Die Zinsen steigen
Dickes Polster auf dem Tagesgeldkonto
Die EZB-Entscheidung könnte die Zinswelt bewegen. Einer Studie der Commerzbank zufolge legen die Geldanleger im Südwesten aber vor allem Wert auf Sicherheit.
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Das Sparschwein besteht für viele Geldanleger heutzutage aus dem Tagesgeld- oder Festgeldkonto – wo teils hohe Summen geparkt werden.
Von Matthias Schiermeyer
Dass die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals seit September 2023 wieder die Leitzinsen erhöht hat, dürften auch die Sparer und Häuslebauer merken. Experten sagen, was zu erwarten ist und wie Baden-Württemberger in der Krise sparen.
Werden Immobiliendarlehen teurer?
Jörg Utecht, Vorstandschef der Interhyp Gruppe, einem großen Vermittler für private Baufinanzierungen, klärt auf: „Viele Kunden schauen auf Signale der EZB, doch die Bauzinsen orientieren sich eng an den Renditen der zehnjährigen Bundesanleihe, und die sind infolge des Iran-Konflikts deutlich gestiegen.“ Dadurch seien auch die Bauzinsen zunächst gestiegen und bewegten sich nun seit einigen Wochen auf einem Niveau rund um vier Prozent für zehnjährige Darlehen. „Der EZB-Zinsschritt hat daher keine direkten Auswirkungen, da die Kapitalmärkte die Entscheidung in den vergangenen Wochen schon antizipiert und eingepreist haben.“
75 Prozent der für den Interhyp-Bankenpanel befragten Institute erwarten kurzfristig gleichbleibende Bauzinsen, und 25 Prozent prognostizieren steigende Bauzinsen. „Langfristig gehen sogar alle Experten von einem stabilen Niveau aus“, stellt er fest.
„Kein Grund zur Unruhe“, der Zinsschritt der EZB sollte Kaufinteressierte nicht verunsichern. Die Konjunktur im Euroraum sei nach wie vor schwach, das Potenzial für nennenswerte weitere Erhöhungen sei begrenzt. „Doch ergeben sich durch kurzzeitige Schwankungen bei den Zinsen immer wieder günstige Gelegenheiten für den Einstieg.“ Rudolf Krux von der Finanzplattform Biallo stellt fest: „Bei den Bauzinsen haben wir im März einen sprunghaften Anstieg gesehen, der die kürzeren Zinsbindungen besonders stark betraf.“ 20-jährige Zinsbindungen kosteten im Mittel zuletzt über 4,30 Prozent effektive Jahreszinsen. Bei fünf- und zehnjährigen Bindungen bewegen sich die Zinsen um die Vier-Prozent-Marke. „Für die nahe Zukunft rechnen wir damit, dass sie auf dem aktuellen Niveau erst mal stabil bleiben, eventuell auch noch einmal leicht steigen.“
Werden Anlagezinsen attraktiver?
„Die Sparzinsen steigen bereits seit über einem halben Jahr nach und nach an“, sagt Krux. Je nach Produkt und Laufzeit sei die Entwicklung unterschiedlich. Beim Tagesgeld stiegen zuletzt vor allem die Aktionszinsen für Neukunden auf bis zu vier Prozent. Bei langen Festgeldlaufzeiten hätten die Zinsen noch deutlich früher nach oben gedreht – da gebe es derzeit die höchsten Renditen. „Im Vorfeld des Zinsentscheids ging es bei kurzen Laufzeiten – etwa bei einem Jahr – am deutlichsten nach oben.“ Viele Banken hätten den Anstieg der Leitzinsen also vorweggenommen. „Auch künftig dürfte es nach oben gehen, nur wahrscheinlich nicht mehr so sprunghaft wie zuletzt.“
Nach einer bundesweiten Analyse des Finanzportals unter fast 700 Geldinstituten halten sich vor allem Sparkassen und Volksbanken bei den Zinsen zurück – die meisten zahlen höchstens 0,5 Prozent aufs Tagesgeld. Wer auf eine positive Wirkung des EZB-Entscheids setzt, „wartet bei der eigenen Hausbank vergeblich“, warnt Biallo.
Wie groß ist die Sparbereitschaft?
Trotz oder gerade wegen der wirtschaftlichen Nöte ist das Sparen im Land verbreitet: 44 Prozent tun es regelmäßig, 27 Prozent unregelmäßig – und weitere 27 Prozent gar nicht. Unter den Sparern legen drei Viertel mehr als 100 Euro im Monat zurück. Dies geht aus einer zweiten Anlagestudie der Commerzbank hervor. Demnach sagt nur jeder Sechste, dass am Monatsende immer Geld übrig ist – für jeden Fünften gilt das nie. „Wir merken auch, dass sich die wirtschaftliche Lage bei Kunden zum Teil verschärft hat“, sagt Johannes Ehmann, Gebietsleiter Private Kunden in Baden-Württemberg.
