Gebremst in die Finalrunde

Die Elf von Julian Nagelsmann zeigt vor dem ersten K.-o.-Spiel der WM in allen Mannschaftsteilen Schwächen – ausgehend von der neuen Mitte.

Joshua Kimmich (re.) hat sich das Spiel gegen Ecuador um Piero Hincapie anders vorgestellt.

© imago/ZUMA Press Wire

Joshua Kimmich (re.) hat sich das Spiel gegen Ecuador um Piero Hincapie anders vorgestellt.

Von Carlos Ubina

East Rutherford - Der Zug hat doch Bremsen. Entgegen dem Titel des beliebten Mallorca-Schlagers, der nach den beiden ersten deutschen Gruppenspielen stimmungsvoll aus den Stadionlautsprechern in Houston und Toronto dröhnte. Da sangen die Fans fröhlich auf den Rängen und die Nationalspieler hüpften dazu ausgelassen auf dem Rasen. Der WM-Hit schien mit zwei Auftaktsiegen gefunden, die Verbindung zwischen Mannschaft und Publikum geknüpft.

Doch nach dem 1:2 in East Rutherford tanzten in der Riesenschüssel vor den Toren New Yorks nur die Ecuadorianer. Die ohnehin in Unterzahl vertretenen weißen Trikots waren schnell aus der Arena verschwunden, oben wie unten. Gelb beherrschte die Szenerie, oben wie unten. Wobei auf dem Feld ein vor Freude herumspringender Nationaltrainer Sebastian Beccacece seine wilde Mähne fliegen ließ – und im Zuschauerbereich die euphorisierten Südamerikaner ihr skandiertes Motto anpassten: von „si, podemos!“ zu „si, se pudo!“.

Vor dem Anpfiff riefen die Ecuadorianer leidenschaftlich: „Wir schaffen das!“, nach dem Abpfiff beseelt: „Wir haben es geschafft!“. Für den Außenseiter war der historische Sieg gegen Deutschland mit dem Weiterkommen in die Runde der letzten 32 Teams verbunden – und andersherum stellt sich nun die große Frage, was die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) bei diesem Turnier noch schaffen kann.

Verbunden ist die Antwort zunächst mit den vielen kleineren Fragen, die der Auftritt erneut aufgeworfen hat. Denn es offenbarten sich Schwächen in allen Mannschaftsteilen. Torwart, Abwehr, Mittelfeld, Angriff – überall haperte es. Für eine Begegnung, die sportlich keine Bedeutung hatte, da die Nationalelf bereits als Gruppensieger feststand, und die dafür genutzt werden sollte, sich für das anstehende erste K.-o.-Spiel weiteres Selbstvertrauen zu holen, sind das ziemlich viele Mängel gewesen. Zumal das DFB-Team mit der Führung durch Leroy Sané startete, als sei sie tatsächlich nicht zu stoppen.

Ein falscher Eindruck, wie sich kurz darauf herausstellte. „Wir müssen geduldiger bleiben“, nannte der Bundestrainer Julian Nagelsmann die Hauptlehre, die er aus der 1:2-Niederlage ziehen will. „Das war ein bisschen zu viel Freestyle.“

Nette Worte für eine fahrige Vorstellung, die das deutsche Spiel außer Kontrolle geraten ließ, weil die Protagonisten ihre Positionen regelmäßig zu früh aufgaben. Ausgelöst durch einen Fehlpass von Felix Nmecha, der Ecuador den raschen Ausgleich durch Nilson Angula ermöglichte (9.). Fortgesetzt durch eine Reihe von Ballverlusten, an denen Aleksandar Pavlovic ungewohnt oft seine Füße im Spiel hatte.

Die gewünschte Struktur ergab sich auf diese Weise nicht – und den nötigen Halt vermittelte die Doppelsechs ebenfalls nicht. Zu leicht durchliefen Ball und Gegner in Gelb die deutschen Zonen. Auch, weil Pavlovic der Körperlichkeit des Gegners wenig entgegenzusetzen hatte. Zum zweiten Mal hintereinander nach dem Spiel gegen die Elfenbeinküste (2:1). Gegen die Ivorer glich Nmecha das Defizit seines Partners noch energiegeladen aus, gegen die Ecuadorianer war der Dortmunder aber zudem schwach.

Dennoch hält Nagelsmann an der Besetzung im defensiven Mittelfeld fest. Pavlovic und Nmecha bilden seine neue Mitte. Trotz der frühen Einwechslung von Angelo Stiller vom VfB Stuttgart – und trotz der Möglichkeit einer Versetzung von Joshua Kimmich, den viele Experten als überragenden Mittelfeldspieler einstufen, der aber zurzeit als Rechtsverteidiger aufläuft, was wiederum Probleme macht. „Ich will auf Felix und Pavlo nicht verzichten. Ich finde, dass sie es gut machen“, legte sich der Bundestrainer fest.

Der Plan ist eben der Plan – und der beinhaltet, dass Kimmich auf der rechten Seite bleibt. Dort, wo er vor zwei Jahren bei der Heim-EM stark gespielt hat, wie Nagelsmann noch einmal ausführte. Und er agiere in Ballbesitz praktisch ohnehin im Mittelfeld. Somit entsteht allerdings jener rote Bereich, über den viele gegnerische Angriffe laufen, weil er durch Kimmichs Positionierung bei schnellem Umschalten nach Balleroberungen große Räume für sprintstarke Stürmer bietet.

Wenn man so will, ergibt sich aus dieser Kimmich-Lücke eine taktische Blaupause für das offensive Vorgehen gegen die DFB-Mannschaft. Mischt der Gegner etwas Härte in der Defensive dazu, lässt sich die Nationalelf zu einfach ihrer spielerischen Mittel berauben. Siehe Jamal Musiala. Der leichtfüßige Dribbler musste zwar wieder einiges an Attacken einstecken, aber er ließ auch Durchsetzungsvermögen vermissen. „Ich hatte das Gefühl, dass sie es mehr wollten als wir, die waren griffiger. Bei denen ging es noch um alles. Und ja, daraus müssen wir lernen“, sagte Deniz Undav vom VfB Stuttgart.

Ähnlich äußerte sich Kimmich – was einerseits durch den vorzeitigen Gruppensieg erklärbar ist. Andererseits stimmen die Aussagen des Superjokers und des Kapitäns jedoch bedenklich, weil das DFB-Team offenbar nur als Hundert-Prozent-Mannschaft funktioniert. Denn fehlt es nur einen Hauch an Leistungsbereitschaft, kann der deutsche Stimmungszug auf seiner USA-Tour schon bald ausgebremst werden. Egal, gegen welchen Gruppendritten es am Montag (22.30 Uhr) beim nächsten planmäßigen Halt in Boston gehen wird.

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Erstellt:
26. Juni 2026, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
27. Juni 2026, 00:00 Uhr

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