Der Schlotterbeck-Schock und die Folgen

Die bittere Nachricht kam am Montag: Der 26 Jahre alte Innenverteidiger fällt monatelang aus. Wer ersetzt ihn bei der WM im deutschen Team?

Richtig schmerzhaft: Für Nico Schlotterbeck ist die WM aufgrund einer

© AFP/Alexander Hassenstein

Richtig schmerzhaft: Für Nico Schlotterbeck ist die WM aufgrund einer

Von Carlos Ubina

Winston-Salem - Nico Schlotterbeck hat noch einmal alles versucht. Er ließ sich am Spielfeldrand mehrfach behandeln, er biss auf die Zähne, er zögerte seine Auswechslung hinaus. Doch nun ist für den Abwehrspieler zur bitteren Gewissheit geworden, was sich bereits im Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste (2:1) abgezeichnet hatte. Für den gebürtigen Waiblinger von Borussia Dortmund ist die WM 2026 vorbei, noch ehe sie nach seinem Geschmack richtig begonnen hat. Ein Innenbandriss im linken Sprunggelenk bedeutet das vorzeitige Aus für den 26-Jährigen. Er wird beim XXL-Turnier in den USA, Kanada und Mexiko nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft zum Einsatz kommen.

Am Montag kommunizierte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Diagnose. Eine MRT-Untersuchung war vorausgegangen. Laut Verbandsangaben wird der Innenverteidiger „mehrere Monate ausfallen.“ Vorerst bleibt er aber bei der Mannschaft in Winston-Salem. Dorthin war der DFB-Tross nach dem feststehenden Gruppensieg aus Toronto in das Teamhotel in North Carolina zurückgekehrt.

Beim Ausstieg aus dem Flugzeug trug Antonio Rüdiger dann Schlotterbecks zweijährigen Sohn auf dem Arm. Ein schönes Bild, das nun symbolträchtig erscheint. Rüdiger wird ab sofort noch mehr Verantwortung übernehmen müssen, da er den verletzten BVB-Profi ersetzt. Der 33-Jährige machte seine Sache gegen die körperlich starken Ivorer nach der Pause auf Anhieb gut. „Es hat sich nicht viel verändert. Ich muss für alle Szenarien bereit sein – und ich bin bereit“, meinte Rüdiger hinterher über seinen Part im DFB-Team. Dennoch trifft der Verlust den Bundestrainer Julian Nagelsmann schwer, da Schlotterbeck aus der hinteren Reihe den Spielmacher gibt. Zumal mit dem linken Fuß. „Der ist aus Gold“, hatte Rüdiger die langen und scharfen Pässe kürzlich gelobt.

In der Tat ist die Spieleröffnung ohne Schlotterbeck eine andere. Zudem ist er der einzige Linksfuß unter den Innenverteidigern im DFB-Kader (noch Jonathan Tah, Waldemar Anton, Malick Thiaw). „Schlotti wird uns auf dem Platz als herausragender Verteidiger sehr fehlen, vor allem auch sein exzellenter Spielaufbau. Es hätte seine WM werden können“, sagte Nagelsmann. Auch als Persönlichkeit wird der selbstbewusste Abwehrspieler vermisst. Deshalb bleibt er vorläufig im DFB-Kosmos. Um Einfluss zu nehmen.

Doch zunächst benötigte Schlotterbeck selbst Zuspruch. „Wir haben alle versucht, ihn aufzubauen. Zum Glück ist er ein sehr positiver Typ, der schon wieder vorausblickt“, sagte Nagelsmann. Der Bundestrainer hatte kurz vor dem Frühstück die bestätigende Nachricht erhalten. Ein ungutes Gefühl hatte ihn schon in am Samstag in Toronto beschlichen, als es Schlotterbeck zu Beginn der Begegnung erwischte. Er knickte nach einer Viertelstunde um, nachdem er zuvor einen Ball ins Seitenaus geklärt hatte. Einen Ersatz kann Nagelsmann aber nicht mehr nominieren. Anders als im Fall von Lennart Karl, der sich vor Turnierbeginn eine Muskelverletzung zugezogen hatte. Für ihn reiste der Leipziger Assan Ouédraogo aus dem Spanien-Urlaub in die USA nach.

Doch nun ist die Frist des Weltverbandes Fifa abgelaufen, um Spieler nachzuholen. Nur noch eine Berufung von Torhütern ist möglich. Was bedeutet: der Bundestrainer muss sein Abwehrzentrum neu basteln. Dabei war gerade Schlotterbeck nach einer überstandenen Knieverletzung beim BVB äußerst ambitioniert über den großen Teich geflogen. Er demonstrierte nicht nur nach seinem Tor beim 7:1 gegen Curaçao Stärke, in dem er beim Jubeln auf seinen Bizeps zeigte, sondern er formulierte klar: „Wir wollen Weltmeister werden und brauchen uns vor keinem Gegner verstecken.“ Das Zusammenspiel mit Jonathan Tah bezeichnete er als „absolutes Weltklasse-Duo“.

Kein Zweifel. Schlotterbeck hatte sich viel vorgenommen. Nun rückt jedoch Tah eine Position nach links – und Rüdiger wieder in die Startelf. Mit dem Verteidiger von Real Madrid kehrt Zweikampfstärke und Aggressivität zurück. „Er hat es sehr gut, sehr konzentriert gemacht“, sagte Nagelsmann über den 84-fachen Nationalspieler, der nach dem Schlotterbeck-Schock plötzlich wieder wichtig ist.

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Erstellt:
22. Juni 2026, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
22. Juni 2026, 23:58 Uhr

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