Friedenstaube trägt kugelsichere Weste

Edelgard Meyer zu Uptrup sprach auf dem Wacholderhof über ihren Einsatz für den ökumenischen Friedensdienst in Palästina und Israel

Seit zehn Jahren gibt es das Programm des ökumenischen Friedensdienstes in Palästina und Israel. Freiwillige arbeiten in Teams mit der Bevölkerung, Kirchen und kirchlichen Institutionen oder Nichtregierungsorganisationen zusammen und setzen sich für eine gerechte Lösung des Israel-Palästina-Konflikts ein. Edelgard Meyer zu Uptrup aus Stuttgart war eine von ihnen und berichtete auf dem Wacholderhof von ihren bewegenden und bedrückenden Erlebnissen.

 Verzweiflung: Eine palästinensische Mutter und ihre Tochter, die auf den Trümmern ihres Hauses sitzen, das von einem Bulldozer zusammengeschoben wurde. Fotos: E. Meyer zu Uptrup (2) / J. Fiedler (1)
Verzweiflung: Eine palästinensische Mutter und ihre Tochter, die auf den Trümmern ihres Hauses sitzen, das von einem Bulldozer zusammengeschoben wurde. Fotos: E. Meyer zu Uptrup (2) / J. Fiedler (1)

von Christine Schick

MURRHARDT. Viele der Bilder, die Edelgard Meyer zu Uptrup während ihres Vortrages mit dem Beamer an die Leinwand wirft, prägen sich ein. Da ist beispielsweise das allererste, das sie und ihre drei Teamkollegen vor einem Wandgemälde zeigt – eine Friedenstaube mit einer kugelsicheren Weste und einem Fadenkreuz auf der Brust. Oder die zwölf Meter hohen Mauern, die sich durch die hügelige, fruchtbare Landschaft mit Olivenbaumhainen unweit von Bethlehem schlängeln. Die 74-Jährige, die auch längere Zeit im Wacholderhofverein engagiert war und ihn 2007 als Geschäftsführerin unterstützte, machte sich vor einem Jahr auf, um drei Monate für den ökumenischen Friedensdienst in Palästina und Israel zu arbeiten. Dieses Programm wurde vom ökumenischen Rat der Kirchen ins Leben gerufen.

Angst habe sie vor ihrem Einsatz nicht gehabt, sagt sie, die Zeit der Selbstmordattentate sei damals schon vorbei gewesen. Ihre Familie und der Großteil ihrer Bekannten reagierten gefasst, ist es doch nicht das erste ehrenamtliche Projekt im Ausland – vor zehn Jahren war Edelgard Meyer zu Uptrup ein Jahr lang in Kamerun, um mit einer Organisation vor Ort auf dem Gebiet der gewaltfreien Konfliktlösung zu arbeiten. Nur zwei Bekannte „haben mich gefragt, was ich mir denn beweisen müsse.“ Doch das sei es nicht. Erst sehr spät habe sie realisiert, dass dort, wo die Israelis eine neue Heimat gefunden haben, vorher auch Menschen gelebt hätten. Ihr Einsatz ist die Aufarbeitung eines blinden Flecks. „Weil ich die ganze Zeit nicht genau hingesehen hatte, wollte ich das jetzt wirklich intensiv tun.“ Nach einem Vorbereitungstraining geht es vor Ort. Ihre Aufgabe ist es, den Menschen in schwierigen Situationen so gut wie möglich beizustehen: Kinder auf dem Schulweg, Menschen am Checkpoint begleiten, Präsenz zeigen, wenn in Dörfern Häuser zerstört werden oder bei Landnahme und Menschenrechtsverletzungen durch Siedler und Militär. Mauer, Trennung und Militärkontrollen sind allgegenwärtig. Edelgard Meyer zu Uptrup berichtet von 500 Checkpoints, manche werden immer wieder neu festgelegt. Für viele Palästinenser, die in Israel arbeiten, beginnt der Tag um 3 Uhr mit dem Warten vor dem Drehkreuz und der Ungewissheit, wie lange es geöffnet sein wird und ob sie auf die andere Seite kommen. Sie registriert diejenigen, die es schaffen, und gibt die Zahlen an die UN weiter, um ihren Teil dazu beizutragen, die schwierige Situation der Palästinenser zu dokumentieren. Und nicht jeder bekommt die Erlaubnis („Permit“), den Checkpoint zu passieren. Als Friedensdienstlerin ist sie Ansprechpartnerin und bekundet ihre Solidarität, fühlt sich aber auch oft hilflos. An ihrem zweiten Tag erlebt sie mit, wie das Haus einer Familie zerstört wird. „Sie waren zu der Zeit alle in der Moschee“, erzählt sie. Es gab eine sogenannte Zerstörungsverordnung der Israelis. Die Familie habe auf ihrem Grund die kleine Heimstadt in jahrelanger Arbeit errichtet. Das Bild zeigt, wie Mutter und Tochter auf den vom Bulldozer zusammengeschobenen Trümmern sitzen. Manchmal bekommen die Bewohner zehn Minuten, um einen Teil ihres Hab und Guts nach draußen zu räumen. Auf einem anderen Foto sind Stühle und Tische einer Schule zu sehen, die einfach im Freien stehen.

Die Aktivistin erzählt von einer Familie, deren Haus an drei Seiten von der Mauer umschlossen ist, doch Claire mit ihren fünf Kindern will bleiben und schreibt die vielen Mauergeschichten auf, die sie erlebt. Auf der Betontrennwand schlägt sich die Situation in Gemälden nieder, die trotz allem auch für Hoffnung und Menschlichkeit stehen: Ein Nashorn bricht durch die Mauer, der Schriftzug „fragile“ (zerbrechlich) setzt ein ironisches Zeichen, ein Kind kontrolliert einen Soldaten, und ein vermummter Mann wirft statt eines Steins einen Blumenstrauß. Auch begegnet Edelgard Meyer zu Uptrup Menschen und Gruppen auf beiden Seiten, die die Situation verändern wollen. Eine israelische Trommelgruppe, die sich zu den palästinensischen Freitagsdemonstrationen gesellt, um zu zeigen, dass sie mit der Politik ihres Landes unzufrieden ist. Oder Angela Godfrey, die sich im Israelischen Komitee gegen Hauszerstörung einsetzt. Ebenso beeindruckend ist ihr Bericht von einer palästinensischen Familie, die zwar auf ihrem Land bedrängt und eingeschränkt lebt, aber trotzdem Friedensarbeit leistet. Ein Schriftzug auf einem Stein dokumentiert ihre Haltung: „Wir weigern uns, Feinde zu sein.“

Doch so dankbar die Zuhörer auch über diese Hoffnungsschimmer sind, die Referentin lässt keinen Zweifel daran, dass der Einfluss dieser Menschen begrenzt ist und sich in der Politik etwas ändern müsse. In der anschließenden Gesprächsrunde wird deutlich, dass eine Kritik der israelischen Seite in Deutschland mit der Angst verbunden ist, als Antisemit zu gelten. Und doch hofft Edelgard Meyer zu Uptrup auf eine Veränderung der israelischen Politik, auch um deren selbst willen.