Schlüssel-Studie korrigiert

Wurde Amerika doch später besiedelt als gedacht?

Muss die Geschichte Amerikas umgeschrieben werden? Offenbar ist ein zentrales Fundstück zu früh datiert worden. Forscher stellen die These, dass der Kontinent vor mehr als 14.500 Jahren besiedelt wurde, in Frage.

Amerikanische Völkertypen, indigene Bewohner Amerikas: Farblithografie aus dem Brockhaus Lexikon von 1908.

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Amerikanische Völkertypen, indigene Bewohner Amerikas: Farblithografie aus dem Brockhaus Lexikon von 1908.

Von Walter Willems (dpa)/Markus Brauer

Die Analyse der Fundstücke im chilenischen Monte Verde erregt seit Jahrzehnten das Interesse nicht nur der Wissenschaftswelt. Wurde Amerika bereits vor mehr als 14.500 Jahren besiedelt? Doch eine neue Untersuchung kommt zu ganz anderen Befunden. Müssen nun die Bücher wieder umgeschrieben werden?

Müssen Lehrbücher neu geschrieben werden?

Anhand dieses Funds waren einst Lehrbücher zur Besiedlung Amerikas umgeschrieben worden, auch wenn die Resultate von Anfang an misstrauisch beäugt wurden. Jahrzehntelang galt die Fundstätte Monte Verde in Chile als Beleg dafür, dass die ersten Menschen Amerika schon vor mehr als 14.500 Jahren besiedelt haben.

Nun, mehrere Jahrzehnte später, wird die ursprüngliche Datierung deutlich korrigiert: Der Fundort sei nur zwischen 4200 und maximal 8200 Jahre alt, berichtet ein internationales Forscherteam nach ausgiebiger Prüfung im Fachjournal „Science“.

Monte Verde’s “14,500-year-old” human settlement just got demoted to 4,200–8,200 years old, slamming the brakes on the early peopling of South America and turning decades of textbooks into yesterday’s news. New stratigraphic bombshell resets Chile’s iconic site, forcing… pic.twitter.com/LOQYOLA1WL — Nirmata (@En_formare) March 19, 2026

Fundstätte Monte Verde

Ein Rückblick: Mitte der 1970er Jahre wird die Fundstätte Monte Verde in Zentralchile entdeckt, knapp 60 Kilometer von der Pazifikküste entfernt an einem Flussufer gelegen. Anfang der 1980er Jahre ergibt eine Radiokarbon-Datierung von Knochen und anderen Materialien ein Alter von etwa 14.500 Jahren.

Dieses Resultat erregt sofort enormes Aufsehen, ist es doch 1500 Jahre älter als die Clovis-Kultur im US-Bundesstaat New Mexico, die bis dahin als besonders früher Beleg für eine menschliche Besiedlung Amerikas gilt.

Die Diskussion beruhigt sich erst Ende der 1990er Jahre, als eine Gruppe unabhängiger renommierter Archäologen die Datierung bestätigt. Doch Fragen bleiben: Wie konnten die frühen Zuwanderer im nördlichen Nordamerika die damals noch weitgehend vergletscherte Landschaft durchqueren? Oder fuhren sie etwa mit Booten entlang der Pazifikküste Richtung Süden?

Grobes Alter von 4200 bis 8200 Jahren

Nun gibt die Untersuchung des Forscherteams um Todd Surovell von der University of Wyoming in Laramie der Diskussion einen überraschenden Dreh. „Diese Studie ist in den fast 50 Jahren seit der Entdeckung die erste Untersuchung von Monte Verde, die unabhängig von den ursprünglichen Forschern erfolgt“, schreiben die Forscher.

Ihrer Einschätzung zufolge ist die Fundumgebung weitaus komplexer als bislang angenommen, auch weil das Flussufer immer wieder überflutet wurde. Wichtig ist vor allem, dass das Team eine großflächige regionale Schicht von Vulkanasche eindeutig auf ein Alter von etwa 11.000 Jahren datieren kann.

