Zur Daimler-Villa gehörte einst ein imposanter Garten
Gottlieb Daimler beauftragte um 1890 den Stuttgarter Albert Lilienfein mit dem Bau eines Privatgartens. Die Reste liegen heute vergessen im Cannstatter Kurpark.
© Lichtgut/Ferdinando Iannone
Matthias Busch vom Geschichtsverein Pro Alt-Cannstatt im eher unbekannten Daimler-Garten in Bad Cannstatt. Die Anlage wurde einst vom Stuttgarter Landschaftsarchitekten Albert Lilienfein entworfen und gebaut.
Von Torsten Schöll
Stuttgart - Künstliche Grotten, pittoreske Wasserfälle und Springbrunnen, kleine Bachläufe, Aussichtsplattformen und sogar einen unterirdischen Felsengang – das alles ließ sich der Gartenliebhaber Gottlieb Daimler oberhalb seiner Villa in Cannstatt um 1892 mit viel Aufwand anlegen. Kosten, so viel steht fest, scheute der Industrielle nicht, wenn es um die Ausgestaltung seines Hausgartens ging. Ein historisches Foto aus dem Bestand des Mercedes-Benz-Archivs zeigt Daimler, wie er etwa drei Jahre nach Fertigstellung seines Privatparks auf einer Bank ruhend im Sonnenschein auf die spektakuläre Gartenanlage blickt.
Der Garten von Gottlieb Daimler ist ein Kulturschatz
Er scheint recht zufrieden mit dem Werk des Stuttgarter Gartenarchitekten Albert Lilienfein gewesen zu sein, der hier seiner Kreativität sichtbar freien Lauf gelassen hatte. Die Gartenbaufirma Lilienfein, später Albert Lilienfein & Sohn, war Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts bei Württembergs wohlhabender Oberschicht sozusagen der letzte Schrei. Wer etwas auf sich hielt und über die nötigen Mittel verfügte, beauftragte Lilienfein mit der Gestaltung seines Villengartens.
Thomas Hauptmann, Landschaftsarchitekt aus Nürtingen, hat dem weitgehend vergessenen Werk der einst namhaften Stuttgarter Landschafts- und Gartenarchitekten Albert Lilienfein senior und junior mehrere Jahre lang nachgeforscht. Dokumentieren konnte er am Ende rund 230 Anlagen in ganz Süddeutschland, von denen allerdings die wenigsten gut erhalten und viele sogar ganz verschwunden sind. Die kunstvollen Anlagen hat Hauptmann in einem Buch beschrieben, das kürzlich mit Unterstützung des Schwäbischen Heimatbunds erschienen ist.
Zu diesem vergessenen Kulturschatz gehört auch der obere Teil von Daimlers Hausgarten, der wie die Reste seiner Villa in der Taubenheimstraße im heutigen Kurpark von Bad Cannstatt liegt. Teil dieser oberen Anlage, die Lilienfein senior im landschaftlichen Gartenstil anlegte, ist auch der etwas später hinzugefügte Daimler-Turm, der noch heute existiert. Das Gelände, das Daimler bereits 1882 erworben hatte und zum Teil aus einem Steinbruch bestand, war vom älteren unteren Garten an der Villa durch eine öffentliche Allee getrennt.
Der parkähnliche Garten mit seinen Grotten, Wasserfällen und Aussichtsterrassen lag zu seiner Entstehungszeit noch am Rand von Cannstatt. Schon der Bau der Anlage machte auf die Zeitgenossen Daimlers offenbar so großen Eindruck, dass die Zeitungen ausführlich berichteten. So schrieb das Neue Tagblatt im Juli 1892: „Die aus Tuffsteinen hergestellten künstlichen Felsenpartien, die an denselben kastellartig angebrachten Türme, die in die Felsen eingefügten Grotten und die beiden der Natur nachgebildeten Wasserfälle machen auf den Beschauer einen eigenartig fesselnden Eindruck.“
Auch die Reste einiger Steinbastionen, die oberhalb der Grotten als Aussichtsplattformen dienten, sind heute noch zu erkennen. „Die Grotten selbst wurden in den 1950er-Jahren zugeschüttet“, erzählt Matthias Busch vom Verein Pro Alt-Cannstatt bei einer Besichtigung der Anlage an der Wiesbadener Straße. Unbekannt sei, wo der beschriebene unterirdische Gang verlief.
Heute ist dort, wo sich zu Gottlieb Daimlers Zeit die „zwei Morgen“ (entspricht etwa einem halben Hektar) große Gartenfläche befand, unter anderem ein öffentlicher Kinderspielplatz angelegt. Der hintere Teil des ursprünglichen Gartens ist mit einer Tennisanlage überbaut. Ein später angelegter Hangsteingarten, in dem jetzt im Frühjahr bunt die Polsterstauden blühen, begrenzt zum Kurpark hin das einstige Gartengelände.
Seit 1939 gehört der Daimler-Garten der Stadt Stuttgart
„Daimler war ein echter Gartenfan“, sagt Busch. Der Schriftsteller Paul Siebertz schrieb 1950: „Wenn er verstimmt oder unpäßlich war, ging er gerne hinauf zu dem Sonnenplatz zwischen Turm und Grotten und erging sich dort in der Wärme, die von den Travertinwänden so angenehm zurückgestrahlt wurde.“ Offenbar erholte sich der Erfinder des schnelllaufenden Benzinmotors im oberen Garten von seiner aufreibenden Arbeit. Nach dem Tod seiner Frau Lina 1939 gelangte der Garten in Besitz der Stadt Stuttgart und wurde in den Kurpark integriert und schließlich 1950 weitgehend umgestaltet. Von der kunstvollen Gartenarchitektur Albert Lilienfeins sind nur Relikte erhalten. Marode und sichtlich vernachlässigt sind inzwischen auch der historische Zaun und die Mauer, die das ehemalige Gartengelände zur Wiesbadener Straße begrenzen.
