Kühlung in der Großstadt

Wie Städte weltweit sich gegen Extremhitze wappnen

Schweißtreibende Hitze rollt über Deutschland, Großstädte werden zu Hitzeinseln. Welche Lösungen gegen Extremhitze haben Städte im Ausland? Von Wasser, Begrünung und gewiefter Bauweise.

Mit Sprühnebelduschen will Paris seinen Bewohnerinnen und Bewohnern Abkühlung verschaffen. (Archivbild)

© Marcus Brandt/dpa

Mit Sprühnebelduschen will Paris seinen Bewohnerinnen und Bewohnern Abkühlung verschaffen. (Archivbild)

Von Von den dpa-Korrespondentinnen und -Korrespondenten

Paris/Barcelona/Singapur - Besonders Großstädte leiden unter heißem Wetter. Dichte und hohe Bebauung lässt Betonwüsten sich schnell aufheizen, die Hitze kann schlechter entweichen und auch nachts kühlt es weniger ab. Mit dem Klimawandel dürften Hitzewellen zunehmen und intensiver werden. Wie also sich für die Extremhitze wappnen? Verschiedene Orte rund um den Globus zeigen, wie es gehen kann:

Frischwasser und Stresstest in Paris

Das enge Paris ist nicht die grünste Stadt, hat aber mittlerweile rund 1.400 Orte zum Abkühlen geschaffen. Von Schattenplätzen im Park reicht das bis zu Räumen im Rathaus, die bei Hitze öffentlich zugänglich sind. An fast jeder Ecke bietet die Stadt zudem kostenlose Trinkwasser-Spender, an denen die Bewohner sich auffrischen können. Und auch immer mehr Sprühnebel-Duschen auf Plätzen und Wegen sorgen inmitten der Hitze für eine feuchte Abkühlung.

Insgesamt ist Frankreich mit einem Schutzplan gegen Hitze recht gut aufgestellt. Landesweit - auch in Paris - gelten Warnstufen, es gibt ein Register für Risikogruppen, und im öffentlichen Raum wird immer wieder auf Tipps bei Hitze hingewiesen. Um die bestehenden Notfallpläne noch zu verbessern und die Menschen zu sensibilisieren, hat Paris vor wenigen Jahren in zwei Bezirken getestet, wie Krankenhäuser, Feuerwehr, Anwohner und Schulen mit ungewohnt extremer Hitze über lange Zeit umgehen würden. Das haben sich andere Städte zum Vorbild genommen und wollen nun ihrerseits ihre Hitzepläne stresstesten.

Viel Grün und Kälte von unten in Singapur

Die südostasiatische Wirtschaftsmetropole gilt als Vorreiter im Kampf gegen die zunehmende Hitze in Städten. Statt sich allein auf Klimaanlagen zu verlassen, setzt der Stadtstaat seit Jahren auf eine massive Begrünung. Vielerorts wachsen vertikale Gärten an Hochhäusern, begrünte Fassaden und Dachgärten sollen die Aufheizung der Gebäude reduzieren und Schatten spenden. Neue Stadtviertel werden so geplant, dass Luft besser zirkulieren kann und sogenannte Hitzeinseln vermieden werden. 

In einigen Stadtteilen kühlt Singapur ganze Häuserblocks über ein unterirdisches Rohrnetzwerk. Eiskaltes Wasser wird zu Bürogebäuden gepumpt und ersetzt dort viele einzelne Klimaanlagen. Das spart Strom und verringert die Abwärme, die sonst zusätzlich die Stadt aufheizt. Auch helle Fassaden und Straßenbeläge sollen dafür sorgen, dass weniger Hitze gespeichert wird.

Klimaangepasstes Bauen in Dakar

Westafrikanische Länder am Rande der Sahara wie Burkina Faso und der Senegal gehören zu den heißesten Ländern der Welt. Der in Burkina Faso geborene und seit Jahrzehnten in Deutschland lebende Architekt Francis Kéré überträgt uralte Techniken seiner Heimat auf moderne Bauten wie Schulen, Museen und Bibliotheken und erhielt dafür 2022 als erster Afrikaner die höchste Ehrung der Architektur, den Pritzker-Preis.

Wie kühle Orte in heißen Städten der Zukunft aussehen könnten, zeigt Kérés im April eröffneter Neubau des Goethe-Instituts in Senegals Hauptstadt Dakar. Ziegel aus rotbraunem Lehm nehmen Wärme auf und geben sie nur langsam wieder ab. Durch seine Ausrichtung kühlt sich das geschwungene Gebäude mit Zugluft und seinem eigenen Schatten weitgehend selbst. Aus Kérés Sicht könnte man mit Lehmarchitektur auch in größerem Maßstab bauen.

"Superblöcke" und Schutzräume in Barcelona

In der spanischen Touristenmetropole Barcelona ist es zwar in der Regel nicht so extrem heiß wie etwa in Sevilla in Andalusien, aber wegen der hohen Luftfeuchtigkeit können schon Temperaturen über 35 Grad extrem schweißtreibend sein. Schutz bietet die Stadt in inzwischen rund 500 Abkühlungsräumen in öffentlichen Gebäuden wie Museen und in Apotheken und Drogerien, die freiwillig mitmachen. 

