„Die Murrbahn ist lange nicht am Ziel“

Im Verkehrsverband hagelt es Kritik: Besonders die Kommunen im Osten der Region fühlen sich zunehmend abgehängt

Neue Fahrpläne, zusätzliche Züge – damit sollte auf der Strecke der Murrbahn seit Ende des vergangenen Jahres endlich alles glattlaufen. Die Rechnung ist nicht aufgegangen. Bei der gestrigen Sitzung des Murrtal-Verkehrsverbands hagelte es Kritik von allen Seiten.

Nicht in alle Richtungen zielführend: Westlich von Murrhardt haben die neuen Züge auf der Murrtalstrecke die Anbindung verbessert, im Osten jedoch scheint das Chaos perfekt. Foto: A. Becher

Von Bianca Walf

SULZBACH AN DER MURR. „Meine Euphorie hält sich in Grenzen“, gab der Schwäbisch Haller Landrat und Verkehrsverbandsvorsitzende Gerhard Bauer gleich zu Beginn der gestrigen Sitzung des Gremiums in Sulzbach an der Murr zu verstehen. „Die Murrbahn ist lange nicht am Ziel.“ Die aufgeheizte Stimmung unter den Verbandsmitgliedern zeigt: Trotz neuer Fahrpläne und zusätzlicher Züge, die seit Anfang Dezember verkehren, halten sich die Probleme entlang der Strecke hartnäckig.

Heiko Focken von der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg (NVBW) bringt die Situation auf den Punkt: „Von Westen aus bis einschließlich Murrhardt haben die Kommunen seit Dezember profitiert. Von Murrhardt aus in Richtung Osten haben sich Nachteile ergeben.“ Inzwischen verkehren halbstündlich Züge von Murrhardt aus in Richtung Westen. Zwar beklagen die Fahrgäste dort die holprige Anbindung an die Marbacher S4 und teilweise überfüllte Wagen zur Rushhour, insgesamt jedoch sieht der Verkehrsverbund hier einen deutlichen Teilerfolg.

„Im Osten habe ich Verständnis für die Kritik“, so Focken. Dort scheint die Geduld längst am Ende: „Bei uns herrscht ein größeres Durcheinander als je zuvor“, betont der Fichtenberger Bürgermeister Roland Miola. Zusammen mit dem Murrhardter Stadtteil Fornsbach gehört seine Kommune zu den Verlierern der neuen Fahrpläne. Beide Bahnhöfe werden auf der stündlichen Fahrt von Murrhardt nach Schwäbisch Hall und Crailsheim nun schlicht übersprungen. Die Passagiere müssen am Bahnhof Gaildorf-West aussteigen und warten. „Das ist unzumutbar. Dinge, die immer funktioniert haben, sollen auf jetzt einmal nicht mehr möglich sein. Wir werden systematisch abgehängt“, so Miola.

Massive Schwierigkeiten ergeben sich auch für Schüler und Berufspendler. Vielerorts sind die Fahrpläne nicht auf Schul- und Schichtbeginn ausgerichtet. So haben beispielsweise Murrhardter Mitarbeiter der Winnender Kliniken oder auch die Fichtenberger Schüler der Crailsheimer Schulen und des Schulzentrums Michelbach Probleme, ihr Ziel pünktlich zu erreichen. „Die Konsequenz ist, dass die Leute aufs Auto umsteigen“, hält Landrat Gerhard Bauer fest.

Verkehrsverband will

langfristig zweigleisig fahren

Eine einfache Lösung liegt jedoch nicht auf der Hand. „Wir haben schon so oft hier gesessen und diskutiert, ohne dass etwas passiert ist“, klagt Miola. Der Sulzbacher Bürgermeister und Gastgeber der Runde Dieter Zahn mahnt hier zu einem konstruktiven Miteinander. Nicht alles sei schlecht. Immerhin würden der Halbstundentakt in Richtung Westen und auch die neuen Züge gerne angenommen. „Wir sind erhebliche Schritte weitergekommen. Nun müssen wir die Probleme bekämpfen.“ Es stelle sich die Frage, welche Verbesserungen mit den aktuellen Ressourcen umsetzbar sind. Ein zweiter Schritt seien infrastrukturelle Veränderungen.

Konkret ist damit ein zweigleisiger Ausbau der Murrbahn gemeint. „Das Kernproblem der Strecke ist ihre Eingleisigkeit“, betonte Constantin Druckenbrod vom Verkehrsministerium des Landes. Nur damit sei eine Verbesserung des Fahrplans ohne Kollateralschäden möglich. Hoffnungsvolle Blicke in seine Richtung weist er jedoch – ebenso wie Grünen-Landtagsabgeordnete Jutta Niemann, die unter anderem im Ausschuss für Verkehr sitzt – entschieden zurück. „Hier muss der Bund aktiv werden“, so Niemann. Zwar sei sie optimistisch, habe der Backnanger Bundestagsabgeordnete und Staatssekretär Norbert Barthle seitens des Bundesverkehrsministeriums doch bereits grünes Licht gegeben. Aktuell werde die Strecke aber noch vom Bund bewertet. Es handle sich um komplizierte Berechnungen. Wann genau sich in Sachen Ausbau etwas bewegen könnte, sei – trotz Nachfragen seitens Niemann – ungewiss. Das Land jedoch sei für Klagen die falsche Adresse. „Man muss an der richtigen Stelle Druck ausüben. Dabei werden wir Abgeordneten Sie unterstützen.“

Solch wachsweiche Perspektiven konnten die erhitzten Gemüter nicht beruhigen. „Das Land hat bereits im Jahr 1999 einen Baukostenzuschuss zugesagt. Mich würde interessieren, ob Sie dazu noch stehen“, fragte Bauer in die Runde. Ein klares Ja bekam er nicht zu hören. „Wir haben die Politik brav mitgetragen und abgewartet. Jetzt aber brauchen wir eine kurzfristige Lösung“, so Bauer. Ein zweispuriger Ausbau sei zwar wünschenswert, könne jedoch erst in 15 oder 20 Jahren eine Verbesserung der Situation herbeiführen. „Wir müssen schneller weiterkommen.“

Auf der Suche nach mittelfristig umsetzbaren Konzepten wurden etwa Doppelspurinseln, Kreuzungsstrecken und eine verbesserte Signaltechnik genannt, mit deren Hilfe sich die Leistungsfähigkeit der bisherigen Streckenführung verbessern lassen könnte. Welche Maßnahmen genau infrage kommen, soll in den nächsten Monaten eine Arbeitsgruppe klären, in der unter anderem Bürgermeister aus allen beteiligten Landkreisen sowie Vertreter des NVBW und der regionalen Verkehrsverbünde zusammen arbeiten werden.