Nopper sieht Ruf der Stadt in Gefahr

Nach der erneuten Verzögerung bei Stuttgart 21 ist der Ärger groß. Der Stuttgart Oberbürgermeister findet deutliche Worte. Nur entlang der Gäubahn zwischen Bodensee und Stuttgart reibt sich mancher die Hände.

Die Gäubahn auf der Panoramastrecke in Stuttgart

© Bernd Weißbrod/dpa

Die Gäubahn auf der Panoramastrecke in Stuttgart

Von Annika Grah und Michael Bosch

Stuttgart - Freuen will sich in der Landespolitik niemand so richtig. Und doch beinhaltet die erneute Verschiebung des S21-Starts einen positiven Aspekt: „Wir hoffen, dass sich das Zeitfenster für die Kappung der Gäubahn verringert“, sagte Guido Wolf, CDU-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Interessenverbandes Gäu-Neckar-Bodensee-Bahn unserer Redaktion.

Am Montag war bekannt geworden, dass die Eröffnung des Durchgangsbahnhofs nun wohl auf Ende 2031 verschoben werden muss. Weil auch der Pfaffensteigtunnel wohl erst später fertig gestellt wird, könnte sich die Phase, in der Zugfahrer aus dem Süden in Stuttgart-Vaihingen in die S-Bahn umsteigen müssen, um zum Hauptbahnhof zu gelangen, um Jahre verkürzen. Die Bahn selbst äußert sich dazu bislang nicht.

Bei manchen Gäubahn-Anhängern entlang der Strecke vom Bodensee nach Stuttgart sorgt die Ankündigung dennoch für Erleichterung. „Die geplante Kappung der Gäubahn in Stuttgart-Vaihingen rückt damit erneut in weitere Ferne“, sagte Andreas Frankenhauser vom Pro Gäubahn-Landesbündnis. „Die Menschen entlang der Strecke behalten ihre direkte Anbindung an den Stuttgarter Hauptbahnhof nun mindestens bis 2031.“ Nach Einschätzung von Wolf könnte sogar ein gänzlicher Verzicht auf eine längere Unterbrechung in Frage kommen. Trotzdem sieht der Ex-Justizminister keinen Grund zum Jubeln: „Erstmal ist das eine schlechte Nachricht, weil das viel Vertrauen zerstört.“ Ähnlich sieht das Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne): „Ich freue mich für die Menschen aus dem Südwesten“, sagte er am Dienstag. Aber die Auswirkungen seien natürlich für die Region und die Stadt Stuttgart desaströs. Das Projekt drohe zur „Lachplatte“ zu werden, sagte er. „Ich will nicht, was wir in einem Atemzug mit BER genannt werden. Da sind wir gerade dabei.“

Özdemir selbst hat nach eigenen Angaben noch keine Informationen von Bahnchefin Evelyn Palla erhalten. „Ich möchte von der Bahn belastbare Zahlen, wann wird was fertiggestellt“, sagte er. „Wann kommen die Leute über das Bahnhofsgebäude an die Gleise? Wann ist der Bahnhof am Flughafen fertig? Wann ist Stuttgart 21 fertig?“ Auch Verkehrsministerin Nicole Razavi (CDU) – im Gegensatz zu Özdemir eine S21-Befürworterin – will Druck auf die Bahn machen. „Weitere zeitliche Verzögerungen oder Abstriche bei der Qualität des Projekts darf es nicht geben“ sagte sie.

Özdemir will Antworten von Bahn-Chefin Palla

Manche Gäubahn-Anrainer sind zudem skeptisch, ob sie sich auf die neuen Zahlen verlassen können. „Die Deutsche Bahn bleibt aus Sicht der Gäubahn-Anlieger aufgefordert, schnellstmöglich Transparenz herzustellen und das Projekt mit höchster Priorität umzusetzen“, sagte Wolf. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel wies darauf hin, dass die Bahn sich noch gar nicht offiziell zu einer Verschiebung der Kappung geäußert habe. Er fürchtet, dass vor allem Pendler im Großraum Stuttgart die erneute Verzögerung zu spüren bekommen. Sie litten seit Jahren unter den Baumaßnahmen und den vielen Störungen an der Infrastruktur. Das sei nur noch Flickschusterei.

Im Stuttgarter Rathaus befürchtet man derweil, dass die erneute Verschiebung auf die gesamte Stadt anfärben könnte. Auch der Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) meldet sich in Anbetracht des Debakels zu Wort. Nopper bemängelt die Planung und richtete deutliche Worte in Richtung der Deutschen Bahn - insbesondere an die neue Chefin Evelyn Palla. Der tatsächliche Stand des Projekts müsse offengelegt werden, außerdem müssten die Belastung für die Bürger verringert werden, fordert der OB.

„Wenn die Spekulationen zutreffen, dann ist dies eine Hiobsbotschaft für Stuttgart und für das Projekt Stuttgart 21“, teilt der Rathaus-Chef in einer Pressemitteilung mit. „Die Idee von Stuttgart 21 bleibt großartig – die Ausführung entwickelt sich offenbar zu einem Fiasko. Ich habe bei der vorletzten Sitzung des Lenkungskreises Stuttgart 21 gegenüber der Deutschen Bahn gesagt, im Falle weiterer Verzögerungen nicht nur ungeduldig zu werden, sondern auch ungemütlich. Dies werde ich jetzt auch. Frau Palla muss Tabula rasa machen. Sie muss mit schonungsloser Offenheit darstellen: Was ist falsch gelaufen? Warum ist es falsch gelaufen? Was ist wann und wie tatsächlich möglich in Sachen der Inbetriebnahme von Stuttgart 21? Gibt es Beschleunigungspotenziale?“

Viele zweifelten nun an der Umsetzung von Großprojekten in Deutschland, so Nopper. „Die Deutsche Bahn muss nunmehr mit ganzer Kraft die Zweifler widerlegen und unter Beweis stellen, dass sie doch Großprojekte kann. Sie muss alles dafür tun, dass der Name unserer Stadt nicht mit einem nicht enden wollenden Jahrhundertprojekt in Verbindung gebracht wird. Und sie muss ohne schuldhaftes Zögern dafür sorgen, dass die Beeinträchtigungen durch die Baustelle für die Menschen in Stadt und Region abgemildert werden und gerade auch die Wegeführung am Hauptbahnhof schnellstmöglich verbessert wird.“ Er habe den Eindruck, dass die Bahn-Chefin Evelyn Palla mit der notwendigen Transparenz und Entschlossenheit ans Werk gehen wird.

Zum Artikel

Erstellt:
10. Juni 2026, 22:07 Uhr
Aktualisiert:
10. Juni 2026, 23:58 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen