Historisch niedriger Wasserstand

Steht der Ostsee ein großer Salzwassereinbruch aus der Nordsee bevor?

Der Ostsee könnte ein großer Salzwassereinbruch aus der Nordsee bevorstehen. Denn die Pegel der Ostsee stehen so niedrig wie noch nie seit Bginn der Messungen.

Der Ostsee könnte ein großer Wassereinbruch aus der Nordsee bevorstehen.

© © European Space Agency (ESA)/Copernicus Sentinel/ CC-by-sa 3.0 IGO

Der Ostsee könnte ein großer Wassereinbruch aus der Nordsee bevorstehen.

Von Markus Brauer

Seit Anfang Januar 2026 hat eine außergewöhnlich langanhaltende Ostwindlage den mittleren Wasserstand der Ostsee auf einen historischen Tiefstand sinken lassen. Messungen am schwedischen Pegel Landsort-Norra zeigen Werte, die so niedrig sind wie nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1886.

Möglicher großer Salzwassereinstrom aus der Nordsee

Forscher des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) verfolgen diese Entwicklung derzeit sehr genau, da sie eine seltene ozeanographische Ausgangssituation für einen möglichen großen Salzwassereinstrom aus der Nordsee in die Ostsee darstellt. Ein solcher Einstrom könnte die physikalischen und chemischen Bedingungen in den tiefen Becken der zentralen Ostsee deutlich verändern.

Die seit Anfang Januar über weite Teile der Ostsee vorherrschenden, oft starken Ostwinde haben dazu geführt, dass große Wassermengen aus dem Binnenmeer durch die Meerengen der Beltsee zwischen Deutschland, Dänemark und Schweden in Richtung Nordsee hinausgedrückt wurden. In Folge ist der mittlere Wasserstand der Ostsee deutlich abgesunken.

Am Pegel Landsort-Norra vor der schwedischen Küste wurde am 5. Februar ein Tagesmittelwert von mehr als 67 Zentimetern unter dem langjährigen mittleren Wasserstand gemessen. Damit wurde der niedrigste Wert registriert, der seit Beginn der kontinuierlichen Pegelbeobachtungen im Jahr 1886 dokumentiert ist.

Ähnliche Lage zuletzt 1980

Nach aktuellen Berechnungen von IOW-Forscher fehlen der Ostsee dadurch zurzeit rund 275 Kubikkilometer Wasser im Vergleich zum langjährigen Mittel. In der über 140-jährigen Messreihe wurden nur in fünf weiteren Jahren ähnlich niedrige Wasserstände mit Abweichungen von mehr als 60 Zentimetern unter Normalnull gemessen.

Das letzte vergleichbare Ereignis liegt mehr als vier Jahrzehnte zurück und datiert auf den März 1980. Die Pegelmessungen auf der Insel Landsort werden kontinuierlich durch das Schwedische Meteorologische und Hydrologische Institut (SMHI) durchgeführt und veröffentlicht.

Voraussetzungen für Salzwassereinströme aus der Nordsee

Bereits Ostsee-Füllstände von 20 Zentimeter unter dem mittleren Meeresspiegel (MSL) gelten in der Ozeanographie als eine gute Voraussetzung für das Auftreten großer Salzwassereinbrüche aus der Nordsee in die Ostsee. Mit dem aktuellen Extremwert von minus 65 Zentimetern MSL bestehen daher außergewöhnlich gute Startbedingungen für ein derartiges Großereignis.

Der Blick der IOW-Forscher richtet sich derzeit jedoch nicht nur auf die momentanen Pegelstände, sondern auch auf die weitere meteorologische Entwicklung in den kommenden Tagen und Wochen.

Denn damit es zu einem überdurchschnittlich großen Einstrom von Nordseewasser in die Ostsee kommen kann, muss die derzeitige Ostwindlage enden und durch anhaltende Westwinde abgelöst werden, die dann salz- und sauerstoffreiches Nordseewasser in die Ostsee hineindrücken.

Dies ist insbesondere für die tiefen zentralen Becken der Ostsee von großer ökologischer Bedeutung, da dort oft über Jahre oder Jahrzehnte Sauerstoffmangel in den tiefen Wasserschichten herrscht.

„Wahrscheinlichkeit aktuell bei 80 bis 90 Prozent“

„Die Chancen für einen größeren Einstrom in den kommenden Wochen sind so hoch wie schon lange nicht mehr“, erklärt Michael Naumann, einer der Koordinatoren des IOW-Langzeitbeobachtungsprogramms. „Nach den hier bei uns am IOW berechneten Zeitreihen zu Salzwassereinstrom-Ereignissen in die Ostsee liegt die Wahrscheinlichkeit aktuell bei 80 bis 90 Prozent“, so Naumann.

Kalter Wintereinstrom wichtig für Tiefenwasser

Eine Besonderheit eines möglichen großen Einstromereignisses im späten Winter liegt in den niedrigen Temperaturen des einströmenden Nordseewassers. „Wenn der Einstrom jetzt kommt, hätte dies gleich zwei Effekte, die für die tiefen Ostseebecken von Bedeutung sind“, konstatiert Volker Mohrholz, stellvertretender Leiter der IOW-Abteilung Physikalische Ozeanographie, hervor.

„Kaltes Wasser kann deutlich mehr Sauerstoff aufnehmen als warmes und würde damit – bezogen auf sein Volumen – überdurchschnittlich viel Sauerstoff in die tiefen Becken transportieren. Außerdem könnte ein Einstrom ausreichender Intensität die seit rund zwei Jahrzehnten anhaltend erhöhten Tiefenwassertemperaturen in den zentralen Ostseebecken beenden“, erläutert Mohrholz.

Verstärkte mikrobielle Aktivität

Gegenwärtig führen die erhöhten Temperaturen zu einer verstärkten mikrobiellen Aktivität in diesen Tiefenbereichen. Das beschleunigt den Abbau organischer Substanz, etwa abgestorbene, herabgesunkene Algenblüten, und geht mit einer erhöhten Sauerstoffzehrung einher.

Unter anderem macht mangelnder oder komplett aufgezehrter Sauerstoff tiefe Wasserschichten für Fische und andere höhere Lebewesen unbewohnbar und kann auch zur Freisetzung von Nährstoffen aus dem Sediment und damit zu einer internen Nährstoffbelastung der Ostsee führen.

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Erstellt:
9. Februar 2026, 13:50 Uhr

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