Diskussion mit Mercedes-Chef
Wie sicher sind die Mercedes-Jobs in Deutschland, Herr Källenius?
Mercedes schlägt Alarm: Hohe Löhne verschärfen die Debatte um den Standort Deutschland. Konzernchef Ola Källenius stellt sich den Fragen unserer Redaktion und der Leser.
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Ola Källenius, Chef von Mercedes-Benz, stellt sich den Fragen unserer Redaktion und unserer Leser.
Von Klaus Köster
Was Martin Brudermüller zur aktuellen Lage zu sagen hat, ist mit „aufregend“ noch vorsichtig umschrieben. Die Situation in Deutschland sei viel ernster, als die meisten denken, sagte der Aufsichtsratschef von Mercedes. „Wir erleben seit Jahren eine sich beschleunigende Erosion der Wettbewerbsfähigkeit unseres Heimatlandes.“
Um das zu ändern, scheut Brudermüller auch nicht davor zurück, ein bisheriges Tabuthema anzusprechen: die von der IG Metall vehement verteidigte 35-Stunden-Woche. Er plädiert dafür, die Arbeitszeit um fünf Stunden pro Woche zu erhöhen – ohne entsprechenden Lohnausgleich.
Spätestens an dieser Stelle gehen die gesamtwirtschaftlichen Forderungen unmittelbar in die Situation beim Stuttgarter Autobauer über. Denn auch Mercedes kämpft mit hohen Kosten und legt inzwischen selbst in der Wortwahl die bisherige Zurückhaltung gegenüber den Gewerkschaften ab. Die Arbeitskosten in Deutschland seien nicht mehr wettbewerbsfähig, lautet die an Deutlichkeit kaum zu überbietende Aussage. Deshalb führt das Unternehmen nach eigenen Angaben „intensive Gespräche“ mit der Arbeitnehmerseite.
Während Mercedes in Deutschland Tausende Stellen abbaut, investiert der Konzern in Ungarn in den Ausbau seiner Autofabrik. Dort seien die sogenannten Faktorkosten, zu denen auch die Löhne zählen, rund 70 Prozent niedriger als in Deutschland, erklärte Finanzchef Harald Wilhelm bereits vor Längerem. Vereinfacht gesagt: Für die bisherigen Lohnkosten eines in Deutschland produzierten Autos könnten in Ungarn drei Fahrzeuge gebaut werden. Das erweiterte Werk soll in Kürze den Betrieb aufnehmen.
Geopolitik setzt Mercedes stark unter Druck
Auch geopolitische Entwicklungen bringen den Standort Deutschland unter Druck. Wegen der Zölle, die US-Präsident Donald Trump auf Importe erhebt, gewinnen die USA als Produktionsstandort an Bedeutung; niedrige Energiekosten und ein vergleichsweise unternehmensfreundliches Umfeld mit schnellen Genehmigungsverfahren erhöhen die Attraktivität des Standorts zusätzlich, während es zugleich Argwohn gibt, weil die beiden größten Aktionäre in China sitzen. Das dürfte dazu beitragen, dass Mercedes den GLC künftig auch dort produzieren wird. Und in China ist der Preiskampf so heftig, dass viele Modelle für den dortigen Markt in Deutschland kaum zu wettbewerbsfähigen Kosten gebaut werden können.
Früher begründete die Industrie den Ausbau ihrer Auslandsfertigung meist mit dem Argument, man produziere dort, wo die Märkte seien. So sichere man sich gegen mögliche Zollschranken ebenso ab wie gegen Wechselkursschwankungen oder steigende Transportkosten. Dass sich durch die Verlagerung von Produktion und Arbeitsplätzen ins Ausland häufig auch erhebliche Kosten sparen lassen, war jedoch stets ein wichtiger Nebeneffekt. Öffentlich wurde dieser Aspekt meist nur am Rande erwähnt, um Politik und Gewerkschaften nicht zusätzlich zu provozieren.
Die jüngsten Forderungen Brudermüllers nach einer Rückkehr zur 40-Stunden-Woche deuten darauf hin, dass Teile des Managements diese Zurückhaltung inzwischen für überholt halten. Bereits die Investitionen in Ungarn hatte Finanzchef Harald Wilhelm ungewöhnlich deutlich mit den unterschiedlichen Lohnkosten begründet. Konzernchef Ola Källenius kritisierte zudem die hohe Zahl an Krankheitstagen in Deutschland und verwies auf Unterschiede zu Beschäftigten in Ungarn. Das Werk dort unterscheide sich praktisch nicht von denen in Deutschland.
Wird Mercedes durch Auslandsfertigung wettbewerbsfähig?
Nimmt man all diese Aussagen zusammen, stellt sich für den Standort Deutschland und auch für die Mercedes-Belegschaft zunehmend die Frage, ob die deutsche Industrie ihre Wettbewerbsfähigkeit künftig vor allem dadurch sichern will, dass sie einen immer größeren Teil ihrer Wertschöpfung ins Ausland verlagert.
Zwar investiert Mercedes weiterhin erhebliche Summen in Deutschland, derzeit etwa in eine hochmoderne Lackiererei im Werk Sindelfingen. Das lässt sich durchaus als Bekenntnis zum Standort verstehen. Das Wachstum des Konzerns kommt jedoch zunehmend den ausländischen Standorten zugute.
Mit welchem Kurs will Källenius Mercedes durch wirtschaftlich schwierige Zeiten führen? Wie geht der Konzern mit den geopolitischen Herausforderungen, den weltweiten Handelskonflikten und den instabil gewordenen Lieferketten um? Wie beurteilt Källenius die Zukunft des Unternehmens und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen es agiert? Und welche Perspektiven haben die Arbeitsplätze in Deutschland?
Diesen und weiteren Fragen wird sich der Mercedes-Chef im Rahmen von „Treffpunkt Foyer“ und „StZ im Gespräch“ stellen. Die Veranstaltung „Mercedes im Wandel: Wohin Ola Källenius den Konzern steuern will“ findet am Dienstag, 21. Juli, von 19 bis 20.30 Uhr in der Sparkassenakademie Stuttgart (Pariser Platz 3A) statt. Moderiert wird sie von Joachim Dorfs, Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten, sowie von Anne Guhlich, stellvertretende Chefredakteurin beider Zeitungen.
Wer vor Ort dabei sein möchte, kann sich online unter www.zeitung-erleben.de/mercedes anmelden. Für Abonnenten kostet die Teilnahme 10 Euro. Mit dem Promo-Code „ABO2026“ erhalten Sie den vergünstigten Preis. Regulär kosten die Tickets 12 Euro.
Sie können den Moderatoren vorab Fragen an den Mercedes-Chef schicken. Die E-Mail-Adresse lautet: chef@stzn.de (Betreff: Ola Källenius).
Wir freuen uns auf Ihren Besuch!
