Verdruckste Argumentation
Die Debatte über größere Leistungsorientierung der Bundesjugendspiele führt ins Aus.
Von Eidos Import
Kennen Sie den Unterschied zwischen Wettkampf und Wettbewerb? Nein? Jedenfalls nicht so richtig trennscharf? Das liegt vielleicht daran, dass die Wörter nahezu das Gleiche bedeuten, selbst der Duden führt sie als Synonyme. In beiden Begriffen geht es um Gegnerschaft, Konkurrenz, um ein Sich-Messen. Kämpfen klingt härter als bewerben, aber im Grunde geht es um dasselbe, ums Gewinnen und Verlieren.
Umso verwirrender ist die Debatte, die aktuell Ministerien, Medien und Schulen beschäftigt. Die Bundesjugendspiele sollen wieder leistungsorientierter werden – jedenfalls ein bisschen. Vielleicht. Also, wenn die Schulen das möchten. Künftig soll, so hat es beispielsweise die Bildungsministerkonferenz beschlossen, es wieder erlaubt sein, bei den Wettkämpfen von Dritt- und Viertklässlern in Leichtathletik und Schwimmen Zeiten und Weiten genau zu messen.
Baden-Württembergs neuer Kultusminister Andreas Jung (CDU) ließ durchblicken, er sei er kein Fan der Reform der Spiele vor einigen Jahren, künftig solle es wieder stärker um Leistung gehen. Eine Neukonzeption von 2027 an sei in Vorbereitung. Kommt die Rolle rückwärts? Leistung, Leistung, Leistung – die soften Jahre sind vorbei?
Das nun nicht. Jung kündigte an, es gebe zwar künftig landesweit einheitliche Standards für Urkunden, die dann im Format Gold, Silber, Bronze gestaltet werden sollen. Diese hießen bisher Ehren-, Sieger- und Teilnahmeurkunde. Zugleich sagte er: „Es gibt nur Gewinner.“ Das passt natürlich nicht zusammen.
Die ganze Vorsicht und Verdruckstheit, in der sich alle äußern, zeigt – und das ist erfreulich – dass hier niemand Kulturkämpfe anzetteln will. Denn genau das war die Debatte um die Reform der Bundesjugendspiele 2023/24: eine kulturkämpferische Stellvertreterdebatte um die Frage, wie unsere Gesellschaft mit Leistung umgeht.
Dabei hatten beide Seiten gute Argumente: Zu viele Kinder erleben die Bundesjugendspiele als Demütigung. Nicht jeder Mensch ist sportlich und allzu frühe Versagenserfahrungen können beschämend und demotivierend wirken. Andererseits müssen Kinder lernen, dass Leistung wichtig ist, es ohne Vergleich weniger Anreiz gibt, sich anzustrengen, und dass Siege und Niederlagen dazugehören.
Für Debatten wie diese sind die Bundesjugendspiele der falsche Schauplatz. Man kann Leistung anerkennen, ohne Kinder ausschließlich nach ihrer Platzierung zu beurteilen. Es ließen sich etwa Ergebnisse und individuelle Verbesserungen würdigen. Wenn ein Kind sich im Laufe eines Schuljahres durch Training und Anstrengung stark verbessert, wäre diese Leistung doch viel höher einzustufen als der Weitwurf eines Klassenkameraden, der von Natur aus begabt ist. So etwas ist aber aktuell nicht geplant.
Über die Debatte über die Leistungsrückmeldungen bei Bundesjugendspielen gerät die viel wichtigere Frage aus dem Blick, die da lautet: Wie aktiviert man bei möglichst vielen Kindern und Jugendlichen Freude an Bewegung? Das muss das Ziel sein. Denn immer mehr Kinder sind übergewichtig, bewegen sich zu wenig, verdaddeln ihre Freizeit am Handy.
Hier wäre die Politik gefragt. Nötig sind mehr und bessere Turnhallen, Sportanlagen und Schwimmbäder. Es braucht viel mehr und regelmäßigen Schulsport – oder jedenfalls Bewegungszeiten, gerade für Kinder, die ganztags in der Schule sind. Davon würde jeder Einzelne und die Gesellschaft insgesamt profitieren. Das aber wäre teuer. Ehren-, Sieger- und Teilnahmeurkunden in Gold, Silber und Bronze umzulackieren, kostet dagegen wenig. Es bewirkt aber auch wenig.
