Jenseits von Lottogewinn und Feenzauber

Gerda und Michael Fitz stellen in der Volkshochschule Murrhardt Erkenntnisse rund um die Glücksforschung vor

Der Vortragstitel „Wo, bitte, geht’s zum Glück?“ lässt einen an den armen Herrn Rossi des Zeichentrickklassikers denken. In den 1960er- und 1970er-Jahren begab er sich Folge um Folge auf die nicht ganz einfache Suche nach dem Glück. Dass die Sache wahrlich nicht so leicht ist, wissen auch Gerda und Michael Fitz. Trotzdem haben sie einige grundsätzliche Erkenntnisse zusammengetragen, wie man dem Glück zumindest ein Stück näher kommen kann.

Machen ihrem Thema im Grabenschulhaus alle Ehre: Das gut gelaunte Ehepaar Michael und Gerda Fitz. Einige Zeit vor dem Ausscheiden aus dem Berufsleben haben sie angefangen, sich mit der Glücksforschung zu beschäftigen. Sie gehört neben Gelassenheit, Achtsamkeit und Zeitgestaltung zu den Themen ihrer Vorträge, die sie seit Beginn ihres Ruhestandes gemeinsam halten. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Bei Herrn Rossi ist es vor allem sein cholerischer Chef, der ihm das Leben schwer macht. Diese Figur könnte man im übertragenen Sinne als Stellvertreter für all die Dinge ansehen, die ein glückliches Leben verhindern.

Denn im Gegensatz zu der Frage, was eigentlich unter Glück zu verstehen ist, sind sich die Fachleute der Sozialwissenschaften zumindest einigermaßen einig, was ihm im Wege steht, wie Dr. Michael Fitz berichtet. Negativfaktoren seien beispielsweise Alkohol, chronischer Stress, eine ungeliebte Arbeit, zu hohe Erwartungen, Schulden, Einsamkeit, ein ständiger Vergleich mit anderen und eine Opferhaltung. Mit dem Philosophen Wilhelm Schmidt macht Gerda Fitz drei thematische Felder auf, die das Phänomen abstecken: Zufallsglück (Lotto), Wohlfühlglück (dauerhaft) und das Glück der Fülle (Höhen und Tiefen). Lottogewinn, eine wichtige Begegnung oder die Rettung vor einem schweren Unfall fallen in die erste Kategorie und sind nicht groß zu beeinflussen. Allerdings findet Gerda Fitz auch: „Je neugieriger ich durchs Leben gehe, desto größer wird auch mein Netzwerk, und damit steigen die Chancen.“ Beim Wohlfühlglück schwingen viele gesellschaftliche Wertvorstellungen mit, mit dem Glück der Fülle sind eine ganzheitliche Betrachtung und letztlich eine innere Haltung gemeint.

Der Blick auf die Umgebung und die eigene Haltung können sich mit Schicksalsschlägen ändern. Gerda Fitz erinnert an den Film- und Theaterregisseur, Autor und Aktionskünstler Christoph Schlingensief. „Er hat gesagt, dass sich durch seine Krankheit sein Leben verlangsamt und er plötzlich viele schöne Dinge gesehen hat, an denen er vorher achtlos vorbeigegangen ist.“

Sie betont die Eigenverantwortung, ohne die Umwelteinflüsse zu leugnen: „Jeder muss für sich festlegen, was Glück für ihn bedeutet. Natürlich hängt das vom gesellschaftlichen Umfeld, aber eben auch von der eigenen Aktivität ab.“ Eine anschauliche Parabel beschreibt, wie schnell sich die Dinge ändern können: Ein alter Bauer bestellt das Feld mit seinem Pferd. Als es ihm davonläuft, beklagen die Nachbarn sein Pech. Der Bauer urteilt mit einem vagen „vielleicht“. Das Tier kommt zurück, gemeinsam mit zwei Wildpferden. Auch wenn die Nachbarn nun von Glück sprechen, bleibt der Bauer bei seinem „vielleicht“. Er behält recht, denn sein Sohn bricht sich beim Versuch, sie zuzureiten, das Bein. Dies wiederum ist ein Glück, als er zum Krieg eingezogen werden soll. Eine Geschichte, die sich unendlich weiterspinnen ließe.

Glücksniveau: 40 Prozent von Denk- und Verhaltensweisen abhängig

Stellt sich die Frage, wie die jeweiligen Faktoren im Verhältnis stehen. Michael Fitz hat dafür drei Zahlen parat: Das individuelle Glücksempfinden beziehungsweise -niveau ist nach Studien zu etwa 50 Prozent genetisch bedingt, zu 10 Prozent von den äußeren Umständen abhängig und wird zu zirka 40 Prozent von den eigenen Denk- und Verhaltensweisen beeinflusst.

Also, was kann man selber tun? Für Michael Fitz gehören dabei folgende Punkte auf die Liste, die überdurchschnittlich glückliche Menschen kennzeichnen: viel Zeit mit Familie und/oder Freunden verbringen, aktiv, offen und kommunikativ durchs Leben gehen sowie berufliche und private Ziele engagiert verfolgen.

In der Forschung taucht auch auf, dass es in der Regel eine Art individuellen Glückslevel gibt. Der kann bei einschneidenden Ereignissen wie Hochzeit oder Unfall nach oben beziehungsweise unten ausschlagen, pendele sich aber nach unterschiedlich langen Phasen wieder auf das durchschnittliche Niveau ein.

Für diese Beobachtung spricht auch die Relativität von Geld als Glücksfaktor. „Beides wird ja oft in einem Atemzug genannt, und viele denken, dass sie nach einem Lottogewinn ein glückliches Leben führen können“, sagt Gerda Fitz. Doch die anfängliche Euphorie klinge wieder ab, auch Millionäre fielen auf ihr durchschnittliches Glücksempfinden zurück, so die Referentin. Zudem macht selbst schwer Betuchten ein sozialer Reflex einen Strich durch die Rechnung: der Vergleich mit anderen, wobei Millionäre nach noch reicheren Artgenossen schielen. „Wir wollen die Traumfrau, statt zu sehen, was wir haben“, sagt die 71-Jährige. An Letzteres knüpft ihr Mann an, der die Achtsamkeit gegenüber den alltäglichen Gaben wie ein gutes Essen als weitere, gute Strategie ins Feld führt. „Es gibt zahlreiche Dinge, für die wir dankbar sein können“, sagt der 73-Jährige. „Gesundheit, eine Wohnung, Freunde, ein soziales Netz, Freiheit, Frieden.“ Psychologische Studien hätten gezeigt, dass dankbare Menschen insgesamt weniger negative Gefühle und festere Bindungen haben sowie stressresistenter sind.

Genauso spielten die Einstellungen der Menschen eine Rolle. Laut Michael Fitz haben Pessimisten die Tendenz zur Generalisierung und gehen Projekte oft zögerlicher an, während Optimisten meist die konkrete Situation vor Augen haben, nichts schönreden und nach Rückschlägen nach neuen Lösungen suchen.

Auch die Suche nach einem sinnvollen Leben hat in der Glücksforschung einen zentralen Stellenwert. Für Gerda Fitz stehen der logischen Schlussfolgerung, sich Ziele und Aufgaben zu suchen, die oft maßlosen Erwartungen unserer heutigen Zeit entgegen. „Wir leben in einer Multitasking- und Multioptionsgesellschaft, immer in dem Gefühl, einen noch besseren Urlaubsort, Gasanbieter oder ein passenderes Fernsehprogramm finden zu müssen.“ Das mache es schwer, wirklich hinter den eigenen Entscheidungen zu stehen. Trotzdem: Ein weiterer Baustein für ein glückliches Leben sei, „den Sinn immer wieder selbst neu zu entdecken“.