Bosch-Chefoptimist geht von Bord
Der Konzernvorsitzende Stefan Hartung galt als großer Optimist. Nun geht er überraschend.
Von Eidos Import
Stefan Hartung ist ein Manager von einem Schlag, der in der Wirtschaft selten geworden ist. Selbst in der tiefsten Krise verbreitet er eine Zuversicht, die von innen zu kommen scheint und geradezu ansteckend wirkt. Wenn es wirklich hart auf hart kommt, spricht er weder von einem Problem noch von einer Herausforderung, sondern von einem „Thema für Optimisten“. Also für ihn.
Nun verlässt Hartung das Unternehmen überraschend und zieht nach 22 Jahren bei Bosch einen radikalen Schlussstrich. Er räumt nicht nur seinen Chefsessel, sondern auch seinen Platz im obersten Entscheidungsgremium, der Industrietreuhand. Haben den Mann, für den Optimismus keine Fassade, sondern eine Lebenshaltung ist, am Ende doch die Zweifel eingeholt?
Offiziell erklärt Hartung, dies sei der richtige Zeitpunkt für seinen Rücktritt. Die langfristige Zukunftsfähigkeit des Unternehmens sei gestärkt und wichtige Meilensteine seien erreicht worden. Das mag zutreffen. Ebenso richtig ist jedoch, dass bislang kaum ein Unternehmen der Autoindustrie eine überzeugende Antwort auf die Multikrise gefunden hat – auch Bosch nicht.
Im Wettbewerb mit chinesischen Konkurrenten, der sowohl über Kosten als auch über Technologien entschieden wird, geraten deutsche Unternehmen in einem Ausmaß ins Hintertreffen, das vor wenigen Jahren kaum jemand erwartet hätte. Zugleich belasten geopolitische Konflikte die exportorientierte deutsche Wirtschaft und verschärfen den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.
Einem Unternehmenslenker, der sich dieser Multikrise entgegenstemmt, geht es derzeit kaum besser als einem verantwortungsvollen Politiker. Von beiden werden Antworten erwartet, die viele nicht hören wollen. Bosch will allein in der Kfz-Sparte mehr als 20.000 Stellen abbauen; auch bei den Tochtergesellschaften Power Tools und BSH werden Arbeitsplätze gestrichen. Arbeitnehmervertreter kritisieren dies scharf und werfen dem Unternehmen vor, das soziale Erbe des Firmengründers zu missachten. Hartung hält dagegen: Auch der Gründer habe harte Einschnitte vorgenommen, um Ertragskraft und Zukunft des Unternehmens zu sichern. Ohne wirtschaftlichen Erfolg, so seine Argumentation, lasse sich auf Dauer auch kein sozial verantwortlicher Umgang mit der Belegschaft finanzieren.
Hartung gehört nicht zu den Managern, die ihre Überzeugungen aufgeben, sobald Gegenwind aufkommt. Das gilt für seine Pläne zum Personalabbau ebenso wie für seinen beharrlichen Einsatz für eine längere Zukunft des Verbrennungsmotors. Selbst im Falle eines EU-Verbots sagt er dieser Technologie noch eine jahrzehntelange Perspektive voraus. Doch auch auf diesem Feld sind die Fortschritte begrenzt, die Fronten bleiben verhärtet.
Im Durchschnitt waren die sieben Vorstandsvorsitzenden vor Hartung rund 20 Jahre im Amt; er selbst scheidet bereits nach viereinhalb Jahren aus. Dabei braucht nicht nur Bosch, sondern die gesamte deutsche Industrie Persönlichkeiten, die Haltung zeigen und der Versuchung widerstehen, sich an den eigentlichen Problemen vorbeizumanövrieren. Hartung hat damit Maßstäbe gesetzt – auch über Bosch hinaus.
In diese großen Fußstapfen tritt nun sein Nachfolger Christian Fischer. Als Stratege blieb er meist im Hintergrund. Jetzt richtet sich das Scheinwerferlicht auf ihn.
Hartungs Nachfolger ist zu wünschen, dass er Gegenwind ebenso wenig scheut wie sein Vorgänger. Hartung hat Bosch in schwierigen Jahren stabilisiert und wichtige Weichen gestellt. Die eigentliche Transformation steht seinem Nachfolger aber erst noch bevor.
