Hilfe in seelischer Not
Wäre eine Psychotherapie sinnvoll und wenn ja welche?
Erholung bleibt aus, Ängste engen ein oder innere Leere ist zum Dauerzustand geworden? Schränken psychische Leiden den Alltag ein, sollte man sich Hilfe holen. Über Warnzeichen und erste Schritte.
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Von Markus Brauer/dpa
Verabredungen mit den liebsten Freundinnen wecken keinerlei Glücksgefühle mehr, sondern fühlen sich bloß egal an. Unterwegs in der Bahn klopft das Herz immer wieder wie wild, begleitet von Schweißausbrüchen und Angstgedanken.
Phase oder Psychotherapieplatz?
Wer das Gefühl hat, das die eigene Psyche aus der Balance geraten ist, fragt sich: Ist das nur eine Phase oder schon mehr, sodass ich mich um einen Psychotherapieplatz bemühen sollte?
Wie so oft gilt: Die eine Antwort, die für alle gilt, gibt es nicht. „Entscheidend sind die Art der Beschwerden, ihre Dauer und die Frage, wie stark sie den Alltag beeinflussen“, erklärt Jochen von Wahlert, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
Faustregel: Wenn die Beschwerden den Alltag einschränken und einen Leidensdruck mit sich bringen, gibt das Anlass, sich nach professioneller Hilfe umzuschauen.
Beispiel 1: Erschöpfung
Stressige Phasen, die einen auslaugen, kennt jeder. Doch wann droht die Lage in Richtung Burn-out zu kippen? Kritisch wird es, wenn Wochenende und Urlaub kaum noch Erholung bringen, nennt Jochen von Wahlert ein Alarmzeichen. Auch wenn man über Monate das Gefühl hat, die Tage einfach nur abzuarbeiten, sollte man das ernst nehmen und sich Unterstützung holen.
Dann kann eine Psychotherapie helfen, Verhaltensmustern hinter Stress und Erschöpfung auf die Spur zu kommen: „Warum fällt Neinsagen so schwer? Weshalb bleiben die eigenen Bedürfnisse ständig zurück?“, zählt der Facharzt von der Psychosomatischen Privatklinik Bad Grönenbach auf.
Beispiel 2: Traurigkeit
Traurigkeit ist eine Emotion, die zum Leben dazugehört. Eine Depression geht jedoch weit über bloße Traurigkeit hinaus: Gesellen sich regelmäßig innere Leere, fehlender Antrieb, starke Selbstzweifel, Grübelschleifen oder Schlafstörungen hinzu, kann das für eine Depression sprechen. Erste Orientierung kann auch ein Selbsttest der Deutschen Depressionshilfe bringen.
Beispiel 3: Ängste
Ängste schützen uns vor Gefahren: Bestimmen sie aber ganze Lebensbereiche, hat sich womöglich eine Angststörung entwickelt. Typisch dafür ist ein Vermeidungsverhalten. Betroffene sagen zum Beispiel Verabredungen ab oder meiden öffentliche Verkehrsmittel, um nicht mit ihren Ängsten konfrontiert zu werden. „Das was zunächst Sicherheit vermittelt, schränkt das Leben oft immer stärker ein“, beschreibt Jochen von Wahlert.
Wer an diesem Punkt ist, sucht sich am besten Hilfe. „Eine Psychotherapie hilft dabei, Schritt für Schritt neue Erfahrungen zu sammeln und verloren gegangene Freiräume zurückzugewinnen“, erläutert der Facharzt. Ziel ist es nicht, nie wieder Angst zu verspüren, sondern Strategien zu entwickeln, um mit ihr umzugehen.
Die ersten Schritte auf dem Weg zum Therapieplatz
Doch wie findet man einen Psychotherapieplatz? Vorab: eine Überweisung braucht es dafür nicht , aber Geduld. Mitunter muss man monatelang warten, bis es losgehen kann.
Erster Schritt ist, einen Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde auszumachen. Das kann man auf eigene Faust tun oder sich einen Termin über den Patientenservice der Kassenärztlichen Vereinigungen „116117.de“ vermitteln lassen.
Die Sprechstunde ist ein Gespräch mit einem Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin. Ziel ist, festzustellen, ob ein Verdacht auf eine psychische Erkrankung vorliegt und ob Hilfe notwendig ist, so das Bundesgesundheitsministerium. Am Ende bekommt man ein Formular ausgestellt, das sogenannte PTV 11.
Wird darauf eine Psychotherapie empfohlen, kann man sich damit auf die Suche nach einem Platz machen. Der Patientenservice bietet die Möglichkeit, online nach Psychotherapeutinnen und -therapeuten zu suchen, zu denen man dann Kontakt aufnehmen kann.
Ist auf dem Formular vermerkt, dass eine ambulante Psychotherapie „zeitnah erforderlich“ ist, kann man den Patientenservice nutzen, um sich einen Termin bei einem Therapeuten oder einer Therapeutin vermitteln zu lassen.
Welche Verfahren sind zugelassen?
Welches anerkannte Verfahren für eine verordnete Therapie letztlich angewendet werden soll, können Erkrankte aber selbst mitentscheiden. In Deutschland erkennen die Krankenkassen vier Therapieverfahren an:
- Verhaltenstherapie
- analytische Psychotherapie (Psychoanalyse)
- tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
- systemische Therapie
Zugelassen werden nur Methoden, deren Wirksamkeit für alle psychischen Störungen wissenschaftlich belegt ist, erklärt Christina Jochim. Alle beruhen auf Gesprächen, unterscheiden sich aber in Schwerpunkt und Methodik. Doch was bedeutet das konkret für Betroffene? Ein Überblick über die gängigen Verfahren.
