Schottische Fans trinken den Palast der Republik leer

Nach dem Sieg von Celtic Glasgow feiern Schotten im Palast der Republik. Für den Wirt, der Ausnahmezustände kennt, ist das ein Tag der Rekorde.

Von Uwe Bogen

Stuttgart - Die Zapfanlage läuft auf Hochtouren, die Schlange reißt nicht ab – und um 21.30 Uhr ist Schluss: Alle Fässer sind leer! Nachschub kann so kurzfristig nicht mehr geordert werden. Am Donnerstagabend haben Fans von Celtic Glasgow nach dem 1:0-Sieg im Rückspiel gegen den VfB Stuttgart den Palast der Republik leer getrunken. Der VfB kommt sportlich zwar weiter, doch Grund zu feiern haben vor allem die Gäste aus Schottland. „So voll ist es sonst nur bei unserem Lehrertag“, sagt Palast-Wirt Stefan Schneider. Gemeint ist der legendäre letzte Schultag vor den Sommerferien, wenn Lehrerinnen und Lehrer aus ganz Baden-Württemberg in die Innenstadt strömen. Doch selbst dieser Ausnahmezustand wurde nun übertroffen.

Von der öffentlichen Bedürfnisanstalt zum Hot-Spot schöner Nächte

Die denkmalgeschützte Mini-Bar an der Lautenschlagerstraße wurde 1926 als öffentliche Bedürfnisanstalt gebaut. Heute gehört sie unter dem schrägen Namen Palast der Republik zu den kuriosesten und beliebtesten Treffpunkten des Stuttgarter Nachtlebens. Seit 1992 führt Stefan Schneider die Bar, die drei Jahre zuvor eröffnet wurde und deren Vermieter die Stadt ist.

Der halbe Liter kostet 4,80 Euro – damit ist der Preis günstiger als in anderen Locations der Nachbarschaft. Schon am Mittwoch, dem ersten schönen Tag dieses Winters, brummte das Geschäft. Dabei beginnt die offizielle Freiluftsaison mit voller Bestuhlung erst am 1. März.

Am Donnerstag aber gibt es kaum ein Durchkommen mehr. Auf der Fahrradstraße steigen Radfahrer ab und schieben ihre Räder durch die Menge. Alles bleibt friedlich. Das Warten aufs Bier stört die schottischen Fans wohl nicht. Kaum haben sie ein Glas ergattert, stellen sich viele direkt wieder hinten an. In der Schlange komme man wunderbar ins Gespräch, hört man. Einige haben Zeitungsartikel aus Glasgow dabei: Während der Fußball-Europameisterschaft 2024 hatten schottische Medien den Palast als beste Location Stuttgarts gelobt. Das wollten viele nun selbst erleben.

„Die Schotten sind lustig und total friedlich“, lobt Wirt Schneider. Und offenbar sind sie auch äußerst trinkfest. Zwischen grünen Celtic-Shirts stehen internationale Geschäftsleute im Anzug mit Einstecktuch aus dem Maritim Hotel, denen dieser ungewöhnliche Hot-Spot empfohlen worden ist. Man sieht aber auch Studierende und Nachtschwärmer in allen Ausprägungen. Der Palast bleibt, was er seit Jahrzehnten ist: ein Ort, an dem sich alles mischt. Laut Schneider kommt dieser Szene-Treff nie im Polizeibericht wegen Konflikte oder Schlägereien vor. Dies habe ihm OB Frank Nopper bestätigt.  

Wahlkampf-Zeit: Manuel Hagel will beim Palast-Ausschank mitarbeiten

Der Kesselwirt, der nach dem Umbau im früheren Lautschlager nächsten Donnerstag eröffnen will, dürfte sich geärgert haben, dass er noch nicht am Start ist am Celtic-Tag. Für kommende Woche – es ist Wahlkampf-Zeit, in dem es nicht nur um rehbraune Augen gehen soll, sondern auch um helles Bier – hat sich übrigens der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel im Palast angekündigt, um an der Zapfanlage und am Ausschank mitzuarbeiten. Ob auch Cem Özdemir von Grünen vorbeischaut, ist offen – gemeldet habe er sich bisher nicht, sagt Stefan Schneider.

Bereits zur EM hatten Fans für ähnliche Szenen gesorgt. Damals tranken dänische Anhänger den Biergarten von Sonja Merz im Schlossgarten leer. Diesmal ist sie für die Schotten vorbereitet. Die Fässer reichen. Angesichts des schönen Wetters lässt die Wirtin den Biergarten weiterhin auf – vor dem eigentlichen geplanten Saisonbeginn.

Der Palast jedoch kapituliert am Donnerstag gegen 21.30 Uhr vor dem Ansturm. Ein Problem? Keineswegs. Wirt Schneider freut sich über einen Abend der guten Stimmung – und über einen weiteren Eintrag in der langen Geschichte dieser kleinen, aber ganz besonderen Location, die ein echtes Alleinstellungsmerkmal in Stuttgart ist.

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Erstellt:
27. Februar 2026, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
27. Februar 2026, 23:57 Uhr

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