Stuttgarter Autozulieferer

Bosch-Chef Hartung: Der Verbrenner wird noch Generationen überleben

Der Chef des weltgrößten Autozulieferers hält das europäische Verbrenner-Aus für einen Irrweg. Die Technologie werde weltweit noch Jahrzehnte gebraucht – weit über das Auto hinaus.

Bosch-Chef Stefan Hartung sagt der Verbrennungstechnologie noch eine lange Zukunft vorher.

© Lichtgut/Leif Piechowski

Bosch-Chef Stefan Hartung sagt der Verbrennungstechnologie noch eine lange Zukunft vorher.

Von Klaus Köster

Der Verbrenner steht in der EU auf der Abschussliste: Selbst der mühsam ausgehandelte Kompromissvorschlag der EU-Kommission sieht nach 2035 nur eine sehr begrenzte Öffnung des Marktes vor, die zudem an strenge Voraussetzungen geknüpft ist.

Nach Ansicht von Bosch-Chef Stefan Hartung wird die EU die Verbrennungstechnologie mit diesem harten Kurs gegen Benzin- und Dieselmotoren jedoch nicht einmal ansatzweise zum Verschwinden bringen – weder in Europa noch weltweit.

Hartung geht nun sogar über seine bisherigen öffentlichen Aussagen hinaus. Die Technologie werde noch zwei Generationen lang gebraucht und auch künftig Beschäftigung sichern. Dass sie im europäischen Pkw-Markt an Bedeutung verlieren werde, ändere nichts daran, dass sie weltweit noch über viele Jahrzehnte hinweg einen wichtigen Beitrag leisten werde – weit über den Automobilsektor hinaus.

„Die Amerikaner sehen in ihren Prognosen für 2035 noch immer bis zu 50 Prozent aller Neufahrzeuge mit Verbrennungsmotor“, sagt Hartung in einem Podcast des Berliner Medienunternehmens Table Media. In China liege der Anteil nach diesen Prognosen zwischen 20 und 30 Prozent, während Europa bis dahin auf null Prozent kommen wolle. „Da würde ich mal sagen: Europa ist ungewöhnlich.“

Zugleich reiche die Nutzung von Verbrennungsmotoren weit über das Auto hinaus. „Wir haben sie genauso in Notstromaggregaten in jedem Krankenhaus. Wir haben sie zudem in unendlich vielen anderen Verkehrsmitteln“, sagt der Bosch-Chef. Das gelte auch für Rechenzentren: Dort seien Dieselmotoren häufig die letzte Absicherung der Stromversorgung, wenn die Batteriepufferung ausfällt. Auch für die Verteidigung sei die Technologie unverzichtbar. Die Bundeswehr sei ebenfalls mit Verbrennungsmotoren unterwegs, selbst mit ihren U-Booten.

Studium für Verbrenner lohnt sich noch lange

Hartung geht noch einen Schritt weiter. Die Verbrennungstechnologie sei mit ihren vielfältigen Anwendungen global so zukunftsfähig, dass sich ein entsprechendes Studium auch heute noch lohne. „Wenn man ein Arbeitsleben mit 40 Jahren ansetzt, sage ich: Für ein bis zwei Arbeitsleben wird es den Verbrenner auf jeden Fall noch geben.“ Auch Verbrennungsingenieure würden noch lange gebraucht – selbst wenn die Anwendungen im Straßenverkehr zurückgehen und Europa an seinem Kurs zum Verbrenner-Aus festhält. „Ich glaube, wir müssen die Kirche wirklich im Dorf lassen und nicht dauernd den Verbrenner für tot erklären“, so Hartung. „Das ist nicht der Fall.“

Der Bosch-Chef vergleicht die Lage von Verbrennungsingenieuren mit jener von Nukleartechnikern. Auch das Interesse an diesen Studiengängen gehe stark zurück – nach Hartungs Ansicht ebenfalls zu Unrecht. „Wir haben ja auch noch ein paar Atomkraftwerke zurückzubauen, und vielleicht bauen wir irgendwann auch wieder welche.“ Ähnlich wie den Atomausstieg hält Hartung offenbar auch das Verbrenner-Aus nicht für unumkehrbar.

Hartung hält Vorgabe von Technologie für falsch

Seit Jahren zählt Hartung zu den prominentesten Stimmen der Industrie, die sich gegen politische Festlegungen auf einzelne Technologien wenden. Bereits vor seiner Ernennung zum Bosch-Chef im Jahr 2022 argumentierte er, die Konzentration auf nur eine Technologie sei angesichts der Größe der klimapolitischen Herausforderung falsch. Keine Technologie, die zur Senkung des globalen CO₂-Ausstoßes beitragen könne, sei verzichtbar. Dazu zählten neben der Elektromobilität auch moderne Verbrennungstechnologien und synthetische Kraftstoffe, die die CO₂-Bilanz von Fahrzeugen verbessern könnten. Hinzu kämen Biokraftstoffe, wasserstoffbasierte Technologien sowie Hybridantriebe.

Auch aus sozial- und beschäftigungspolitischer Sicht bewertet Hartung das Verbrenner-Aus kritisch. Selbst wenn der Verbrennungsmotor in der EU aus dem Neuwagenmarkt verdrängt werde, werde die Technologie in anderen Teilen der Welt weiter genutzt. Entwicklung und Produktion würden dann außerhalb Europas stattfinden. Die Technologie verschwinde nicht – sie werde lediglich in den Rest der Welt verlagert, denn dort würden Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor noch lange nachgefragt.

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Erstellt:
16. Juni 2026, 17:40 Uhr

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