Für Kirchenräuber gab es keine Gnade

Autorin Corinna Müller schilderte fesselnd historische Kriminalfälle bei Lesung im Carl-Schweizer-Museum

Der tragische Tod des kleinen Christian aus Trauzenbach und der hinterhältige Diebstahl aus dem Nürtinger Spitalvermögen berührten und erschütterten. Autorin Corinna Müller erzählte so einfühlsam, anschaulich und lebendig von diesen Kriminalfällen, dass man sich ins 17. Jahrhundert und an die Orte des Geschehens versetzt fühlte.

Um die historischen Kriminalfälle genau beschreiben zu können, hat sie sich auch intensiv mit den damaligen Lebensumständen befasst: Autorin Corinna Müller erläuterte, warum Menschen wie der Nürtinger Stadtschäfer und der Gerber ihrer Ansicht nach damals einen schweren Kirchenraub begingen. Die geringe Lebenserwartung ließ sie das Risiko der Todesstrafe eingehen. Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Anno 1607 schien der schwer kranke sechsjährige Christian auf dem Heimweg von einem Arztbesuch in Schwäbisch Hall gestorben zu sein. Mühsam transportierte man den Sarg durch steile Klingen hinab nach Murrhardt zur Bestattung. Zwar hörte der Totengräber ein Poltern, reagierte aber zunächst nicht darauf. Später ließ der Pfarrer den Sarg öffnen. Da bemerkte man, dass das Kind offenbar noch lebte und mit dem Kopf gegen den Sargdeckel gestoßen war. Kurz atmete Christian noch, bevor er starb. Daraufhin beschuldigte man den Totengräber des Mordes, doch die Fahrlässigkeit der Tat bewahrte ihn vor der Todesstrafe, berichtete die ehemalige Kriminalbeamtin. Gemeinsam mit ihrem Mann Peter las sie aus ihrem aktuellen Buch.

1674 stahlen Stadtschäfer Jacob Müller und Gerber Johann Rau bei einem lange geplanten Raub über 8500 Gulden aus dem Nürtinger Spitalvermögen. Dieses befand sich gut gesichert im sogenannten Gewölb hinter der Empore in der Stadtkirche. Im Lauf der langwierigen und schwierigen Ermittlungen durch Vogt Philipp David Burk kam heraus, dass die Täter sechs Türen und eine Geldtruhe mit einem Hebeisen aufbrachen. Nach der damals gültigen „Peinlichen Halsgerichtsordnung“ oder Carolina wurden die Täter peinlich prozessiert. Der Raub war Kirchendiebstahl, auf den die Todesstrafe stand. Darum lautete das Urteil des Gerichts Tod durch den Strang, das die Juristenfakultät der Universität Tübingen durch ihr seit 1621 bindendes Concilium und Herzog Eberhard III. bestätigten. Die Hinrichtung durch einen Stuttgarter Henker schilderte Müller bildhaft und emotional aus der Perspektive der jungen Ehefrau des Gerbers. Die Zeremonie, nach Augenzeugenberichten detailliert beschrieben, war fürs Volk ein großes Spektakel und Vergnügen, wobei die Zuschauer „ein wohliges Gruseln verspürten“.

Die Frage nach dem Motiv beantwortete die Autorin mit Bereicherung. Damals hatten die Menschen eine andere Denkweise und wesentlich geringere Lebenserwartung, weniger Weitsicht und lebten viel mehr im Jetzt, darum seien sie das Risiko der Todesstrafe eingegangen, erklärte sie. Die beiden vorgestellten Fälle kann man in „Verurteilt“ nachlesen. Darin beschreibt Corinna Müller Straftaten aus dem 17. Jahrhundert bis 1860. Bei der Lesung im Carl-Schweizer-Museum stellte sie auch ihr erstes Buch „Um Kopf und Kragen“ vor, in dem sie Kriminalfälle aus dem 16. bis 18. Jahrhundert in Erzählungen schildert. Kurz informierte die Autorin auch über die Entwicklung des Rechtswesens. So stellte sie das durch die Hexen- und Inquisitionsprozesse verzerrte Bild von der Anwendung der Folter klar. Dafür galten strenge Regeln: Maximal eine Stunde durfte die sogenannte peinliche Befragung dauern. Auch war genau festgelegt, wann welche Folterinstrumente wie Daumenschrauben oder Mundbirne, die Müller zeigte, angewendet werden durften. Die Carolina bildete vom 16. bis 18. Jahrhundert den Rahmen für die Strafjustiz, hinzu kamen eigene Gesetze der jeweiligen Länder.

In Württemberg seien Straftäter gegen Willkür abgesichert gewesen, denn Folter und Hinrichtung mussten vom Herzog genehmigt werden. Im 18. Jahrhundert wurden die Strafen abgemildert und grausame Hinrichtungsarten wie Vierteilen oder Pfählen abgeschafft. 1787 erhängte man in Sulz am Neckar den gefährlichen Räuberhauptmann Jakob Hannikel, der 1761 auch in Hinterbüchelberg sein Unwesen trieb und Friedrich Schiller zu seinem Drama „Die Räuber“ inspirierte. 1839 ersetzte das Strafgesetzbuch für das Königreich Württemberg die Carolina. Doch vollstreckte man Todesurteile weiterhin öffentlich – 1848 enthauptete ein Scharfrichter in Backnang einen Metzger, der einen Raubmord begangen hatte.

Für ihre Bücher habe sie die historischen Fakten aus den Original-Strafprozessakten recherchiert, berichtete die ehemalige Kriminalbeamtin. Diese ergänzte und bereicherte sie mit historischen Details aus Fachbüchern und Aufzeichnungen sowie vielfältigen fiktiven menschlichen Empfindungen. So schuf sie faszinierend authentische und lebendige Kriminalgeschichten. In diesem erfährt man auch viel Spannendes über die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, in denen die Menschen vergangener Jahrhunderte lebten. Sie habe sich schon immer für Geschichte interessiert und sei über die Ahnenforschung zur Erforschung historischer Kriminalfälle gekommen, sagte Müller. Derzeit recherchiere sie für ein neues Buch über einen Einzelfall, verriet die Autorin bei der Kooperationsveranstaltung des Carl-Schweizer-Museums mit den Buchhandlungen Mauser und Franke sowie der Stadtbücherei. Doch worum es darin gehe, bleibe noch ein Geheimnis.