800 Montagsdemos – und kein Ende

Rund 350 Menschen haben am Montag gegen das Bahnprojekt demonstriert. Darunter eine Gruppe aus Heidelberg.

Von Sebastian Steegmüller

Stuttgart - Es ist ein denkwürdiges Jubiläum: Am Montagabend fand auf dem Schlossplatz die 800. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 und für den Erhalt des Kopfbahnhofs statt. Rund 350 Projektgegner – so eine Schätzung der Polizei – trotzten dem einsetzenden Regen.

Auch eine sechsköpfige Gruppe aus Heidelberg nahm die rund einstündige Zugfahrt auf sich, um in der Stuttgarter Innenstadt zu protestieren. „Wir kommen seit 16 Jahren mehr oder weniger regelmäßig in die Landeshauptstadt“, sagte Karin Weber. Immer, wenn es die Gesundheit und der Terminplan eben zulassen. Auslöser sei der Schwarze Donnerstag am 30. September 2010 gewesen, also der brutale Polizeieinsatz gegen Stuttgart-21-Gegner im Schlossgarten. „Am Anfang hatte man noch Hoffnung, dass es etwas nutzt, wenn die Bürger auf die Straße gehen. Bei der nächsten Landtagswahl 2011 habe ich damals Grün gewählt, weil die Politiker bei den Demos präsent waren“, so die 74-Jährige. „Muss ich mehr sagen? In meinem Leben wähle ich nicht mehr Grün.“

Trotz dieser Enttäuschung und des Baufortschritts am Tiefbahnhof wird Karin Weber, die beruflich selbst bundesweit Infrastrukturprojekte plante, nicht müde, gegen das Milliardenprojekt zu demonstrieren. Daran ändert auch nichts, dass sie für ihr Engagement im Freundes- und Verwandtenkreis teilweise belächelt wird. „Zum einen gilt es, den Pfaffensteigtunnel zu verhindern. Zum anderen geht es darum, darauf hinzuwirken, dass die demokratischen Spielregeln eingehalten werden. Dafür sind die Demos gegen Stuttgart 21 wichtig“, sagte die Rentnerin. „Es kommen immer wieder Halbwahrheiten und gar keine Wahrheiten auf den Tisch. Man kann nicht oft genug darauf hinweisen. Das Projekt hätte niemals genehmigt werden dürfen, so wie es gebaut wird.“ Darüber hinaus hätte man vor dem Bürgerentscheid mit offenen Karten spielen müssen, sagte sie, die sich am Montag auf dem Schlossplatz mehr junge Menschen gewünscht hätte.

Roswitha Claus, die ebenfalls aus Heidelberg anreiste, bereitet vor allem der Brand- und der Hochwasserschutz im Tiefbahnhof Kopfzerbrechen. Als sie vor mehr als 15 Jahren erstmals an einer Montagsdemo teilnahm, habe sie gedacht, dass der Protest ein Vierteljahr andauert. „Jetzt ist es eine halbe Ewigkeit. Ich bin skeptisch, ob das Bahnprojekt jemals fertiggestellt wird.“

Angelika Linckh, die Moderatorin der 800. Montagsdemo, lobte die Beharrlichkeit. „Wir sind da. Wir geben nicht auf. Wir fordern weiterhin eine Bahnpolitik, die unserer Stadt, den Reisenden und der Vernunft gerecht wird“, sagte sie zu Beginn der Veranstaltung – und richtete einen direkten Gruß an die kleine Gruppe aus Heidelberg. „Es wäre schön, wenn unsere Forderungen auch politische Konsequenzen hätten. Ich sehe, was alles am Bahnhof zerstört worden ist. Solange es noch nicht einmal einen Termin für eine Teilinbetriebnahme gibt, bin ich sehr zuversichtlich, dass wir den Kopfbahnhof mit den oberirdischen Gleisen erhalten können.“ In der Tat wurde die Eröffnung zuletzt erneut verschoben, ein konkretes Datum nennt die Deutsche Bahn nicht.

Etwas abseits von der Bühne auf dem Schlossplatz verfolgte indes Stephan Eber aus Stuttgart-Ost die Versammlung, ganz ohne „Oben bleiben“-Button oder ein Schild, das auf die 800. Montagsdemo hinwies. Ein Befürworter von Stuttgart 21 ist er trotzdem nicht. „Es ist ein absurdes Projekt. Und es ist absurd, dass man es nie gestoppt hat“, sagte er. „Was hätte man mit dem Geld alles machen können?“ Schätzen, wie viele Montagsdemos bis zur Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs noch folgen, möchte er nicht. „Aber es werden wohl einige sein.“

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Erstellt:
31. März 2026, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
1. April 2026, 21:59 Uhr

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