Trotzdem sei der Anteil der regelmäßigen Sparer ebenso deutlich gestiegen wie der durchschnittliche Sparbeitrag. Im bundesweiten Vergleich seien die Menschen im Südwesten quasi deutsche Meister im Sparen. Was motiviert sie vor allem? Für die Mehrheit geht es schlicht darum, Rücklagen zu bilden. Und mehr als die Hälfte will gezielt für das Alter Vermögen aufbauen.
Was ist den Geldanlegern wichtig?
Top-Kriterien für Geldanleger sind der Studie zufolge Sicherheit (58 Prozent), Verfügbarkeit (41) und Rendite (40). Daraus folgt: Trotz der lange Zeit mickrigen Verzinsung sparen zwei Drittel auf einem Tages-/Festgeldkonto oder Sparbuch, während ein Drittel gelegentlich Wertpapier-Käufe tätigt und ein gutes Viertel einen Wertpapier-Sparplan hat. Weniger beliebt als Sparform sind Bausparverträge und Versicherungen.
Demnach erlebt der Notgroschen infolge der vielen Unwägbarkeiten eine Renaissance: Dass immer mehr Sparer ihr Geld als Reserve für noch schwierigere Zeiten etwa auf dem Tagesgeldkonto parken und damit stets verfügbar halten, gefällt Anlageberatern weniger. Auch Ehmann meint: „Da braucht es auch noch mehr Finanzbildung und Beratung, um die Sorge vor dem Risiko zu nehmen.“ Gemeint ist das Risiko von Wertpapierbesitz, das der Studie zufolge fast jeder zweite Befragte scheut – während 38 Prozent angeben, sich nicht auszukennen.
Da braucht es auch noch mehr Finanzbildung und Beratung, um die Sorge vor dem Risiko zu nehmen Johannes Ehmann Gebietsleiter Private Kunden in Baden-Württemberg bei der Commerzbank
Noch zu viele Sparer seien der Ansicht, dass sich ihr Geld auf dem Tagesgeldkonto vermehrt, doch bleibe dort real (unter Abzug der Teuerung) weniger übrig, warnt Ehmann. Denn abseits von Sonderaktionen sind Zinssätze oberhalb der Inflationsrate beim Tagesgeld auf Dauer kaum zu haben. Längerfristig betrachtet sei es eine „schleichende Enteignung“, wenn sich Sparer mit dem beiseite gelegten Geld weniger leisten können.
Die Baden-Württemberger hätten mit 60 Prozent eine relativ hohe Wertpapierbesitzquote, „doch würde ich mir noch viel mehr wünschen, weil es Vermögen schafft, in Wertpapiere anzulegen“, sagt Ehmann. Bei den Anlageformen sind ETF’s in der Beliebtheit gleich hinter Einzelaktien und Fonds an die dritte Stelle gerückt – weit vor Lebens- oder Rentenversicherungen.
Das Spar- und Anlageverhalten von Männern und Frauen unterscheidet sich weiterhin. Während 59 Prozent der männlichen Sparer in Wertpapiere investieren, sind es bei den Frauen nur 40 Prozent. Wenn in Wertpapiere investiert wird, sind Fonds bei Frauen beliebter und werden von ihnen öfter genutzt - generell steht bei ihnen das Thema Sicherheit obenan. „Frauen sind bei der Geldanlage also insgesamt etwas vorsichtiger, sie verfolgen oft aber auch langfristigere Strategien“, sagt Ehmann.
Für die Anlagestudie hat das Marktforschungsinstitut Ipsos gut 3200 Menschen befragt, rund 200 in Baden-Württemberg.
Die Generation Z geht voran
Wertpapierbesitz Die jüngere Generation Z - also die Jahrgänge 1997 bis 2007 - beschäftigt sich der Commerzbank-Anlagestudie zufolge schon mit Wertpapieren: Bundesweit sparen 82 Prozent dieser Altersgruppe, jeder Zweite besitzt bereits Wertpapiere.
Kryptowährungen Die Generation Z ist zugleich offener gegenüber Anlageformen wie Kryptowährungen. Rund 40 Prozent der Wertpapierbesitzerinnen und -besitzer dieser Generation geben an, sich eine bis zwei Stunden pro Woche mit dem Thema Geldanlage zu beschäftigen.
Vergleich In den anderen Generationen widmen rund 45 Prozent der Befragten dem Thema weniger als 30 Minuten wöchentlich. Während jeder Zweite der jungen Erwachsenen angibt, sich bei Aktien gut auszukennen, sind das in der Gesamtbevölkerung nur 35 Prozent.
