Neu im Kino: „Staatsschutz“
Rächerin gegen Justizia
Sind Gerichte auf dem rechten Auge blind? Ja, erzählt Faraz Shariat in seinem (Selbst-)Justizthriller „Staatsschutz". Shariats Polemik entfaltet eine große Wucht, birgt aber auch eine Gefahr.
© Plaion Pictures/epd
Der Film „Staatsschutz“ kommt in die Kinos: Chen Emilie Yan als Seyo Kim
Von Kathrin Horster
In Momenten der Ohnmacht möchte man alles kurz und klein schlagen angesichts der Ungeheuerlichkeiten in der Welt. Das Gewaltmonopol liegt jedoch beim Staat, akute Notwehr oder Nothilfe sind einzige Ausnahmen. Was aber, wenn der Staat blind ist für bestimmte Formen von Gewalt, wenn einige seiner behördlichen Vertreter manche Verbrechen weniger scharf verfolgen, um eigene Verstrickungen zu vertuschen? Solche Fälle sind etwa im Zusammenhang mit dem Terror des „Nationalsozialistischen Untergrundes“, kurz NSU, diskutiert worden, der zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen ermorden, drei Sprengstoffanschläge und fünfzehn Raubüberfälle verüben konnte, mit einem geschätzten Unterstützerkreis von bis zu 200 Personen, darunter mutmaßlich V-Leute des Verfassungsschutzes.
Trotz dieses realen Skandals schockiert das fiktive Szenario einer rechtsradikalen Unterwanderung staatlicher Behörden, wie es der deutsche Filmemacher Faraz Shariat in seinem (Selbst-)Justizthriller „Staatsschutz“ zeichnet. Im Zentrum von Shariats Erzählung steht Seyo Kim (Chen Emilie Yan), eine junge Staatsanwältin auf Probe, mit vietnamesischem Familienhintergrund und queerer Orientierung. Im Rahmen ihrer Arbeit kommt Seyo schnell mit Rechtsradikalen in Konflikt. Als sie im Zuge eines Prozesses gegen einen Neonazi selbst Opfer eines Brandanschlags wird, ermittelt sie auf eigene Faust, erregt damit aber das Misstrauen des Oberstaatsanwaltes Forch (Arnd Klawitter), der Seyo für befangen hält. Mit Hilfe ihrer Anwältin Alexandra Tiedemann (Julia Jentsch) und der Sekretärin Ayten Alican (Alev Irmak) gelingt es Seyo dennoch, ein rechtsradikales Netzwerk aufzudecken, dessen Verzweigungen bis in die Bundesstaatsanwaltschaft reichen.
- „Staatsschutz“: Deutschland 2026. Regie: Faraz Shariat.
- Mit: Chen Emilie Yan, Julia Jentsch. 113 Minuten. Ab 12 Jahren.
Selbstjustizfantasien sind Legion im Kino; oft mit eher konservativer Grundierung, wie etwa Don Siegels Genreklassiker „Dirty Harry“ (1971) über einen Polizisten, der geltende Gesetze missachtet, um einen Serienkiller zu fassen. Zuletzt hat das mit rassistischen Motiven gespickte Rachedrama „Citizen Vigilante“ des deutschen Trashfilmers Uwe Boll hohe Wellen geschlagen, weil Boll behauptete, sein Film über einen straffällige Migranten mordenden Ex-Soldaten sei Opfer politisch motivierter Zensoren bei der FSK.
Anders als Siegel oder Boll begegnet Faraz Shariat dem Thema Rache und Selbstjustiz aus links-aktivistischer Perspektive und beschreibt die Ohnmacht angesichts eines Systems, das eher rechtsradikal organisierte Täter schützt, als Ermittlungspannen oder radikale Gesinnungen seiner Repräsentanten aufzuklären.
Shariats Stil ist teilweise polemisch, darin liegt die Wucht des Films, aber auch eine Gefahr. Seine Protagonistin Seyo legt Shariat als psychologisch facettierte Figur an, deren Entsetzen, Angst und unbändige Wut im Spiel von Chen Emilie Yan empathisch nachvollziehbar wird. Seyo verschanzt sich in ihrer Wohnung in einem brutalistischen Hochhauskomplex und beklebt deren bodentiefe Fenster mit brisantem Aktenmaterial, bis kein Lichtstrahl mehr zu ihr durchdringt. Kontakte zu einer freundlich gesinnten Außenwelt lässt sie nur noch in Form von Telefonaten mit ihrem Vater und in Gestalt ihrer Partnerin Min-Su (Kotbong Yang) zu. Im Kontrast zu Seyos Privatsphäre beschreibt Faraz Shariat deren Berufsalltag in den Archiven, Fluren und Büros der Behörde als Gang durch eine labyrinthisch verschachtelte Institution, bevölkert von wenigen, teils ängstlichen Unterstützerinnen und holzschnittartig unsympathischen Feinden wie dem Oberstaatsanwalt Forch oder der Täteranwältin Franziska Haas (Kathrin Angerer).
Eine besonders beklemmende Szene zeigt Seyo in der Gewalt von Polizisten, die Seyo wegen eines vermeintlichen Verkehrsdelikts verhaften. Seyo wird von den Beamten verprügelt, in einer Zelle isoliert und mit ohrenzerfetzendem Heavy Metal traktiert; angesichts dieser Bilder drängen sich Erinnerungen an die Folterpraxis im US-Gefangenenlager Abu Ghraib auf, auch an den Fall des Flüchtlings Oury Jalloh, der 2005 im Polizeigewahrsam auf einer Dessauer Wache verbrannte. Abseits solcher Realitätsbezüge überhöht Shariat Seyo fast wie einem Superhelden-Comic entsprungen zur grimmigen Rächerin im schwarzen Sportflitzer, während er Angehörige deutscher Strafverfolgungs- und Ermittlungsbehörden einseitig als mindestens angebräunte, teils stramm rechte Demokratiefeinde porträtiert.
Über die Fehlbarkeit staatlicher Institutionen muss man sprechen; Faraz Shariat legt nahe, sämtliche Gerechtigkeitsdiskurse seien längst am Ende. Es liegt am Publikum, dagegen Einspruch zu erheben.
© Lotta Kilian/epd
Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan, Foto) wird Opfer eines rassistischen Anschlags.