Am bekanntesten sind wohl die Inseln aus mehreren Häuserblöcken, Plätzen und verkehrsberuhigten Straßen, die mit viel Grün schattige Areale Orte zum Ausruhen inmitten des brausenden Großstadtverkehrs geschaffen haben. Derzeit gibt es sechs solcher Superilles, was sich mit Superblöcken übersetzen lässt. Lieferfahrzeuge und Anwohner dürfen mit maximal zehn Kilometer pro Stunde hindurchfahren, ansonsten sind Fußgänger, Radfahrer und die Gäste der vielen Straßencafés im Schatten großer Bäume unter sich. 

Gelenkter Wind in Nah- und Mittelost

Im Nahen und Mittleren Osten entwickelten Baumeister schon vor Jahrhunderten Windtürme zur natürlichen Belüftung von Gebäuden, bekannt als Badgir (Persisch) oder Baradschil (Arabisch). Bei der einfachsten Form kann Wind durch Öffnungen in die Türme strömen. Daraufhin wird kalte Luft durch einen Schacht nach unten geleitet, um die dortigen Räume zu kühlen. Das Konzept vom gelenkten Wind hält sich bis heute in Katars Hauptstadt Doha, wo einige neue Gebäude so angelegt sind, dass Luftströme die Außenbereiche kühlen.

Die ältesten Windtürme im Iran stammen aus dem 14. Jahrhundert, es gibt aber noch viel ältere schriftliche Belege, weshalb teils von "Klimaanlage der Antike" die Rede ist. Solche Türme kann man heute auch im historischen Viertel der Metropole Dubai besichtigen. Die meisten Gebäude werden dort - wie in der gesamten Golfregion - allerdings mit Klimaanlagen gekühlt.

"Grüne Korridore" in Medellín 

In Medellín wurden aus Verkehrsachsen sogenannte "Grüne Korridore". Die kolumbianische Millionenstadt bepflanzte in den vergangenen Jahren stark befahrene Straßen, Mittelstreifen und öffentliche Plätze mit tausenden Bäumen und Sträuchern. Die Vegetation soll die Aufheizung der Stadt bremsen und für mehr Schatten sorgen. Nach Angaben der Stadtverwaltung sanken die Temperaturen in einigen der begrünten Bereiche um rund zwei Grad Celsius, zugleich besserte sich die Luftqualität. Das Projekt wurde für seinen Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel international ausgezeichnet.

Singapur ist bei der Hitzebekämpfung einer der weltweiten Vorreiter - unter anderem helfen vertikale Gärten. (Archivbild)

© Carola Frentzen/dpa

Singapur ist bei der Hitzebekämpfung einer der weltweiten Vorreiter - unter anderem helfen vertikale Gärten. (Archivbild)

Singapur gilt als eine der grünsten Metropolen der Welt. (Archivbild)

© Carola Frentzen/dpa

Singapur gilt als eine der grünsten Metropolen der Welt. (Archivbild)

Lehmziegel nehmen Wärme auf und geben sie nur langsam wieder ab. (Archivbild)

© Christina Peters/dpa

Lehmziegel nehmen Wärme auf und geben sie nur langsam wieder ab. (Archivbild)

Mitarbeiter warten die grüne Gebäudefassade der Regierungsverwaltung. (Archivbild)

© edinson arroyo/dpa

Mitarbeiter warten die grüne Gebäudefassade der Regierungsverwaltung. (Archivbild)

Fußgänger bewegen sich im Schatten einer begrünten Wand in Medellín. (Archivbild)

© edinson arroyo/dpa

Fußgänger bewegen sich im Schatten einer begrünten Wand in Medellín. (Archivbild)

Touristen suchen bei großer Hitze den Schatten auf der Placa de la Sagrada Familia vor der gleichnamigen Basilika in Barcelona. (Archivbild)

© Jan Uwe Ronneburger/dpa

Touristen suchen bei großer Hitze den Schatten auf der Placa de la Sagrada Familia vor der gleichnamigen Basilika in Barcelona. (Archivbild)

Entspannt radelt ein Mann in einer der verkehrsberuhigten Oasen Barcelonas, den sogenannten Superilles. Autos sind auf angrenzende Straßen verbannt. (Archivbild)

© Jan Uwe Ronneburger/dpa

Entspannt radelt ein Mann in einer der verkehrsberuhigten Oasen Barcelonas, den sogenannten Superilles. Autos sind auf angrenzende Straßen verbannt. (Archivbild)

An zahlreichen Orten in Paris bieten Wasserspender und Sprühnebelduschen etwas Erfrischung. (Archivbild)

© Michel Euler/AP/dpa

An zahlreichen Orten in Paris bieten Wasserspender und Sprühnebelduschen etwas Erfrischung. (Archivbild)

Windtürme gibt es im Iran schon seit Jahrhunderten. (Archivbild)

© Arne Bänsch/dpa

Windtürme gibt es im Iran schon seit Jahrhunderten. (Archivbild)

In Jasd zählen die Windtürme bis heute zum Stadtbild. (Archivbild)

© Arne Bänsch/dpa

In Jasd zählen die Windtürme bis heute zum Stadtbild. (Archivbild)

Zum Artikel

Erstellt:
28. Juni 2026, 09:36 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen