Der Traum vom besseren Leben

Andreas Kozlik erforscht Schicksale von 1000 Murrhardtern, die im 19. Jahrhundert nach Amerika auswanderten

Zahlreiche Einwohner der Stadt Murrhardt und ihrer Teilorte verließen im 19. Jahrhundert aus unterschiedlichen Gründen ihre Heimat und wanderten aus, meist in die USA. Seit etwa zweieinhalb Jahren erforscht Andreas Kozlik, Vorsitzender des Geschichtsvereins Murrhardt und Umgebung, die Schicksale von 1000 Auswanderern.

Andreas Kozlik sichtet für seine Forschungen eine Vielzahl von Dokumenten: Hier der Schriftverkehr von Pauline Oettinger mit der Stadt Murrhardt, von der sie Hilfe ersucht, um einen Nachweis zur deutschen Herkunft ihres Ehemannes zu erhalten. Foto: Stadtarchiv Murrhardt

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Im Rahmen seiner Arbeiten zum Ortsfamilienbuch für Murrhardt wertet Kozlik dafür vor allem die Kirchenbücher der evangelischen Kirchengemeinde Murrhardt aus, zu der im 19. Jahrhundert auch Fornsbach gehörte. Kirchenkirnberg ist dagegen schon seit Jahrhunderten eine eigene Kirchengemeinde mit eigenen Kirchenbüchern. Weitere Quellen zur Auswanderung sind standesamtliche Unterlagen, Auswanderungsakten und Passagierlisten sowie Informationen von Nachkommen der Auswanderer. Andreas Kozlik hat eine Liste von Murrhardter Auswanderern zusammengetragen, die zurzeit über 1500 Namen umfasst und auf einer Internetseite (siehe Info) aufgeführt sind.

Die Daten werden fast täglich aktualisiert. „Ich erhalte regelmäßig E-Mails aus Deutschland und Amerika wegen meiner Internetseite“, freut sich Andreas Kozlik. So auch vor kurzem von einem Murrhardter, der 1969 in die USA auswanderte und den seine Verwandten über das Projekt des Heimathistorikers informierten. Er erwarte auch zukünftig eine gute Resonanz, da bei der Google-Suche nach den Stichworten Murrhardt und Amerika seine Webseite ganz oben rangiert, erklärt Kozlik.

Sein Arbeitsschwerpunkt ist derzeit die systematische Auswertung von Passagierlisten der Auswandererschiffe. Bis jetzt hat Kozlik die Schicksale von etwa 25 Familien recherchiert. Hauptgründe für die Auswanderung waren die schlechte Arbeitsplatzsituation und fehlende Zukunftsperspektiven, familiäre und finanzielle Probleme oder auch Konflikte mit dem Gesetz, hat er herausgefunden. Sie bewogen vor allem zwischen 1850 und 1855 sowie 1880 und 1885 hauptsächlich junge, alleinstehende Männer, Frauen und junge Familien dazu, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Sie wagten sich auf die große Reise in die Neue Welt und hofften dort auf ein besseres Leben.

Per Flussschiff, später mit der Eisenbahn, gelangten sie in die großen Häfen wie Antwerpen, Bremerhaven und Hamburg, von denen aus sie die zwei- bis dreiwöchige Atlantik-Überfahrt antraten. Die meisten kamen in der Großstadt New York an, wo sie im Auffanglager Castle Garden von den US-Behörden bürokratisch und organisatorisch erfasst wurden. Die Mehrzahl der Murrhardter Auswanderer ließ sich in den Oststaaten der USA nieder, wo bereits viele Deutschstämmige lebten. An einigen Beispielen zeigt Andreas Kozlik auf, dass manche Auswanderer ihren Traum verwirklichen konnten – ein paar wurden sogar Millionär – während andere scheiterten. August Schieber (1841 bis 1910) war erfolgreicher Gastwirt und Lebensmittelhändler und erwarb großen Immobilienbesitz. Sein Grabmal auf dem Friedhof von Mount Vernon (Indiana) bezeugt seinen Wohlstand.

Wilhelm Gottlieb Volz wollte schnell reich werden. Daher zog es ihn 1855 in die Goldgräberstadt Rocky Bar (Idaho), wo er jedoch 1868 mit 39 Jahren starb. Ein hartes Schicksal erlitt die Familie des Kronenwirts Friedrich Geistdörfer mit sechs Kindern, die 1851 auswanderte. Ein Kind starb auf der Überfahrt, 1853 erlagen die Eltern der Cholera. Fünf minderjährige Waisenkinder blieben allein zurück. Zwei von ihnen heirateten später, über das Schicksal der anderen ist (noch) nichts bekannt. Dagegen fanden Karl Kugler und Pauline Klenk aus Grab ihr Glück. Sie wanderten 1883 aus und heirateten, gründeten eine große Familie und bewirtschafteten eine Farm mit Kartoffelanbau und Milchviehhaltung in Michigan. Doch über 60 Auswanderer schafften es nicht, sich in den USA ein Leben aufzubauen und kehrten wieder in ihre alte Heimat zurück.

Einige Murrhardter lockte es auch in andere Länder und Kontinente. Bis um 1840 war Osteuropa das Hauptauswanderungsziel. Manche gingen nach Polen, die meisten aber nach Russland ins Schwarzmeergebiet in die Gegend um Odessa, nach Bessarabien und in den Kaukasus. Um 1870 emigrierten zahlreiche Murrhardter Mitglieder der Tempelgesellschaft, einer christlichen Religionsgemeinschaft, nach Palästina. Einen Steinberger zog es nach Australien, und einen Murrhardter nach Buenos Aires (Argentinien). Im 20. Jahrhundert wanderten mehrere Personen nach Südamerika aus, zum Teil nach 1945. Die Ergebnisse seiner Forschungen zur Auswanderung wird Andreas Kozlik bald veröffentlichen. Zunächst sollen Einzelbeiträge erscheinen, zum Beispiel im Backnanger Jahrbuch, später auch ein Buch. Bei seiner Arbeit fürs Ortsfamilienbuch hat der Heimathistoriker bisher ungefähr 50 Prozent der Daten erfasst, das Manuskript umfasst etwa 2200 Druckseiten. Bis etwa 2015 werde er dieses Projekt fertigstellen können, schätzt Kozlik.

Auf der Internetseite www.andreas-kozlik.de finden sich eine Liste der Murrhardter Auswanderer (Unterpunkt: von Murrhardt nach Amerika) sowie weitere Informationen zum Forschungsstand.