Da die Fundschicht darüber liegt, muss sie jünger sein. Weitere Datierungen von Holz und Torf, die der Schicht zugeordnet werden, ergeben ein grobes Alter von 4200 bis 8200 Jahren – also grob halb so alt wie bisher vermutet. Ursache der vorherigen fälschlichen Datierung waren demnach ältere Materialien, die vom Flusswasser aufgespült und neu abgelagert worden waren.

Schlüssel zur Besiedlungsgeschichte Amerikas

„Wir korrigieren die Daten und zeigen, dass der Ort viel jünger ist als anfänglich vermutet“, erklärt Surovell. „Damit, dass die Besiedlung Amerikas nicht mehr länger von Monte Verde abhängt, stützt unsere neue Chronologie ein jüngeres Datum für die Ankunft des Menschen in Amerika.“ Dennoch sei eine frühere Besiedlung Amerikas nicht ausgeschlossen, betont das Team abschließend.

In einem „Science“-Kommentar fragt Jason Rech von der Miami University, wie Monte Verde drei Jahrzehnte lang die Schlüsselstudie für die frühe Besiedlung Amerikas bleiben konnte. „Die einfache Antwort ist, dass der archäologische Ort ziemlich entlegen ist.“

Er sei nicht von vielen Fachleuten besucht worden, welche die Bedeutung der vulkanischen Ascheschicht und die Lage der Fundstätte in einer Überschwemmungsebene einschätzen konnten.

Viele Funde älter als Clovis-Kultur mit 13.000 Jahren

Ob nun Lehrbücher erneut umgeschrieben werden müssen, sei jedoch unklar, betont Rech. Inzwischen gebe es viele Fundorte, die älter seien als die Clovis-Kultur mit ihren etwa 13.000 Jahren. So deuteten Funde aus Nordamerika sogar darauf hin, dass Menschen den Kontinent möglicherweise schon vor 20.000 Jahren betreten hätten.

Im Juni 2025 veröffentlichten Archäologen um Vance Holliday von der University of Arizona eine Studie im Fachjournal „Science Advance“. Demnach hinterließen Menscen schon vor 21.000 bis 23.000 Jahren Fußabdrücke an einem Seeufer in New Mexico.

Es sind die ältesten menschlichen Spuren auf dem amerikanischen Kontinent, wie die Neudatierung bestätigt. Sie widerlegt gängige Szenarien, nach denen der Homo sapiens Amerika erst nach Ende der Eiszeit besiedeln konnte, weil Gletscher ihm vorher den Weg versperrten. Dies wirft auch ein neues Licht auf andere, „unmöglich“ alte Funde in der Neuen Welt, schreiben die Wissenschaftler.

Der Schlamm, in dem die Eiszeit-Menschen einst ihre Fußabdrücke hinterließen, ist den Forschern zufolge zwischen 20.700 und 22.400 Jahre alt. Die Fußspuren sind demnach wirklich die ältesten auf dem amerikanischen Kontinent. „Diese Datierung ist in jeder untersuchten Schichtabfolge konsistent”, resümiert das Team.

„Wissenschaft braucht Zeit“

Generell sollten Fundstätten mit außergewöhnlichen Befunden eingehender überprüft werden, fordert Rech – ebenso wie die Autoren der Studie in ihrem Artikel. „Werden diese Orte die kritische Prüfung durch andere Wissenschaftler überleben?“, fragt er.

Wissenschaft brauche Zeit, und daher würden die wichtigen Fragen nicht in den nächsten paar Jahren geklärt, schreibt Rech. „Doch in wenigen Jahrzehnten sollte es ein viel klareres Bild geben über die Zeit, die Route und die Herkunft jener Menschen, die von Eurasien aus neue Welten besiedelten.“

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Erstellt:
20. März 2026, 17:00 Uhr

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