In der Energieeffizienz liegt die Zukunft

Ernst Ulrich von Weizsäcker stellte seine Ideen für eine erfolgreiche Energiewende vor

Wenn es um die Energiewende geht, ist viel von Logistik, Trassenbau und Umsetzbarkeit die Rede. Punkte, die auch Ernst Ulrich von Weizsäcker nicht vernachlässigt. In seinem Vortrag ging der Wissenschaftler und SPD-Politiker aber besonders auf das ein, was er als künftiges Ziel und eigentliche Herausforderung ansieht: Ein effizientes Wirtschaften mit Energie.

Von Christine Schick

MURRHARDT. Obwohl es Montag und um 17 Uhr noch recht früh für einen Vortragstermin ist, finden sich etwa 100 Besucher im Heinrich-von-Zügel-Saal der Murrhardter Stadtbücherei ein. Sie wollen sich nicht entgehen lassen, was Professor Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker zum Themenkomplex Umwelt, Energie und Klimaschutz zu sagen hat. Während noch weitere Stühle geholt werden, plauscht Robert Antretter, einst langjähriger SPD-Bundestagsabgeordneter, mit Ernst Ulrich von Weizsäcker, den SPD-Landtagsabgeordneter Gernot Gruber nach Murrhardt eingeladen hat.

Nach einleitenden Worten von Friedhart Hübler, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins, knüpft der Referent an die aktuelle Politik an – den Vorstoß von Umweltminister Peter Altmaier (CDU), die Bürger der sogenannten Durchlassländer beim Trassenbau zu beteiligen und die Blockadehaltung der FDP. Hinzu kommen Ängste, den Wohlstand nun mit der Energiewende aufs Spiel zu setzen. Doch der Naturwissenschaftler lässt keinen Zweifel an der Notwendigkeit des Ausstieges aus der Atomkraft und erinnert an die Fukushima-Katastrophe, bei der Kinder vermutlich stärker geschädigt wurden, als bisher bekannt war. Bei einem Ausstieg aber vor allem nur auf Gas-Kohle-Kraftwerke umzuschwenken, sei fatal. „Dann ist in Bezug auf den Klimawandel nichts gewonnen.“

Schon viele Jahre beobachtet er Diskussionen und Diplomatie rund um die Klimagipfel, bei denen sich die Industrieländer und Schwellen- beziehungsweise Entwicklungsländer gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben und mit Verweis auf den anderen sich nicht bewegen wollen. Mikado-Situation nennt er das, was sich dort abspielt und aus der es auszubrechen gilt. Wie ist das zu schaffen? Vorbildcharakter hat für den renommierten Wissenschaftler das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Er erinnert an den einstigen gemeinsamen Kampf für das EEG, das auf eine Initiative von Hermann Scheer zurückgeht, zunächst auf erheblichen Widerstand stieß und nach der Umsetzung zu einer Erfolgsgeschichte auch in Bezug auf die Schaffung von Arbeitsplätzen wurde. Der 73-Jährige räumt ein, dass aufgrund des Booms auch ein teils überspitztes Wachstum in diesem Bereich stattfand.

Im Zuge dieser Entwicklung und der Diskussion um Trassenbau, Erdkabel versus Freileitung, Engpässen bei einer wetterabhängigen Stromproduktion oder intelligenten Netzen und Geräten ist dabei das eigentliche Problem in den Hintergrund getreten: die Effizienz der Energienutzung, sprich die Notwendigkeit, aus Energie und Rohstoffen mehr als bisher herauszuholen. „Es ist dummes Geschwätz von einem Energiebedarf, der gestillt werden muss, zu reden. Wir können mit sehr viel weniger auskommen“, sagt Ernst Ulrich von Weizsäcker.

Aufgabe der Politik sei es, dafür konkrete Anreize zu schaffen. Die Beispiele für Energieeffizienz, die er anreißt, sind in seinem Buch „Faktor Fünf“ aufgeschlüsselt. Für den allergrößten Energiefresser – die Gebäude – gibt es die Alternativen der Passiv- oder Plus-Energie-Häuser. Auch Autos, die sehr viel weniger Benzin verbrauchen, seien schon heute machbar. Die Autoindustrie wolle aber erst einsteigen, wenn der Kraftstoff das Doppelte kostet, so von Weizsäcker. Weitere Beispiele sind energieschonendere Produktion in der Landwirtschaft genauso wie im Baugewerbe (Zement), in der Industrie (Aluminium) und Elektronik, die noch viel mehr tun könne, um verbrauchsärmere Geräte zu produzieren. Doch das geht nicht ohne Anreiz, weshalb der SPD-Politiker folgendes Modell vorschlägt: Die Energie jedes Jahr um so viel zu verteuern, wie im Vorjahr die Effizienz zugenommen hat. So würden diejenigen gefördert, die die Effizienzentwicklung vorantreiben. Von Weizsäcker glaubt, dass dieser Innovationsansporn langfristig den Wohlstand sichert. Sein Beispiel: Japan, das nach der Ölkrise in den 1970er-Jahren die Energiepreise anhob, um unabhängiger zu werden. „Natürlich haben auch dort alle gejammert. Und ein paar alte Dinosaurier wanderten aus.“ Im Ergebnis habe es aber zur Entwicklung der Hochtechnologie geführt.

Kompensationsbedarf bei diesem Anreizmodell sieht er bei zwei Gruppen: Für Hartz-IV-Empfänger, die mit einer modernen Entwicklung (teurere Geräte) finanziell nicht mithalten können, und für Firmen, die in energieintensiven Feldern tätig sind. Wenn sie ins Ausland abwandern, ist klimatechnisch nicht viel gewonnen. Von Weizsäcker kann sich hier beispielsweise vorstellen, dass eine rückvergütete Klimasteuer pro Arbeitsplatz bei gleichzeitigem Energieeffizienzanreiz etwas bringen kann.

Ernst Ulrich von Weizsäcker, Karlson Hargroves und Michael Smith: Faktor Fünf. Die Formel für nachhaltiges Wachstum. Droemer Verlag, 432 Seiten, 22,99 Euro. ISBN-10: 3426274868.