Verhaltenstherapie (VT)
Die Verhaltenstherapie gehört Christina Jochim zufolge zu den am häufigsten angewandten Methoden.
Bei der Verhaltenstherapie seien Patienten von Anfang an aktiv beteiligt, erklärt Samy Egli, Psychotherapeut und leitender Psychologe am Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Das Verfahren zielt vor allem darauf ab, ungünstige Verhaltensmuster zu durchbrechen. Der Grundgedanke: Wer sein Verhalten verändert, kann auch Gedanken und Gefühle beeinflussen.
Geeignet ist die Verhaltenstherapie grundsätzlich für alle Störungsbilder, besonders für Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, Essstörungen sowie Abhängigkeitserkrankungen.
„Das Besondere daran ist, dass die Verhaltenstherapie sehr stark im Hier und Jetzt arbeitet“, konstatiert Jochim. Die Therapieform untersucht, wie Gedanken, Gefühle und Verhalten zusammenhängen. Dieses Trio bildet den Kern der Methode. Häufig kommen Rollenspiele und praktische Übungen zum Einsatz.
Sitzungen finden meist einmal pro Woche über ein halbes bis ein Jahr statt; gegen Ende können die Abstände größer werden. Bei einer Langzeittherapie sind laut Egli bis zu 60 Sitzungen möglich, die in der Regel von den Krankenkassen übernommen werden.
Analytische Psychotherapie (Psychoanalyse)
Die Analytische Psychotherapie ist laut Egli eine Weiterentwicklung der von Sigmund Freud begründeten Psychoanalyse und damit die älteste Form der Psychotherapie. Heute ist sie allerdings weniger verbreitet. Psychoanalyse mache nur noch etwa 2,5 Prozent der abgerechneten Krankenkassentherapien aus, erläutert Jochim.
Im Zentrum der Psychoanalyse stehen unbewusste Konflikte: Innere Spannungen oder ungelöste Erfahrungen, die unser Leben stark prägen können. Probleme werden laut Jochim vor allem durch deren Bearbeitung angegangen, meist über freies Sprechen (freie Assoziation) und die Deutungen der Psychoanalytiker.
Ein wesentlicher Unterschied zu anderen Verfahren besteht darin, dass sich der Therapeut während der Assoziation weitgehend zurücknimmt und die vorschnelle Bedürfnisbefriedigung vermeidet, betont Egli.
Besonders wirksam sei die Methode bei tief sitzenden Beziehungsproblemen und wiederkehrenden Mustern, die belastend wirken und psychische Erkrankungen aufrechterhalten, stellt Jochim fest.
Die Sitzungen finden klassisch im Liegen statt, sind aber auch im Sitzen möglich. Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich von anderen Therapieformen: Typischerweise finden zwei bis drei Sitzungen pro Woche statt, die Therapie dauert in der Regel über zwei Jahre und umfasst etwa 160 Sitzungen in der Langzeittherapie, so Egli.
Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP)
Ebenfalls weit verbreitet ist die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Sie eignet sich ebenso für alle psychischen Störungen. Besonders wirksam ist sie laut Jochim bei Depressionen, Ängsten, psychosomatischen Beschwerden, aber auch bei Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Der wichtigste Unterschied zur analytischen Psychotherapie liegt Egli zufolge darin, dass die Therapeutinnen und Therapeuten aktiver vorgehen und den Fokus stärker auf Klärung und Einsicht legen. „Eine typische Technik ist, Beziehungsmuster und Konflikte zu verstehen und zu verändern“, erklärt der Psychotherapeut.
Eine Besonderheit dieser Therapie ist, dass aktuelle Probleme auf unbewusste Konflikte aus der Vergangenheit zurückgeführt werden. „Das Ziel ist, den Einfluss dieser Konflikte zu verstehen und sie innerlich aufzulösen“, wie Christina Jochim erläutert. Anders als in der Verhaltenstherapie liegt der Schwerpunkt also weniger auf dem Hier und Jetzt, sondern auf der Aufarbeitung vergangener Konflikte.
Bei den Rahmenbedingungen – Dauer, Häufigkeit der Sitzungen und Kostenübernahme durch die Krankenkassen – unterscheidet sich die tiefenpsychologisch fundierte Therapie kaum von der Verhaltenstherapie.
Systemische Therapie
Die systemische Therapie ist das jüngste Verfahren, das von den Krankenkassen anerkannt wird. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die einzelne Person, sondern ihr Umfeld: Probleme werden im Zusammenhang mit Beziehungen, Familie, Partnerschaft oder anderen wichtigen sozialen Systemen verstanden, erklärt Psychotherapeutin Christina Jochim.
Grundsätzlich eignet sich die systemische Therapie für alle Störungsbilder, besonders dann, wenn Beziehungssysteme eine wichtige Rolle spielen. Ursachen werden laut Egli häufig im familiären oder partnerschaftlichen Beziehungsgeflecht gesehen. „Eine typische Technik ist die Familienaufstellung, zum Beispiel mit Figuren.“
Die Methode ist damit nicht nur für Paare und Familien hilfreich, sondern auch für Einzelpersonen, wenn ihre Probleme stark mit ihrem sozialen Umfeld zusammenhängen.
Zu Beginn finden die Sitzungen laut Egli meist alle ein bis zwei Wochen statt. Mit der Zeit werden die Abstände größer – gegen Ende oft nur noch alle sechs bis acht Wochen. Eine systemische Therapie dauert in der Regel ein halbes bis ein Jahr. Bei einer Langzeittherapie sind bis zu 36 Sitzungen möglich, die bei Erwachsenen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden.
