm, so eine Waffe in Richtung Auto richten zu müssen, aber man hat es gemacht, weil man sich auch schützen wollte.

Das war eine aufgeregte Zeit, glaube ich.

Und eine Zeit, in der ich noch jung und unbedarfter war. Aber meine Eltern haben schon ab und zu ihre Sorgen geäußert, und es ist diskutiert worden, ob die Berufswahl wirklich gut ist. Wobei sie sich nicht gegen meine Entscheidung gestellt haben.

Sind Sie bei einem Einsatz auch mal verletzt worden?

Ja, bei einem Einsatz in Murrhardt im Zusammenhang mit einem psychisch Kranken, er hat mir das Nasenbein gebrochen. Ich halte das aber für keine schlechte Bilanz bei den vielen Jahren. Ich trag dem Menschen das auch nicht nach. Er war einfach krank, die Situation schwierig und eng, und da hab ich halt eine abgekriegt. Im Großen und Ganzen bin ich einigermaßen glatt durchgekommen. Es ist auch nie auf mich gezielt oder geschossen worden. Also mit einer Schusswaffe.

Sondern?

Einmal hat einer einen Gegenstand auf uns gerichtet, ein Didgeridoo. Das war bei einer Nachtstreife mit den Kollegen in Sulzbach an der Murr, da wurden wir zu einer Einrichtung gerufen, in der jemand randaliert hat. In seinem Zimmer hat er sich ein Didgeridoo geschnappt und wahrscheinlich hätte er es als Schlagwaffe eingesetzt. Weil gut zureden da nicht mehr hilft, hat der Kollege Pfefferspray eingesetzt, dann war die Situation bereinigt.

Vermutlich erlebt man auch lustige und skurrile Situationen. Was gäbe es da zu erzählen?

Es gibt eine Geschichte aus meinen Anfängen im Fellbacher Streifendienst, die ich immer wieder gerne erzähle. Damals hat sich eine aufgeregte Frau, sagen wir mal gesetzteren Alters, bei uns gemeldet, dass in ihrem Vorgarten eine betrunkene Person sei und sie ziemlich Angst habe. Wir sind zu ihr gefahren, haben auch eine Person in ihrem Vorgarten, ebenfalls gesetzteren Alters, angetroffen. Der Mann war ziemlich betrunken und hatte keine Ausweispapiere bei sich, wir wussten also nicht, wer das war. Wir haben ihn dann in Gewahrsam genommen, sprich zur Ausnüchterung in die Zelle gebracht. Am nächsten Morgen haben wir die Personalien aufgenommen. Er hat uns glaubhaft versichert und quasi nachgewiesen, dass er der Ehemann der Frau war, die uns angerufen hatte. Manche Kollegen fanden das nicht sonderlich lustig, ich fand’s einfach amüsant.

Was hat Sie im Alltag motiviert?

Motiviert hat mich, wenn die Arbeit zum Erfolg geführt hat. Also wenn wir in Murrhardt beispielsweise mit Serientaten wie Diebstählen oder Einbrüchen konfrontiert waren, das hat es immer wieder gegeben, auch im Zusammenhang mit dem jungen Intensivtäter, und sie aufklären und den Täter ermitteln konnten. Wenn es dann auch wieder ruhiger wurde, war das befriedigend.

Umgekehrt, was gehört zum möglichen Frustpotenzial?

Wenn es intern Schwierigkeiten mit Kollegen oder Vorgesetzten gab, das belastet mehr als Probleme mit der Bevölkerung oder die tägliche Arbeit. Da hat man gewusst, was auf einen zukommt. Wobei ich überhaupt nicht den Eindruck habe, dass wir schlecht miteinander ausgekommen sind. Aber in 32 Jahren gibt es einzelne Situationen, wo es mal ein bisschen schwieriger ist.

Ich könnte mir vorstellen, in einer Kleinstadt wie Murrhardt weiß man irgendwann doch einiges von den Menschen, mit denen man umgeht. Wie hält man trotzdem die nötige Distanz, um bei Verstößen konsequent sein zu können?

Wenn da mal was im Bekanntenkreis war, hat es sich nie um problematische Sachen gehandelt. Da ging’s um Unfallbearbeitung. Wenn Bekannte von mir betroffen waren, hat das ein Kollege von mir gemacht. Das ist selbstverständlich. Wenn das im ganz engen Umfeld gewesen wäre, Verwandtschaft oder Ähnliches, ist aber nicht passiert, dann hält man sich raus. Man kann da nicht neutral sein. Da gibt’s auch klare Regeln. Wenn ich als Privatmensch einen Unfall verursache, ist mir auch mal passiert, ein Auffahrunfall, dann hat das halt Winnenden bearbeitet. Unabhängig davon wollte ich bei Todesfällen, die außerhalb unserer Dienstzeit passiert sind, von den Kollegen informiert werden. Ich hab in Einzelfällen die Aufgabe übernommen, die Todesnachricht zu überbringen. Bei großen Bränden wollte ich auch informiert sein.

Manchmal ist es ja vielleicht hilfreich, die Leute zu kennen. Gibt es da auch Beispiele?

Ja, wenn man so lange an einem Ort wie Murrhardt ist, ist das überhaupt nicht mehr anonym. Beim Beispiel junger Intensivtäter wussten wir bei bestimmten Fällen, das könnte schon er gewesen sein, und geht unter anderem in die Richtung. Kann es bestätigen oder auch nicht, und es bleibt offen. Auch im Alltag kennen einen die Leute, man ist kein anonymer Polizist. Das spielt beim Umgang vermutlich eine Rolle, die Leute müssen damit rechnen, wieder mit uns zu tun zu haben. Umgekehrt kennt man seine Leute, weiß, wie die schwierigen Kandidaten reagieren und wie man sie anpacken kann.

Gibt es Projekte für den Ruhestand?

Ich hab den Beruf wirklich gerne gemacht, gehe aber nun auch gerne in den Ruhestand. 32 Jahre beim Polizeiposten sind für mich und meine Mitarbeiter jetzt doch genug, denke ich (lacht). Ich hab mir bewusst keine größeren Projekte vorgenommen. Ich warte erst mal ab, wie es mir dabei geht. Natürlich hab ich dieses oder jenes vor, werde mir Zeit nehmen, zu reisen. Es gibt ein Einfamilienhaus, an dem man immer was machen kann. Zudem treibe ich sehr gern Sport und will mehr für Angehörige da sein können. Und ich werde ein bisschen als Hausmann tätig sein, ich koche gerne. Wenn mir’s dann noch langweilig sein sollte, könnte ich mir vorstellen, zu schauen, ob ich ein Ehrenamt übernehme. Wahrscheinlich aber nicht im Rahmen der Polizei. Da fühl ich mich dann zu weit vom Polizeialltag weg.