Nur fachfremde Kräfte

Joshua Kimmich ist bei der WM als Rechtsverteidiger vorgesehen. Doch wer spielt, wenn der Kapitän einmal ausfallen sollte? Dafür gibt es auch Varianten mit VfB-Faktor.

Von Carlos Ubina

Herzogenaurach - Diese Zahlen können Joshua Kimmich nicht gefallen. Natürlich nicht. Zwei Fußball-Weltmeisterschaften hat er bislang bestritten und dabei nur sechs Spiele absolviert. Für einen wie ihn ist das zu wenig – mit seinem Ehrgeiz, seinem Titelhunger und seiner Klasse. Aber es kommt noch schlimmer. Drei Niederlagen stehen in Kimmichs persönlicher WM-Bilanz, zwei Siege und ein Unentschieden. Weder in Russland 2018 noch in Katar 2022 überstand die deutsche Nationalmannschaft die Vorrunde. Das hängt dem 31-Jährigen nach. Auch, wenn er gelernt hat, die Enttäuschungen einzuordnen und mit ihnen umzugehen.

Doch diesmal soll in Nordamerika alles anders werden. Kimmichs Antrieb ist ungebrochen und er will die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) als Kapitän bei der WM weit führen. „Es bringt aber nichts schon über den Titel nachzudenken. Das ist ein Traum. Wir definieren einen Turniererfolg auch über die Art und Weise, wie wir auftreten“, sagt Kimmich. Wie bei der Heim-EM 2024, als nach dem Viertelfinal-Aus gegen Spanien ein positives Gefühl blieb.

Die Erfahrung von fünf Turnierteilnahmen hat Kimmich außerdem gelehrt, gelassener zu sein – auch auf dem Rasen. Fragen zu seiner Versetzung nach rechts hinten muss er in Herzogenaurach, wo sich das DFB-Team auf die WM vorbereitet, nicht mehr parieren. Obwohl jeder weiß, dass der Münchner am liebsten im Mittelfeld spielt. Im Zentrum des Geschehens wie beim FC Bayern. Er ist der Anker im Spiel des Rekordmeisters. Er gibt Halt und Struktur. So könnte es mit seinem Clubpartner Aleksandar Pavlovic auch in der Nationalmannschaft laufen.

Doch der Bundestrainer Julian Nagelsmann hat sich entschieden, Kimmich wieder auf die rechte Abwehrseite zu stellen. Denn da herrscht ein Mangel an Qualität – und der Musterprofi agiert auf dem Außenstreifen ebenso Weltklasse wie im Zentrum. Allerdings füllt er die Position nicht klassisch aus, sondern sie ist auf ihn zugeschnitten.

Ungewohnt ist das Ganze ohnehin nicht. Bei der EM 2016 hat Kimmich seine Turnierkarriere als Rechtsverteidiger unter Joachim Löw begonnen. Von seinen 108 Länderspielen hat er 42 auf dem Außenposten bestritten, 24 Einsätze davon mit Nagelsmann in der Coachingzone. Beim Amerika-Abenteuer könnte sich nun ein Kreis schließen.

Doch vor dem Test-Länderspiel an diesem Sonntag (20.45 Uhr/ZDF) in Mainz gegen Finnland wird die große Reise von der Frage begleitet, was geschieht eigentlich, wenn der dauerbelastete Joshua Kimmich ausfallen oder in der Hitze der Mammutveranstaltung eine Pause benötigen sollte? Denn der Bundestrainer hat in seinem 26-köpfigen Kader keinen Spezialisten als Ersatz berufen. Bewusst. „Wir wollten dafür auf einer Offensivposition noch einen Spieler mit einem anderen Profil mitnehmen“, so Nagelsmann.

Für Plan B auf der rechten Abwehrseite der Viererkette bedeutet dies höchste Flexibilität. „Wir haben schon ein paar Ideen, wie wir da spielen können“, sagt der Bundestrainer „die Entscheidung, wer es schließlich macht, hängt von der Situation ab.“ Gruppenphase oder K.-o.-Runde, Führung oder Rückstand, defensive oder offensive Option.

Nagelsmann hat viele Szenarien mit den fachfremden Kräften durchdacht und im Training Waldemar Anton nach außen beordert. Das weckt zwei Erinnerungen. Die gute: Während der WM 2014 setzte Löw anfangs auf eine Ochsenabwehr mit vier Innenverteidigern. Erst mit der Rochade, Philipp Lahm aus dem Mittelfeld wieder zurückzuversetzen, löste er das Ganze auf und triumphierte. Die weniger gute: Unter dem Ex-Trainer Bruno Labbadia hat Anton beim VfB Stuttgart die Position schon einmal besetzt und aus einem starken Innenverteidiger wurde ein schwächelnder Außenverteidiger.

Als weitere Kandidaten gelten Malick Thiaw (Newcastle United) und Pascal Groß (Brighton & Hove Albion), die in ihren Vereinen beide schon als Rechtsverteidiger ausgeholfen haben – mit mehr oder weniger Dynamik. Und Jamie Lewling kommt ebenfalls ins Spiel. Dem VfB-Flügelstürmer hat der Bundestrainer bei der Kaderbekanntgabe „eine große Positionsvariabilität“ bescheinigt. Bei seinen Ausführungen hat Nagelsmann noch erwähnt, dass Leweling „auch mal rechts hinten spielen könnte“. Zudem kann der Stuttgarter bei der Umstellung auf eine Dreierkette auf der Schiene sprinten.

Ideal erscheint das alles nicht, aber das liegt in der Natur von Ersatzplänen. Und Kimmich stellt immerhin einen Fixpunkt in der DFB-Mannschaft dar. „Ich kann aber so viel verraten“, sagt Nagelsmann zu seinen Gedankenspielen rechts hinten, „sollte Joshua mal was passieren, was wir nicht hoffen, bricht hier nicht alles zusammen.“

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Erstellt:
29. Mai 2026, 22:08 Uhr
Aktualisiert:
29. Mai 2026, 23:58 Uhr

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