Forscher sind sich sicher
Klimawandel macht Juni-Hitzewelle erst so extrem
Die Intensität der Hitzewelle in Europa hängt laut Forschern „eindeutig“ mit dem Klimawandel zusammen. Vor 50 Jahren wäre dies „praktisch unmöglich“ gewesen.
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Die Welt steht bereits in Flammen. Die Frage ist nur noch, ob sich die Brände löschen lassen oder es bereits zu spät ist?
Von Markus Brauer/AFP/dpa
Die Intensität der derzeitigen Hitzewelle in Europa hängt nach Einschätzung einer Wissenschaftlergruppe mit dem Klimawandel zusammen. „Der Klimawandel ist eindeutig dafür verantwortlich“, heißt es in einer am Freitag (26. Juni) veröffentlichten Studie der internationalen Forschungsgruppe World Weather Attribution (WWA).
Vor 50 Jahren „praktisch unmöglich“
Die natürliche Wärmephase durch das Wetterphänomen El Niño spiele hingegen „keine Rolle bei der Steigerung der Hitze“. Die derzeitigen extrem hohen Temperaturen am Tag und in der Nacht wären den Forschern zufolge zu diesem Zeitpunkt im Jahr vor 50 Jahren „praktisch unmöglich“ gewesen.
Die Wissenschaftler verglichen die aktuelle Lage unter anderem mit der ebenfalls außergewöhnlichen Hitzewelle von 1976. Eine vergleichbare Hitzewelle wäre vor einem halben Jahrhundert im Juni tagsüber um 3,5 Grad und nachts um 2,4 Grad weniger heiß gewesen, berechneten sie.
„Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass sich in diesen 50 Jahren, in denen sich der Planet um 1,1 Grad erwärmt hat, die Wahrscheinlichkeit einer Hitzewelle wie dieser enorm verändert hat“, erklärt Studienautor Theodore Keeping vom Imperial College London. „Dieses Ereignis wäre im Juni ohne Klimawandel nicht möglich gewesen.“ Besonders gefährlich für Menschen sei die Kombination aus hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit.
Ungewöhnlich hohe Temperaturen
Westeuropa ist seit mehr als einer Woche von einer extremen Hitzewelle betroffen. Ursache ist eine große Warmluftmasse aus Afrika, die durch hohen Luftdruck in der Höhe über Westeuropa gehalten wird.
„Das Wettermuster selbst ist nicht besonders ungewöhnlich, aber die Temperaturen sind es – oder waren es zumindest vor dem vom Menschen verursachten Klimawandel“, erläutert die deutsche Forscherin und WWA-Mitbegründerin Friederike Otto vom Imperial College London.
Für ihre Analyse verglichen die Wissenschaftler Wetterbeobachtungen und Prognosen für die kommenden Tage mit Daten aus den Jahren 2003 und 1976. Demnach wären auch im Juni 2003, als eine schwere Hitzewelle in Europa zehntausende Menschenleben forderte, vergleichbare Temperaturen etwa zwei Grad kühler gewesen.
Heiße Nächte seien heute etwa hundertmal wahrscheinlicher als damals, Hitzespitzen am Tag etwa zehnmal wahrscheinlicher. Die Forscher verwiesen in ihrer Studie auch auf den im Jahresverlauf außergewöhnlich frühen Zeitpunkt der Hitzewelle.
Europa der sich am schnellsten erwärmende Kontinent
Wie es in der Studie weiter heißt, seien in fast 45 Prozent von 854 untersuchten europäischen Städten Rekorde beim Hitzestress bereits gebrochen worden oder könnten in den kommenden Tagen fallen.
Europa ist der sich am schnellsten erwärmende Kontinent. Wissenschaftler rechnen damit, dass Hitzewellen infolge des Klimawandels künftig häufiger auch außerhalb des Hochsommers auftreten. Bereits im Mai hatte es in Mittel- und Westeuropa eine frühe Hitzewelle gegeben.
Klimawandel macht Hitzewellen extremer
Der menschengemachte Klimawandel verschärft nach Erkenntnissen anderer Klimaforscher die derzeitige Hitzewelle in Frankreich, Deutschland und weiteren Teilen Westeuropas Fachleuten zufolge deutlich. „Das Wettermuster hinter dieser Hitzewelle ist nicht außergewöhnlich“, erklärt Davide Faranda von dem Projekt Climameter.
„Was außergewöhnlich ist, ist, dass der Klimawandel den Temperaturen in Teilen Westeuropas bis zu 4 Grad Celsius hinzugefügt hat.“ Man nähere sich den Grenzen dessen, woran sich Gesellschaften und Ökosysteme anpassen könnten.
2. Juni 2026: 2 bis 4 Grad wärmer als vor 70 Jahren
Für ihre Analyse haben sich die Wissenschaftler Zirkulationsmuster am 22. Juni 2026 angeschaut. Temperaturen seien etwa 2 bis 4 Grad Celsius wärmer, als sie bei ähnlichen meteorologischen Bedingungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen wären. Dass ähnliche Wettermuster heute höhere Temperaturen hervorbrächten, liege an Treibhausgasemissionen.
Die Fachleute listen in ihrer Untersuchung die berechneten Temperaturunterschiede für mehrere Städte in Europa und auch in Deutschland auf:
- Saragossa (Spanien): 4 Grad Celsius heißer
- Mailand (Italien): 3,8 Grad Celsius heißer
- Paris (Frankreich): 2,4 Grad, als es unter ähnlichen Bedingungen noch vor mehreren Jahrzehnten gewesen wäre
- München: Klimawandel treibt die Hitzewelle mit 2,3 Grad Celsius mehr an
- Frankfurt am Main: Unterschied liegt bei etwa 1,7 Grad Celsius
- Köln: 1,6 Grad Celsius heißer
- Berlin: 1,2 Grad Celsius heißer
Die Experten betonen, dass es bereits mehrfach in der Vergangenheit ähnliche Zirkulationsmuster gegeben habe. Nun aber führten sie zu deutlich höheren Temperaturen. Auch verweisen sie darauf, dass Extrem-Hitzeereignisse in Westeuropa bereits deutlich stärker zugenommen haben, als Klimamodelle dies angenommen hatten.
